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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-06-30 · 26 (30.6.1916) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
26 (30.6.1916)
Date
1916-06-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 432 Tr. Vloch's Wochenschrift Nc. 26 auch nicht geschehen? Eltern, welche die Binder zur Schule schicken, um sie dort uns- und sortbildeu zu lassen, werden es immerzu und in ackeri Fallen lieber sehen, tnenn die Binder sich fleißig in den Unterrichtsgcgenstünden betätigen. Daß die Faulheit oder Nachlässigkeit der minder von den Ettern systematisch unterstützt wird, ist eine Annahme, die ich auch hinsichtlich der Religion vorweg von der Hand weise. Der Zulaus zu den Bibelschulen, der unablässig stattsiudet, ist , üe mich der beste Beweis dieser optimistischen Auffassung. . Allein die Besonderheiten des Religionsunterrichtes sind es, die aus die Beherrschung des Stoffes ausschlaggebend. und von Wichtigkeit sind. „Religion" ist nicht bloß ein prattifcher FertigkeitSuaterrlch, sondern sie ist eine ie.ee.le, ich möch.e sagen, seeiische Un.eeweisnng. Die Religion ist — um mich populär auszudrücken — eine Dache für das Gemüt. Es gibt noch andete Disziplinen, uw das Gemüt eine Rolle spielt; selbst Fächer, die eine praluische Berufsstellung aubahnen, aber doch eine gerviste seelische Mitarbeit bedingn. Man braucht nur an die Tier- und Pflanzenkunde za denken, wo häufig eine genüge Liebhaberei, eine Borliebe für organische Gebilde uyv. ruitwirlen. Hier allerdings muß ich in Inhalten. In der Beschränkung zeigt sich der — Laie. Zu lies in diese Materie will und kann ich nicht eindringen. Die muß pädagogisch ansgeschro.ct werden, urd zu allem^ auf der Well habe ich'eher Talent als zu^ Schulmeisteret. Aber ich fühle religiös und ich glaube a-'ch sittliches Empfinden zu besitzen — und trotzdem würke ich mich mit Händen und Füßen dagegen, sträube!!, eine „Gebetmühle" zu sein oder zu werden. Da bin ich nun mit einem Tatze bei dem springenden Punkt der ganzen Fehde angelangt. Ein Unter richtsplan, der offensichtlich aus nichts mehr und nichts weniger hinausläuft, als ans den jüdischen .Kindern klappernde oder plappernde Gebetmühlen zu mache?, frönrmelnde Leierkasten und gedankenlos schnarrende Grammophone, kann meines Dafürhaltens an, eine ernstliche Würdigung und Berücksichtigung nicht rechnen. Jene vielfältigen Disziplinen, aus denen sich der Religionsunterricht zusammensetzt, müs.en jede in ihrer Art beigebracht und beherrscht werden. Ich leugne nicht einzelne davon sind ungemein schwierig zu erlernen, insbesondere die hebräische Sprach?. Die brauche t Anstrengung, sie brauchen Fleiß und Verständnis. Dittenlehre, Dprachentünde find Dinge, die sich nicht spielend, srudern nur mit Mühe bcibringeu und kapieren lassen, und gewiß müssen sie mit einem gleichen Aufwande an geistiger Kapazität überwunden werden wie die Schwie riglri.eu der anderen prosaneu Fächer. Wann und wem ist es aber jemals beigefallen, die Kenntnis solcher Fächer durch „Dingen und Lagen" zu erzielen? Denken wir an die Literatur. Gewiß wäre es viel amüsanter und spielerischer, sich mit Deklamationen o.er Vo rtragsimi eu zu begnüget!, als die klassischen Dichtungen eingehend zu lesen, zu deuten und zu erklären, in das Wesen und den Geist der Sprache und in die Gedankenfülle des Dichters einzudringen. Wie schön und fesselnd sind die Schulstunden, wo etwa zur Abwechslung die Chöre aus der „Braut von Messina" von den Schülern geübt rrud vorgetragen werden! Das sind Amüsements,' Zerstreuungen, muntere Abwechslungen in der Eintönigkeit des Uuterrichtsbetriebes. Auch die Experimentierstunde in der Physik ist viel vergnüglicher als der nüchterne Ausbarl eines Beweises für die Gesetze und Formeln der Nalurphänomene. Das muß studiert, das muß „gebusselt" werden, wenn mau will; angeflogen kommt es niemandem, nicht einmal den Talenten. Ich fürchte aber sehr, es gibt überhaupt keine Lehrmethode, welche in der Lage wäre, nach Art des Nürnberger Trichters auf dem Wege der Zerstreuung Kenntnisse zu verbreiten, und nicht einmal den Spaziergängern der alten Griechen möchte ich es glauben, daß sie, wie es heißt, bloß lustwandelnd gelehrt und gelernt haben. Die Griechen hatten ein anderes 'Sprichwort, das da lautet: Bor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Ich kann mir aber auch sonst nicht Vörstetten, wie das Aussagen von Gebeten den Religionsunterricht ersetzen oder ausfüllen soll. Um die Gebete hebräisch anssagen und singen zu können, muß inan doch auch, erst die hebräischen Laute, Sprachregeln und Verbindungen usw. usw. lehren. Man muß also auch hier alle Lehrmethoden und Lehrbehelfe anivenden, die schon jetzt das Gerüste des Unterrich.es bilden. Man kommt also um die wahre Schwierigkeit auch so nicht herum. Gleich - wohl glaubt der Vorschlag des Herrn Lehrers und seines Fürsprechers die Vorzüge der neuen Methode darin zu erblicken, daß der Unterricht in Farm wes Gesanges belebender wirkt, daß der Gesang ein rasches Lesen unnötig macht und daß letzten Endes die Schüler nicht m e h r tu i t einem Wissen beladen rv e r d e u, d a s für d e u G ottesdien st z u> ecklo s i st. Ich will nicht wiederholen und dann auch nicht in der Eile zusammenfassen, was alles von berufener Seite pro undcontra vorgebracht wurde. Ich für meinen Teil möchte ineinen, daß der Vorzug, den die Synagoge und der Gottesdienst für den Unterricht besitzen, den Kinde n auch jetzt nicht versperrt ist. Die Betstätten stehen täglich offen, an den Sabbaten und Festtagen find sie aber so überfüllt, daß es eher nötig ist, die Kinder sernzuhalten.*' Und wenn die mannbare Generation, die unter beengteren Verhältnissen, was die Bereitstellung von geräumigen und prunkvollen Betstätten anbetrifst, ausgewachsen ist, mit aller Hingebung und Inbrunst sich zu den Gottesdiensten drängt, so bin ich nicht skeptisch genug, daran zu zweifeln, daß dies auch bei der jetzigen Jugend te: Fall sein wird. Sie ist nicht schlechter und nicht indisch - renter, als die frühere es war. Im Gegenteile: ich habe den Eindruck, daß. sie vielleicht noch glühender für das Judentum fühlt. Mit Traktätchen jedoch wird dem religiösen Leben nicht gedient. Den unwissenden Juden, der mechanisch sein Gebetlein jagt und singt, stelle ich nicht so hoch wie den intellektuellen Inden, der sein Gebet vielleicht stockend und unbeholfen spricht, aber von kindlicher Andacht erfüllt ist, und diese Andacht doch auch mit Verständnis für das Weltgeschehen paart. Auch Hanna hat nicht gesungen; „ihre Lippen bewegten sich, aber ihre Stimme wurde nicht gehört". Wer allerdings da meint, daß das Gebet allein und ausschließlich Religion bedeutet, der wird der neuen Lehrmethode gewiß, beistimmen. Wer aber, tv.'e ich, erachtet, daß das Gebet nur einen Teil der Religion und daher auch des Religionsunterrichtes bildet, der wird sich mit dieser Idee nicht befreunden können. Es ist nicht frevlerisch, wenn ich behaupte, daß auch unsere Lehre eine Art Dreifaltigkeit besitzt. Unsere Weisen und unsere heiligsten Gebete, haken sie hervorgehoben. Sie b e st e h t aus R e ch t t u n, W o h l t u n und Bet c n. Das Beten ist also nur ein Teil der religiösen Betätigung. Die Religion selbst reicht viel weiter. Sie ist die Erkenntnis von der Stellung und der Mission des jüdischen Glaubens, seiner Geschichte, seiner Ethik, der Freuden und Leiden des Volkstums, der Liebe zum Glauben und seiner Gemeinschaft. All dies zusammen sind die unverrückbaren Grund- und Tragpfeiler eines gottgefälligen jüdischen Lebens. Demgegenüber sind die synagogalen Gesänge, die gewiß erhebend wirken und die Andacht wecken, doch nur *) Sie müssen draußen bleiben, wachsen und warten, bis auch sie sich einen Platz kaufen können.

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