Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 19 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 331 herum, lwie ies seine Gewohnheit war, hinter der Schwarm.-- linie auf. Die Russen waren übermächtig, ihr Feuer wirkte verheerend. Offiziere fielen, Chargen lagen kampfunfähig und eine Abteilung geriet ins Wanken. Da sah der Arzt die nä'herliegende Mission und sprang nach vorne. Er spornte die Leute an, auszuharren, er über-- nahin gleichsam das Kommando, er ließ in seinen Bemühungen nicht nach, er riß die Leute mit wuchtigen Worten zusammen, sammelte sie, feuerte an, beschwor sie, sprach Men Hoffnung zu — bis die braven Kerle, die nur einer momentanen Schwäche nachgegeben hatten, aushielten. Das Blatt wendete sich und als die Situation sich zum Besten geändert hatte und die Stellung wiederum sh ergestellt war, da wußte manch einer, wem der Erfolg um die Verhütung, gegen die Ausbreitung der Panik, zu danken war. Als der geordnete Rückzug beschlossen wurde, ließ Dr. Segall seine verwundeten Soldaten und Offiziere selbstverständlich nicht im Stich. Erst wiederholten Befehlen gehorchte er und brachte sich als einer der letzten in Sicherheit. Am 20. Oktober, im Gefechte bei Wolina, vollsührte er ein tollkühnes Wagestück. Sein Verbandplatz war diesmal nicht hinter, sondern mitten in der Feuerlinie, auf einem Bahndamm. Hunderten von Verwundeten konnte er solcherart an Ort und Stelle, wo sie getroffen wurden, ersten Beistand leisten. Und als auf beiden Seiten Erschöpfung eingetreten war, und eine Pause es erlaubte, ließ Dr. Segall sofort Kartoffeln in großen Qjuan!- titäten braten und Tee in großen Mengen kochen, woraus sein Sanitätspersonal die heiße Nahrung und das dampfende Getränk den v>on tagelangen Kämpfen Ermatteten und Erstarrten in der Schwarmlinie verteilen mußte. So erweckte er die Erstarrten zu neuer Kraft, Zu neuem Leben, zu neuem Widerstand und Angrifssmut. Im Bataillon kannte die Hochachtung vor dem verdienstvollen Manne keine Grenzen. Alle Vorgesetzten -hatten nur eine Stimme, daß-solche ganz hervorragende Leistungen nicht nur aus rein ärztlichem, sondern auch auf menschlichem und sogar auf militärischem Gebiete durch eine besondere Auszeichnung zu ehren sei. Assistenzarzt Dr. Segall erhielt das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes. Literatur. „Der Jude". Eine Monatsschrift.; Herausgeber: Dr. Martin Buber. Verlag R. L ö w i t, Berlin-Wien. Bezugspreis jährlich Mk. 10.— (ftr. 14.—). Das erste Heft der vielfach mit Spannung erwarteten Zeitschrift liegt nun vor. Wie der „Jeschurun" von S. R. Hirsch für eine neue Monatsschrift den Namen hergeliehen hat, so tritt auch das B u b e r's ch e Unternehmen eine berühmte Erbschaft an. „Der Jude" war der Titel jener trutzigen Blätter, mit denen Gabriel R i e s s e r vor nahezu einem Jahrhundert für die bürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden in die Schranken trat. In B u b e r s Gründung nimmt der Kampf gegen den äußeren Gegner die zweite Stelle ein. Im Vordergründe steht Heimarbeit, das Wecken jüdischen Empfindens und seine Vertiefung in der eigenen Stammesgemeinschaft. Im letzten Ziel treffen beide Bestrebungen, die von 1832 und die von 1916, zusammen. Es heißt: stolzes Selbstgefühl, die Vorbedingung jedes Erfolges, auch für die jüdische Sache. „Die Losung", mit der B u b e r in den Kampf um diesen Preis zieht, zeichnet die ^Richtung, in der das Ziel erreicht werden soll. „Wir fordern: Lebens- und Arbeitsfreiheit für eine niedergehaltene Volksgemeinschaft, und daß sie. die heute in ihrem größten Teil als ohnmächtiges Objekt der Ereignisse behandelt wird, freies Subjekt ihres Schicksals werde, damit sie zur Erfüllung ihres Amtes an der Menschheit heranwachse." Selbstermannung im Westen, Selbsterziehung im Osten, Palästina das Kulturzentrum, das Herz, in das diese Lebensströme einmünden, um von ihm geläutert und gekräftigt zu neuem Umlauf auszustrahlen. Ein Herkulesprogramm. Aber nichts als die getreue Fortsetzung der Linie, welche die Entwicklung des Judentums bis zu seiner Zersplitterung und Selbstverleugnung im vorigen Jahrhundert beschrieben hat. Tie Wiederaufnahme des uralten, an die Anfänge jüdischer Eigenart angesponnenen Fadens jüdischer Selbsterhaltungs- und Entfaltungstendenz. Der Aufsatz „Das Volk und der Einzelne" von Herman Glenn fordert Selbstbesinnung und Bekennertreue und verheißt davon Ausgleich in der jüdischen Einzelseele und Aushebung der schiefen Stellung der Welt gegenüber. Hugo Bergmann, in seiner erfrischend, ehrlichen und überzeugend gründlichen Art, bekennt („Der jüdische Nationalismus nach dem Kriege") nach einer Heerschau über den Zionismus der letzten — seiner ersten — drei Jahrzehnte, daß ihm das Lebenselement fehlt. Daß er, um lebensfähig zu werden, zu einer Lebensgemeinschaft jüdischer Menschen führen muß. Ein Inhalt, ein jüdischer Inhalt, dfe Kraft, das ganze Leben des einzelnen zu durchdringen, ihm bis ins einzelnste Richtschnur und unverbrüchliche Norm zu sein, das ists, was dem jüdischen Nationalismus, nach Bergmann, nottut. Er geht unseres Erachtens zu scharf ins Gericht. Was' sind drei Jahrzehnte im Leben eines Volkes? Und was hat der Zionismus schon in seinen Kinderjahren trotz allem und alledem an Leistungen aufzuweisen, die zu leugnen, einem jedes Verständnis und jeder Wille zur Gerechtigkeit fehlen müßte! Wo wären tausende unserer westlichen Juden aus der Bildungsschicht, wenn nicht der Ruf zum Judentum unsere akademische Jugend um das Banner geschart hätte, für das zu streiten man sich nicht zu schämen braucht? Und unsere Brüder im Osten? Mir will es scheinen, daß dort der Zionismus noch weit mehr geleistet hat und zu leisten berufen ist, als Stauwerk gegen die mächtige Anziehungs- und Aussaugungskraft der Umgebung. Und ist denn die freiwillige und begeisterte Pflege des Hebräischen in zahllosen Häusern und Vereinen gering zu schützen? Wird, wer der Sprache unseres nationalen Schrifttums mächtig ist, nicht auch dessen Schätze sich zu eigen machen? Keimt nicht, wo solcher Humus sich lagert, ganz von selbst Judentum? Und ist der Zionismus, wie Bergmann klagt, heut noch nicht Echtes, Lebensfähiges, die kritische Alte- Herren-Ecke sicher Umschiffendes, so ist er doch ein Weg dahin. Für die moderne jüdische Jugend, nach der verfehlten jüdischen Erziehung des letzten Jahrhunderts, in unzähligen Fällen der einzig gangbare. Man mag von krassen Auswüchsen hier und da abgestoßen werden, man mag dem Zionismus zürnen — aus Liebe zürnen —, man mag sich manchem seiner Führer nicht mit Haut und Haar verschreiben wollen, aber besser selbst die schlechteste, als gar keine Organisation! Und welcher ehrliche Jude sollte dieses Hauptverdienst der jungen Bewegung nicht anerkennen? Und dann Palästina! Der Orthodore, der auf Schritt und Tritt mit den Lippen sich zur heiligen Vütererde bekennt, lieble sie >im besten Falle wie seine Großmutter. Fromme Märchen ließ er sich, wenn auch nicht von ihr. so über sie erzählen. Er ließ milde Gaben hinüberfließen, ohne sich persönlich von ihrer Verwendung zu überzeugen. Jeder Mensch aber, der etwas auf sich hält, wird daraus achten, daß sein Vaterhaus eine saubere Fassade aufweist. Durch lange Jahrhunderte hat die Judenheit seinem Geburtslands nicht einmal diese Rücksicht bezeigt. Und wenn heute Palästina doch endlich wieder über die Blätter des Gebetbuches hinaus in den Mittelpunkt öffentlicher jüdischer Erörterung gerückt ist, wenn das Land von vielen Juden wieder wie eine Mutier geliebt wird, ja freien jüdischen Männern, die seinem Boden ihr Schicksal anoertrauen, wie die rechtmäßige Frau ans Herz gewachsen ist, auf Leben und Tod verbunden, — wie viel von diesem Verdienst gebührt der Werbearbeit des Zionismus! Und hat er sich nicht gerade jetzt im Kriege auch patriotisch glänzend bewährt! Wie diese Juden, die die Ehre des jüdischen Namens auf ihre Fahne geschrieben haben, ihre Pflicht nicht allein, sondern was sie weit darüber geleistet haben, das wird die künftige Geschichte dieses Krieges zu rühmen wissen. Und wo heute der Zionismus an sich selbst so scharfe Kritik übt, wie es hier Bergmann tat. da liegt schon in d/leser Ehrlichkeit und in diesem Ernst die Bürgschaft dafür, daß es besser wird. Bergmann und seinesgleichen werden den Weg zu den Quellen finden, aus denen der Zionismus Kraft und Mark und inneres Leben — Judentum — schöpfen kann. F. M. Kaufmann („Grenzsperre") wendet sich gegen die vielstimmigen Warnungen vor der angeblichen „Ostjudengefahr". Alfons P a q u e t („Gedanken zum jetzigen Problem") streift dasselbe Thema und bekennt seine Vorliebe für die Orthodoxen und die Zionisten unter den Juden, die ihn ..als Deutschen und Christen dem Judentum überhaupt verbinden". „Jiddisch" ist nach Moses Calvary (S. 25 ff.) nicht eine Mischsprache, sondern ein selbsteigenes Gebilde. Seine „Erfahrungen im ostjüdischen Schulwerk" bestimmen Mar B r o d zu der Mahnung an die Regierenden, im eigensten und wohlverstandenen Interesse dem Ostjuden seine jüdische Schule zu lassen. Heber die „Arbeit in Palästina" äußert A. D. G o r d o n beachtenswerte Urteile. Diesen Beiträgen schließen sich noch R. S a l m a u s „Emanzipation und Entjudung" und R. Bernsteins „Russische und