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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-06-16 · 24 (16.6.1916) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
24 (16.6.1916)
Date
1916-06-16
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Leite 410 D-r. Bloch's Wochenschrift Nr/24 Bald darauf raste das Stabsauto über die nassen Straßen, an ziehenden Kolonnen vorbei, nach Osten. Verbrannte Mauern und häßlich! riechende Trümmerhaufen zeichneten deutlich den Weg des geflohenen Feindes. Schweigend faß der Professor im Wagen des Generals; i'eine brennenden Augen starrten mit verborgener Angst in die zerstörten Dorfgaffen, durch die nur hier und da ein polnisches Bauernweib oder ein Jude in langem Mantel hastend lief. Endlich war das Städtchen Ochoez erreicht. Der Ort schien nicht so zerstört wie andere, ganze Straßen standen unversehrt. Der General ließ halten, der Professor stieg aus und das Auto raste weiter. Mit zusammen gepreßtem Munde ging der Arzt die Dorfstraße entlang. Seit 25 Jahren war er nicht in dem Orte gewesen, den er feine Heimat nennen mußte, aber alles sah aus, wie ehemals. Hier war das Haus von Joel Goldfinger, dem reichen Wollhändler, dort das schiefe Eckhaus gehörte dem Bäcker Mendel; und wenn er um die Ecke bog, konnte er das Haus von Moses Glattstein, feinein Vater, sehen. — Ta trat aus dem Bäckerladen ein gebeugter, kleiner Mann, weißhaarig, das mehlbestaubte Käppchen auf dem Kopfe, und sah' den Fremden neugierig an. Zögernd blieb der Professor stehen. Der Alte hier vor dem Bäckerladen sah aus, wie Awrom Mendel schon vor 25 Jahren ausgesdhen hatte, nur noch älter, noch kleiner und verschrumpfter. „Herr Mendel?" fragte der Professor leise. „Ja, der bin ick). Was wünscht der Herr?" Angst und furchtsame Erwartung lagen in der Frage. „Sagen Sie — was macht der alte Moses Glattstein?" fragte der Professor unvermittelt und mit plötzlich rauh klingender Stimme. Der alte Mendel zog die Augenbrauen hoch. Was wollte der Fremde, der ihn zu kennen schien? Der Professor lächelte: > „Sie brauchen keine Angst zu haben, Herr Mendel, ich bin der Sohn von Moses Glattstein!" Der Bäcker hob die Hände in jähem Schreck: „Moses Glattstem sein Sohn? Sind Sie der berühmte Professor aus Amerika?" Der Professor nickte: „Ja, der bin ich — wie geht's meinem Vater?" Der alte Mendel wischte sich über die Augen und sah dem Heimgekehrten rasch! und scheu in das Gesicht. Dann faßte er den Professor an der Hand und zog den in jäher Angst Willenlosen hinter sich her in den kleinen Laden. Eine Stunde später verließ der Professor das Haus des Bäckers und ging mit gesenktem Kopfe, schwer die Füße in den Schmutz der Straße setzend, als ivollte er mit jedem Schritte etwa in den Boden stampfen, dem kleinen verwahrlosten Judensriedhofe zu. — — — * Am anderen Tage erschien der alte Mendel eilig im Quartier des Professors. „Ich macht' nur fragen, Herr Professor, ob Se nich mitkommen wollen heut' in 'n Tempel? Beten für 'n Vater selig?" „Ist heute ein Feiertag?" Mendel fahl den anderen vorwurfsvoll an: „Heut' ist Versöhnungstag, Herr Professor! Ich Hab' nur gemeint, Se werden dabei sein wollen, bei de Seelenseier für Ihren guten, frommen Vater!" Der Arzt griff stumm nach seinem Hute. Die beiden gingen durch den Ort zu dem kleinen, grau getünchten Hause, in dem die jüdische Gemeinde von Ochoez ihren Gottesdienst hielt, seit die Russen ihre Synagoge niedergebrannt hatten. In einem kahlen Raume standen rohe, hölzerne Bänke und unsagbar demütig beugten sich die Rücken der betenden Juden in den weißen Mänteln in murmelndem Gesang. Leise tappte Awrom Mendel als Führer voran, geleitete den Professor au einen leeren Platz und stellte sich neben ihn. Und während der Alte mit zittrigen Händen das seidene Käppchen und den Gebetmantel anlegte, sah sich der Professor mit heißem »brennenden Gesicht um; wie in plötzlich anstürmenden Wellen brachen die scheinbar vergessenen Erinnerungen der Jugend auf ihn nieder. — — Da stieß ihn Mendel an. „Jetzt müssen Sie das Gebet sagen, hier!" flüsterte er ihm zu. Und der amerikanische Professor sprach mit, was der andere vorsagte: ,,. . . . Herr, was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkest, der Erdensohn, daß Du aus ihn niedersiehst? — Der Mensch gleicht dem Hauche; seine Tage sind wi,e ein Schatten, der dahinzieht. . ." Langsam erstarb das laute Gebet wieder in eintönigem Murmeln. Der Professor sank nach vorn über, legte die Arme auf den Stuhl vor ihm und preßte die Hände vor das hagere Gesicht. Dg trat der alte Mann, der als Vorbeter in dem kleinen umfriedeten Raum vor dem Allerheiligsten amtierte, einen Schritt zurück und erhob die rauhe, klanglose Stimme. Aber die Worte schienen dem Professor wie Schreie in den Ohren zu gellen, denn er fuhr entsetzt aus und starrte den betenden Alten, an. „.Herr, unser Gott," sprach der Vorbeter feierlich, „gedenke in Gnaden der frommen Seelen, die eingegangen sind zu Dir. Mägen sie ausgenommen werden im Lande des ewigen Lebens . . ." Und dann führ er fort. wie. in. .anklagendem Jammer die Stimme zu hellerem Rufen erhebend. Gedenke des Moses Rubin, den die Russen gemartert haben — gedenke des Joel Goldfinger, den die Russen erschlagen haben..." Still standen die betenden Juden, nur hier und da sprang ein halblauter, schluchzender Ruf auf — .„mein Vater!" — „meine Kinder!" — und drüben vom Saale her, wo die Frauen beteten, zitterte vielstimmiges leises, heißes Weinen. „Gedenke der Sarah Rosenblatt!" mahnte die Stimme des Vorbeters weiter, „die gestorben für ihren Glauben durch die -Russen — gedenke des Moses Glattstein, der hingemordet ist durch die Russen. . .!" Und der Professor faltete die Hände und stöhnte ausweinend wie die anderen: „Mein Vater!"- Einige Tage vergingen. Als der Professor eines Tages in das Lazarett kam, führte ihn der diensttuende Arzt in einen kleinen Nebenraum, in dem zwei schwerverwundete Russen lagen. „Russische Offiziere," erklärte der Assistenzarzt, „bei Brest-Litowsk ist in den Gefangenentransport eine russische Granate geschlagen und hat die beiden böse zugerichtet." Der Professor untersuchte die Russen, die bewußtlos dalagen, dann richtete ser sich Mf:. „Das sieht wirklich schlimm aus, der da drüben," er wies auf den älteren der beiden, mit einem langen, roten Schnurrbart, „ist vielleicht noch zu retten, ' der andere Fall ist hoffnungslos." Er ließ sich den Russen in das Zelt, das für Operationen eingerichtet war, bringen, richtete seine Instrumente her und griff mit ruhiger Hand, den Sinn nur auf seine Arbeit gewendet, die Messer und Klammern, die er brauchte. Der Russe lag, das unschöne Gesicht mit

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