Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 23 (9.6.1916)
- Date
- 1916-06-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 383 in hebräischer Sprache gründlich und geivisseuhifl den Zöglingen beigebracht werden. Mit diesen Kenntnissen ausgestattet, wird das jüdische Kind — zum selbständig denkenden Menschen heran-' reifend — inmitten der Völkerschaften des Reiches sich nicht, als „Findelkind" betrachten müssen,- sozusagen in der Luft schwebend, ohne Vergangenheit und seelisches Rückgrat, lediglich mit „erborgtenAhnen",fremden Göttern, mit denen es im Falle eines Heimatswechsels — selbst innerhalb der Reichs grenzen — für sich und erst recht für seine Nachkommen nichts anzu-i satt gen weist. Neben dem Schulunterricht — der ja bekanntlich iir Galizien die slavisckM Sprachen irr den Vordergrund stellt (und deren möglichst vollkommene Beherrschung eine unbedingte Notwendigkeit für die jüdische Bevölkerung des Landes ist» — soll in den Waisenhäusern besondere Pflege und Aufmerksamkeit der deutschen Sprache getvidmet werden. Wir wissen: die territorial und ökonomisch mächtigsten Reiche Europas — darunter auch Oesterreich — tveisen stets eine starke AnswanderungZziffer auf. Veranlassung für einen Heimatswechsel hat aber der I u d e in eitlem abseits gelegenen, tv i r t s ch a f t l i ch und k o m m e rz i e l l rückständigen Lande wie Galizien mehr als jeder andere. Unsere Waisen sollen für diese Eventualität unter anderem mit der gründlichen Kenntnis e i n c r W e l tsprache, und zwar der ihnen in so vielen Beziehungen „n ä ch st l i e g e n d c n", ausgerüstet werden. Komplizierter — weil von mancherlei Verhältnissen und Tatsachen beeinflußt — erscheint das Problem -er praktisch-beruflichen Erziehung. Hier gilt es, nach Kräften mit alten Vorurteilen, Gepflogenheiten und Uebelständen aufzuräumen und die Anschauungen, die eine lange Erfahrung und die n e u e ste Sachlage in uns reifen ließen, in die Wirklichkeit um-, zusetzen. Dieses zweite Problem unterscheidet: 1. die praktische Ausbildung der -Mädchen, 2. diejenige der Knaben. Ad 1 muß als Leitgedanke der Grundsatz gelten: das Mädchen, die späteraufsich s e l b st a n g e w i e s e n e Waise, so zu erziehen, daß sie tunlichst frühzeitig ganz auf eigenen Füßen stehe und zugleich alle jene Quali-, täten in sich vereine, die die künftige jüdische Gattin^ Hausfrau und Mutter als notwendige Voraussetzung redlicher Pflichterfüllung besitzen muß, um in ihrem engen Kreise die Höherleitung der nächsten Generation — die einzige Voraussetzung steten Fortschrittes der Völker — mitbewirken zu können. Unser Wunsch ist ein altjüdischer: die jüdischen Kriegswaisen mögen einst intelligente, tüchtige Mütter, rechtschaffen strebende Väter eines neuen, glücklicheren, kulturell höherstehenden Geschlechtes werden. Als geeignetster Wirkungskreis für die Erfüllung der obigen Doppelforderung — frühe Selbständigkeit und Kultivierung weiblicher Tugenden — erscheint mir für unsere Mädchen in den Kriegswaisenhäusern nach absolvierter se ch s k l a s s i g e r V o l k s s ch u l e und entspre-< chender jVorbereitung der iBeruf d e r h a u s w irtschaftlichen Angestellten. Kochen, Kindergarderobe verfertigen, die Garderobe der Erwachsenen instandhalten, Sticken, Stopfen, Flicken (das die Funktionen resp. erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten), das gibt wohl für den ganzen Tag Be-, s ch ä f t i g u n g, ist aber keine h arte, s ch tv e r e A r b e i t Die Achtz ehn jährige kann sie bereits gut innehaben und ausüben. Ihr Gehalt wird - selbst hierzulande — ein sehr ausgiebiges sein. Tausende solcher Mädchen könnten im In- und Auslande bei seinen jüdischen Familien untergebracht werden. Durch ihren Charakter und ihr Verhalten soll diese Stütze der Hausfrau zur Freundin und Vertrauten der Familie werden. Die jetzt immer häufiger in beruflicher Pflicht stehende Frau aus dem gebildeten jüdischen Mittelstände würde, freudig und dankbar diese neue Erscheinung im jüdisch, sozialen Leben begrüßen. Beide Teile kämen auf ihre Rechnnng. Die Vorteile für das Mädchen liegen auf der Hand: Unterstellung der jugendlichen Schutzbedürftigen unter die Obhut einer gebildeten jüdischen Familie: Gewißheit guter, in diesem Alter noch so wichtiger Verpflegung; eine Entlohnung, die es ihr ermöglicht, nach 5—64 jähriger Arbeit eine hübsche M itgift zu erspa , reit und ihr eigenes Heim begründen zu helfen. Nur wo besondere manuelle B e g a b u n g in bestimmter Richtung festgestellt wird, soll der Zögling für das betreffende Handwerk ausgebildet werden. j Unter keinen Umstünden darf das unselige Motiv der Mundantin — in allen Abarten — für das alleinstehende Mädchen in Betracht gezogen werden. Die Gründe dieser Verwahrung sind jedem einleuchtend. Dagegen wäre es von hohem ethischen und sozialen Wert, wenn die Mittel und. Umstände es ermöglichten, einen Teil unserer weiblichen Zöglinge dem Gemüsebau und verwandten Zweigen, wie rationelle Geflügelzucht, Milchwirtschaft usw., zuzuführen. Berufe, die. nach Entlassung aus dem Waisenhaufe, kollektiv, d. h. in kleinen Gruppen unternommen und ausgeübt werden könnten. „Der Mann soll hinaus ins feindliche Leben." Den Knaben unserer Waisenhäuser soll unsere Erziehung ebensosehr den Weg in die große, weite Welt der für die Jugend stets „unbegrenzten Möglichkeiten" eröffnen, wie sie dieselben zugleich zu guten, tüchtigen und h e i - matliebenden Bürgern heranbilden soll. Oberster Grundsatz auch hier: Berufsbestimmung, resp. -ausbildung nur nach gewissenhafter Ergründung der Fähigkeiten, Neigungen sowie des Charakters der Zöglinge, ohne jede falsche Rücksicht oder gar Sentimentalität. Nur so wird den beklagenswerten und schädliche n Erscheinungen des Pfuschertums auf allen Gebieten — trotz angeborener, starker Intelligenz, die aber meist „auf falschem Geleise läuft" — vorgebeugt werden. Ein gut unterrichteter, wenn schon nicht gebildeter Kaufmann oder Handwerker, mit positiv en, fachlichen Kenntnissen, wird hier wie anderwärts sein gutes Fortkommen stets finden. Vorzuziehen ist der Handwerksberuf (auch der theoretischi-technische, wie Monteure, Maschinisten usiv.h als der des „goldenen Bodens" auch im Sinne weitestgehend der Freizügigkeit und Sicherheit des Erwerbes. Wie bei den Mädchen — nur in noch weiterem Umfange — wäre, sei es auch nur für einen gewissen Deit der Zöglinge, die berufliche Arbeit im Anschlüsse an und inmitten der Natur das erstrebenswerteste Ziel der vraktischcn Erziehung unserer männlichen Kriegswaisen. O b st-« und Zierpflanzenkultur, B i e h - u n d B i e n e n z u ch t und das höchste: Ackerbau! müßten das in dem' A g r a r l a n d e Galizien lediglich fromme Wünsche bleiben, und weshalb?! Freilich ergibt sich als Resultat dieser letzteren Ge dankengänge d a s l ä n d l i ch e W a i s e n h a u s mit häuslichein Unterricht in allen Zweigen. .iuWu-