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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-05-05 · 18 (5.5.1916) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
18 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Kt. 18 Tr. Bloch's Wochenschrift Zeit«» 811 Ä- H den verwickelten Rechtszuständen und der eigentümlichen Praxis der Beamtenschaft ist der Rabbiner der Tribun der Gemeinde — oft auch einzelner Mitglieder derselben— bei den Behörden. In dieser Eigenschaft haben manche Rabbiner, wie z. B. Rabbi Jacob Meir in Saloniki, in schweren Zeiten viel Gntes für ihre Gemeinden geleistet. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, genügt nicht allein, ein guter Talmudist und ein gewandter Prediger zu fein; es gehören dazu vor allem Sprachen- und Menschenkenntnisse. Rabbiner, die ihre Aufgabe als Vertreter der Gemeinde nach außen nicht erfüllen können, genießen kein Ansehen, und ihre innere seelforgerische Arbeit b^ibt, trotz allen religiösen Ernstes, ganz erfolglos. Andererseits kann ein Rabbiner ohne tieferes jüdisches Wissen seine eigentlichen Funktionen, besonders die ihm obliegende Ueberwachung des Erziehungswesens, nicht versehen. Leider gibt es auch Rabbiner, die als vollständige Ignoranten im Betdin nicht mitreden können, rrotzdenr aber wegen ihrer Gewandtheit im Verkehr mit den Behörden geduldet werden müssen, insofern sie sich nicht selber mit Hilfe der Behörden der widersträubenden Gemeinde aufgedrängt hatten. Da der Stand der Chachamim fast gar keinen Nachwuchs auszuweisen hat (sogar in Jerusalem sieht man keinen jungen Chachaml, steht zu befürchten, daß an Stelle der weltfremden Rabbiner, die noch hie und da anzutreffen sind, ganz weltliche Männer als -Schützlinge der lokalen Beamtenschaft die Leitung der jüdischen Gemeinden übernehmen werden: etwa ein ,Macher" wie man in Galizien solche Leute zu nennen pflegt, da dieser Typus im Westen ganz unbekannt ist als „Chacham". Diese Entwicklung hat schon vor dreißig Jahren Rabbi Abraham Danon vorausgesehen. Der Name dieses Mannes ist wohl keinem entgangen, der sich mit jüdischer Wissenschaft beschäftigt. Dem hebräisch und französisch lesenden Publikum ist er wegen seiner Artikel in Zeitungen und Zeitschriften ebenfalls bekannt, die nur deutsch lesende jüdische Welt hat feinen Namen wohl nur selten zu hören bekommen. Rabbi Abraham Danon stammt aus Adrianopel, der Geburtsstadt des berühmten Orientalisten Prof. Halevy (Paris), zu dessen Schülern er zählt. Schon frühzeitig erwarb er sich talmudifches Wissen und verschlang mit unstillbarer Wißbegierde die Werke Krochmals, Rappaports, Luzatros und anderer jüdischer Gelehrter, die hebräisch oder in einer der romanischen Sprachen geschrieben haben. Gleichzeitig vertiefte er sich in das Studium des Türkischen, zu dessen besten Kennern und Forschern er jetzt gehört. Auf jüdischem Forschungsgebiete hat er sich hauptsächlich, der Geschichte und der Literatur der Juden und Karäer in der Türkei gewidmet. Seine Sammlung fpaniolischer Balladen hat in den Kreisen der Romanisten Aufsehen erregt. Seine Begeisterung für die jüdische Wissenschaft wollte R. Abraham Danon auf die junge Generation der Chachamim übertragen und er gründete im Jahre 1888 eine historische Zeitschrift, die der Geschichte der örtert? talischen Juden dienen sollte; ferner wirkte er itt diesem Sinne durch Artikel in den spaniolischen Blättern. Die türkische Regierung hat feine Zeitschrift bald eingestellt; Wissen und Forschung waren damals verpönte Worte im Reiche des Sultans. Da beschloß R. Abraham Danon, sein Leben der Erziehung eines neuen Rabbinergeschlechtes im Orient zu widmen und gründete 1890 in seiner Heimatstadt eine moderne Jeschiwah, ein Rabbinerseminar. Die „Alliance Jsraelite Universelle" gewährte ihm eine kleine Unterstützung. Später wurde die Anstalt nach Konstantinopel verlegt. Sie hat jetzt ihren Sitz auf einem Hügel au der asiatischen Küste des Bosporus und genießt eineu Ausblick wie kaum noch eine zweite Schule in der Welt. Ein Lehrer mit Herz und Sinn kann hier lehren, Gott in der Pracht der Natur zu erkennen und zu lieben. So mancher Seminarist wird seine Konftantinopeler Kollegen beneiden, denn aus dieser Schule ist die Langeweile verbannt, hier wird man nie satt durchs Fenster hinauszuschauen. Unwillkürlich denkt mau an das mysteriöse Dunkel theologischer Kollegien. Rabbi Danon hat Recht mit der Wahl des Schulgebäudes: auch dix großen Lehrer des Judentums haben nicht in engen, dunklen Räumen ihre ewigen Wahrheiten gelehrt. Aber wie so mancher große Lehrer, blieb auch Rabbi Danon unverstanden und wohl auch mißverstanden. Während des alten Regimes im Reiche und in der Gemeinde galt R. Danon als Neuerer, und Neuerungen ivaren auf jedem Gebiete verdächtig. Den Männern, die durch die Stürme der Revolution in die Höh? gekommen waren, erschien R. Danon nicht mehr genug modern. Die Mode kommt bekanntlich aus Paris, und R. Danon kam aus seiner Gelehrtenstube. Den verdienstvollen, unter den türkischen Juden einzig dastehenden, gelehrten Mann trafen ungerechte, aber ebenso unvermeidliche Zurücksetzungen, die auch auf seine Anstalt die nachhaltigste Rückwirkung ausübten. R. Danon hat es me verstanden, für feine Anstalt Reklame zu machen, vielleicht wollte er sich nicht in eine Reihe mit denen stellen, welche Ideale zu ihrem Geschäft Machen. Wieviel iMillionen tourten in den letzten zrvet Jahrzehnten von philanthropischien und nationalistischen Institutionen für die Juden in der Türkei ausgegeben, und niemand dachte daran, den orientalischen Glaubensgenossen gute geistige Führer zu geben. Den ottomanifchen Juden wurde in unseren Zukunftsplünen eine große Rolle zugedacht, aber kein Schritt wurde unternommen, um die neue Generation der Rabbiner und Lehrer für den Gedanken der jüdischen Renaissance zu gewinnen. Mit einer kleinen Subvention seitens der Gemeinde und der Alliance Jsraelite Universelle kämpft R. Abr. Danon ganz allein stehend den Kampf seiner Anstalt, seines Ideals. Kein jüdischer Gelehrter kennt die Leiderlsgeschichte dieses Mannes, der sich zur Aufgabe gestellt hat, ein moderner Rabbi Jochanau ben Sakai der Spaniolen zu werden. Schon steht er an der Schwelle .des Greisenalters und noch ist sein Lebenstraum weit von seiner Erfüllung. Die Frucht seines 25 jährigen Ringens find bis nun einige fungierende Rabbiner, etwa ein Dutzend Lehrer, ein Paar Männer der Feder und mehrere gewesene Hörer, die sich verschiedenen praktischen Berufen zugewendet haben, ohne jedoch, wie die meisten ihrer jetzigen Standesgenossen, das Interesse für das Judentum verloren zu haben. Der kürzere oder längere Besuch des Rabbinerseminars hat jedem Spuren fürs Leben hinterlassen. R. Danon hat in seiner Schule wohl viele Hörer gehabt, aber keinen einzigen Schüler, kein einziger hat es soweit gebracht, um in die Methoden der Forschung eingeführt rverden zu können. Wehmütig klingt diese Tatsache im Munde des alternden Idealisten. Die Schule gewährt den Seminaristen keine Unterstützungen, und die jungen Leute sind arm, sie müssen Brot suchen und können nicht nach Wahrheit forschen. Die Organisation der türkischen Schule bringt es mit sich, daß die Zöglinge noch im Knabewalter in die Anstalt kontmen. Es ergibt sich dann ein Unterschied im Alter, der nicht zu überbrücken ist, und der jüngste Jahrgang muß stets berücksichtigt werden. Dabei ist R. Danon wegen der geringen Mittel auf ganz pro, mitive Lehrkräfte angewiesen, er selber ist der einzige Seminarlehrer, der diesen Namen verdient. Wenn die Anstalt ihre Aufgabe erfüllen soll, muß sie auf eine sichere nraterielle Basis gestellt und neu organisiert werden. R. Danon, der Kenner und Bewun-

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