Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 25 (23.6.1916)
- Date
- 1916-06-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3020846-3022195-3022221--25205-3050494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 25 Tr. Bloch's Wochenschrift «eite B5 Mechedsera. Wie das „Lodzer Volksblatt" der ,-Jewrcjskaja Shisn" entnimmt, ist zum Filnanzdirector ooit Mechedsern der erst a ch t z e h n j ä l) r i c\ e Jude Marko N e g o sta n ernannt tvorden. Feuilleton. Eine jüdische Familie in einer Höhienurotznnrrg Die ungarisch-jüdische Monatsrevue „Mult 0$ iöuö'' (Bergartgenheit und Zukunft! veröffeuUicht einer Auczng aus einem interessanten Feldpostbrief, '.reichen der Bezirksrabbiner Isaak Weisz in Kajaszoszentpetec öort H'tm'iit Berivandten, dem Kadettfeldivebel Ludwig F l e i s chm a n n, vom russischen Kriegsschanplat' erhielt und welcher dem ungarisch jüdischen Kriegsarchiv zvar Geschenk gemacht wurde. Dieser Auszug lautet: „Als ich aus dem Dorfe herauskam, mußte ich durch einen Wald marschieren, um ans den im voraus verein: barten Bersantmlurlgsort einzurücken. Um luit mcimnt Leuten früher vor meinem KompagniekoniUlandanten erscheinen zu können, wich ich voll dein cp'wöhalichen Wege ab. Während des Marsches bemerkte ich ans einem entlegenen Platze des Waldes eine verdächtige Boden öfh nuug. Ich gab meinen Leuten sofort den Befehl, dieses Erdloch aufzuklären. Ich hatte eilten Korporal, der polnisch und russisch verstand, der rief in die Höhlenöffuung hinein, erhijelr jedoch keine Antivort. Hierauf unternahmen es zivei meiner geschicktestell Leute, unter die Erde hinabzusteigen. Ich gab ihnen nreine elektrische Lampe urit u.lld die Männer verschwanden. Einen Augenblick Totellstille. . . Ich horche gespannt. Mit einemmale wird durch die Oeffnung bitteres Schluchzen hörbar und im nächsten Moment springen meine Leute aus der Höhle heraus und melden mir, daß da druntell eine jüdische Familie — vom Urgroßvater bis zuiu Urenkel — zusammen gepreßt wohne! ... Ta ich nicht sicher wußte, welcher Gesinnung diese Menschen sind, rief ich strengen Tones hinunter, daß sie sofort herauskommeu mögen. Der Befehl klang sehr «strenge, mein Aeußeres mochte, da ich lllich scholl lange nicht rasieren konnte, sehr u>Ub erfchieltctt seili, denn es kanr bloß ein ergrauter, langbärtiger Jude, vor Furcht zitternd, hervor urid flehte weinend^ ihn: kein Leid zu tun. Wegen meiner Soldaten, nietche ihn mit aufgepflanzteuc Bajonett ulnstaliden, wagte er llicht zu sprecheil. (Sin befehlender Blick meinerseits gellügte, ineine Leute traten zurück. Nachdenc dies geschehen war, nahul ich den Alten ills Verhör, frag ihn, was eigentlich in der Höhle vorginge, aber ich sah, daß er sich llicht getraute, es zu verrateil, obgleich die freundlichere Stimmung meiner Soldaten feine Angst ein wenig zu vermindern schien. Ich war voll vorneherein überzeugt, daß der Alte keine böfeit Absichten gegen uns hege und näherte mich ihm als Freund, indem ich ihn beruhigte, daß auch ich Jude sei, im bürgerlichen Berufe Ingenieur, er daherkeinen Grund zur Aengstlichkeit habe, derlli wir Ungarn kämpfen nicht gegen unschuldige, unbewaffnete Juden, sondern gegen das russische Militär. Diese beruhigende Allfmuilterung reichte hin und die Zunge des Alten löste sich. Tränenden Auges klagte er, daß sie, solange die Russen im Torfe waren, ein furchtbares Leben durchzumachen hatteil, daß seine Familie, als die reichste jüdische Familie des Dorfes, aller Habseligkritea beraubt wurde. Ihr Leben vermochten sie auch nur so zu retten, daß sie eitles Nachts sich einzeln durch die russischen Linien hindnrchschlichen und in dieser Höhle Schul.' sau den. Bis zu deul Tage, da die Uusrigen gekommen uuieit und die Russen vertrieben hatten, lebte diese Familie wie lebendig Begrabene. Sie sah nicht den Strahl der Sonne, und nährte sich damit, was sie auf der Flucht mitzuuehmen vermochte. Nun erweckten auch die übrigen Mit glieder der Familie mein Interesse. Ich forderte Den Alten auf, sie alle herbeizurufeu. Die Familienmitglieder folgten jedoch erst nach längerem, stärkerem Zureden dem Rufe ihres Großvaters, denn sie fürchteten, daß oben Russen auf sie lauern! . . . Wahrhaftig, während meines ganzen Aufenthaltes auf feindlichem Boden war ich niemals so ergrijfeu, als beim Anblicke dieser armen, elenden Familie. Wie lueitit die schönste Edelrose .zwischen dürrem Gehölze auf dem Boden liegt, so wirkten auf mich diese unschuldigen, prachloollen Mädchen im Alter von 16 24 Jahren in dieser furchtbaren Lage. Nun begriff ich, weshalb der Alte so sehr für seine Familie fürchtete. Meine Leute vergaßen instinktiv ans den ganzen Krieg und betrachteten mit Interesse diese im Unwetter des Krieges gleichsam aus dem Erdboden hervorgetretenen Engelsgeschöpfe! . . . Ich erfaßte sofort die Situation, in mir erwachte wieder der strenge Soll dat, gruppierte meine Leute mit energischem Kommando, ließ sie unter Führung eines Unteroffiziers auf ihren, vorher bezeichneteu Versammlungsplatz, abmarschieren, während ich, nachdem ich den Alten beruhigt hatte, daß ihnen von uns Ungarn nichts zuleide getan werde, ihnen folgte. Einer der unvergeßlichen Augenblicke meines Lebenswird der Abschied von dieser Familie sein, als der Alle feine Arme nach mir ausbreitend — mit lautem Gebete den Segen versprach. Was aus ben Bedauernswerten später geworden, habe ich leider niemals erfahren können, denn mein Rückweg als Verwundeter führte nicht durch diese liegend." Karsn Moritz und Saronin Clara uon Hirsch-Gereultz. Baron Moritz, v o n H i r s ch - G e r e u t l, richtete kurz vor seinem Tode, der den rüstig schaffenden großen^ Wohltäter in St. Johann a. d. March am 21. April 1890 jählings dahiuge'rafft, an Landesrabbiuer Doktor B. Placzek ein Schreiben, das die Mitteilung enthielt, er werde auf der Rückkehr von feinein Gute Sallkt Johann, wohin er sich begibt, mit demselben eine „große Aktion" besprechen. Einige Zeit nachher erlag er in St. Johann einem Schlaganfalle. Welch ein harter Schlag war es zugleich für die vollberechtigten hohen Erwartungen, die man an das von ihm in Aussicht gestellte Unternehmen knüpfen mochte! Frau Baronin Clara v o n H i r s ch - G e r e u t h, geb. B i sch o f fs he im, die treue Lebensgefährtin, die verständnisvolle, hochherzige Genossin des Verewigten in seinem großartigen, Humanitären Schaffen, folgte ihm drei Jahre darauf im Tode nach. Sie folgte ja auch im Leben treu seiner Führung, seinen Richtlinien. Beide überragenden Persönlichkeiten, die sich selber cnrch die heilvollften Werke verewigten, haben Lichtbilder ihres innersten Wesens, eine Art seelischer Antophvto araphien, in einzelnen Briefen geliefert, die aus einer größeren Anzahl ausgeivählt, im Anschlüsse an einen Zeiuinasbericht hier folgen. Nach seinerzeitigen Zeitungsberichten soll Baron Hirsch die Absicht gehabt haben, auf dem Rückwege