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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-05-26 · 21 (26.5.1916) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
21 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 21 Tr. Bloch's Wochenschrift Seite 363 sten fühlte in einem jüdisch-russischem -Stiäl)iuin£cU der in seinen Dichtungen im neuen Glaltze naiver Volksromantik erstrahlt, so zog es ihn doch stets unwiderstehlich in die Großstadt zurück. Mit einem Hel teil, überlegenen Lachen stürmte in den 80 er Jah.en der lustige Ghettojünger ins moderne Leben 'herein, doch inmitten der großzügig angelegten Stätten der modernen Kultur verspürte er oft ein ungestümes Sehnen nach seinem idyllischen, weltvergessenen „Kasriliwke" oder „Tunejadewke". Er kehrte auf eine Weile in die kleinen Gäßchen zurück, doch bald widerte ihn diese dumpfe Enge an und mit einer ungestillten Sehnsucht tauchde er wieder in der Großstadt auf. Von dem Ghetto, mit dem alle Fasern seiner Seele Kl sammengewach,en waren, konnte er sich, nicht mehr tosreißen, in der europäischen Kultur vermochte er nicht restlos auszugehen — so pendelte er fortwährend zwischen zwei entgegengesetzten Polen. Er * lebte an der Grenze zwischen zwei verschiedenen Welten und wandelte stets zwischen der scheinbaren Eintönigkeit des Ghettos, hinter der er ein unerschöpfliches Reich von Schönheit und Poesie sah, und dem modernen Leben, dessen jauchzendes Toben die primitiven, ursprünglichen Gefühle des Ghettoftämmlings zu ersticken drohte. Bis ihm sein naives, kindliches Lachen auf den Lippen erstarb und sich in ein überlegenes Lächeln einer lcibenbcn Dichterseele verwandelte. ... * * * Schon das äußere Leben Scholem Alechems trug das Gepräge dieses ewigen Hastens und eines schmerzlichen Zwiespaltes. Der junge Talmudist aus Perejakow reifte heran als bereits die russische Haskala den Höhepunkt ihrer Entivicklung überschritten hatte. Doch der Drang nach Erkenntnis wirkte mächtig auf die empfindliche Seele und schon mit 15 Jahren veröffentlichte der jugendliche „Matmid" im „Hameliz" und der „Hazefira", den damaligen führenden Srganen, seine ersten hebräischen Gedichte. Mit 21 Jahren zum Rabbiner in Lnbin (Gouv. Polt) ernannt, verwandelte er sich mit einem Ruck in eitlen Kaufmann und Börsenspekulanten. Trieb tagaus tageilt Geschäfte, um in den Nächten mit dem Pegasus traute Zwiesprache zu halteit. Doch bei diesem hatte er offenbar inehr Glück als all der Börse, denn als eines Tages sein ganzes Vermögen verkrachte, -hängte er seinen Beruf an den Nagel uttd begann unermüdlich zu dichten. Mitunter war er Redakteur und Herausgeber einer Bolksbibliothek, verschmähte auch nicht den Beruf eines Vorbeters und Heiratsvermittlers, trieb sich in allen Städten der Welt herum, bis er sich durch eine Unzahl Romane, Novellen und Dichtungen zum populärsten Dichter des modernen Ghettos emporschwang. Auch im Leben war Scholem Alechem ein ech.er, urwüchsiger Typus des russischen Judentums, mit allen seilten Vorzügen und allen seinen Fehlern. Jedoch ein Dichter war er von ungeivöhulicher Schöpferkraft. Die Vorzüge eines solchen erwuchsen in ihm zur Höhe überragender Lebensweisheit eines lachenden Philosophen, während die Fehler seine Seele mit einem Hauch tiefer Tragik umwoben. . . . * * * Man nannte ihn beit jüdischen Mark Twain. Ein Ehrentitel wohl für Scholem Alechem, doch war's eher eine willkürliche Zusammenstellung, die nur in einer oberftächichen Aehnlichkeit zweier Dichter-Indios' duatitäten ihren Ursprung hatte. Während Twain ein voller, harmonischer Ausfluß lvar einer satten anglosächsischen Durchschnittskullur, ward Scholem Alechem zum bildhaften Ausdruck einer sublimen, zerwühlten und von einer Tragik des allmäh liehen Siechtums untergrabenen Ghettokultur. Allerdings hatten sie beide ein gemeinsames Merk mal: eine erstaunende Produktivität und einen unverwüstlichen Humor. Aber auch im Humor gibts weite Abstufungen: vom naiven Lächeln eines Spaßmachers bis zum beißenbeit Spotte eines verbitterten Geistes. Twains Humor ivar nichts anderes als Humor und hatte, in sich die Urwüchsigkeit lachender Bauern, —- während Scholem Alechems Humor bereits an der Grenze stand, wo das Lachen in einen Hohn ansklingt und die Humoristik zur Satire heranwächst. Der reine Humor wirkt blitzartig, doch seine Wirkung verschwindet auch bald im Strudel des Alltags: das Lachen Scholem Alechems wirkt langsam, aber nm,o nachhaltiger und bohrt sich allmählich, wie mit spitzen Dornen, in unser Gewissen, rüttelt und zerrt, bis es uns herausreißt aus dem dumpfen Gewühl des Alltags in Gebiete echter Kunst. Aus einem solchen Lachen klingt verhaltenes Stöhnen gequälter Millionen. Ter naive „Batlan", der, kaum des Schreibens kundig, sich über alle Welt erhaben dünkt, der kleine Krämer und Melamed, die der Thora ergeben, im Moraste des eintönigen Kleinstadtlebens versinken; die immer fluchenden Fuhrwerker und Wasserträger, die gottbegnadeten Gelehrten und widerspenstigen „Ämrazim": — alle diese jüdisch-russischen Kleinstadttypen, die in einem nimmer endenden Lebenskämpfe dahinsiechen, tragen einen Stolz und ein Selbftbewußtsein zur Schau, die im krassen Widerspruch stehen zum realen Leben. Entweder Toren sind's oder — Philosophen! Und weil wir das erste nicht annehmen wollen, an das andere nicht glauben können — lachen wir! Bei Scholem Alechem jedoch verwandelt sich dieses Lachen zum Humor eines überlegenen Geistes und feinfühlendett Dichters. Durchschnittliche Begebenheiten werden zu künstlerischen Erlebnissen und die kleinlichen Alltagsmenschen werden zu tragikomischen Zerrgestalten eines anormalen Lebens und einer absterbenden Welt gestempelt. In einer unzähligen Reihe von Meister-Romanen, wü „Stempeniu", „Sender Blank", „Josele Solawaj", „Tojwje, der Milchiger", von Skizzen, Novellen und Dichtungen verschiedenster Richtungen, eröffnetuns Scholem Illechem eine Welt oon nie geahnter Fülle itub Buntheit. ist sine realistische Kleinmalerei, (Die an Turgeniew und Tschechow gemahnt, wenn sie auch ursprünglich von den Schöpfungen des „Großvaters" Mendele Mocher Lsorim stark beeinflußt war. Wenig reine Lyrik, viel malerische Plastik, in allein eine Realistik, die hinsichtlich der Mannigfaltigkeit von Typen, Begebenheiten und Milieuschilderungen unübertresstich dasteht. Wie das bunte Getriebe im russisch-jüdischen Ghetto sein Dasein stiftet, wie die Leute lieben und leben, wie sie kämpfen und in ewiger Sehnsucht vergehen, wie sie sich mitunter zur Tat emporraffen, um bald unter wuch tigen Schicksalsschlägen niederzusinken — dies alles er blüht unter dem verständnisvollen Lächeln eines Dichter Philosophen zu neuem Leben. Eine Kleinstadt Kasriliwke wird zum Abbild des ganzen Ghettos, während die Han delnden Personen zu tieftraurigen Schemen einer ster benden Welt erstarren. ...

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