Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 302 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 18 zuzustreben. Nun gehen wir daran, die Zentralisierung und planmäßige Organisierung der Armeirpslege in die Wege zu leiten. Vor allem sollen die Leistungen der Zentralstelle derart erhöht werden, daß den angeschlossenen Vereinen und Privatwohltätern besondere Vorteile geboten werden, Vorteile, welche im eigenen Interesse der Vereine Anreiz zum Anschlüsse geben. Es sind dies zweierlei: 1. wollen wir von nun ab über alle Petenten durch beamtete Personen Grund)- erhebuugen durchführen lassen, welche über Familienstand der Petenten, Gesundheitsverhältnisse, Erwerbsverhältnisse, Qualifikation jedes einzelnen Familienmitgliedes, Wohnungsverhältnisse, Verwandtschaft, Art und Ursache des Notstandes ein erschöpfendes Bild gewähren. Diese Grunderhebung steht jedem, der Zentralstelle angeschlossenen Vereine oder Privaten zur Verfügung und bildet eine fundierte Grundlage für die Beurteilung des Falles. Der freiwillige Recherchent wird also nicht mehr mit dem Ausfragen über allerlei Details seine Zeit ver-- bringen, sondern eine Vorarbeit in die Hand bekommen, die ihm erleichtert, der größeren Frage: wie ist Abhilfe zu schaffen? feine Kraft zu widmen. Zweitens wollen wir den Kataster, der voriges Jahr über Anregung der Frau Dr. Grünfeld angelegt wurde, nach der Richtung ausgestalten, daß die Zentralstelle in der Lage ist, Auskünfte darüber zu erteilen, welchie gesetzlich verpflichtete Personen, Behörden, Korporationen ufw. und welche freiwillige Fürsorgestellen bei Behebung eines bestimmten Notstandes zur Mitwirkung herangezogen werden können. Für die Zentralisierung und Organisierung der Armenpflege selbst bildete die Schaffung dieser Auskunftsmöglichkeiten die unbedingt nötige Vorarbeit. Diese Vorarbeit funktioniert zum guten Teile, sie wird ausgebaut und wir können daher einen Schritt weitergehen. Wenn wir die Armenpflege unter dem Gesichtswinkel auffasfen: Die Aufgabe derselben besteht in der Endrichtung. in dem Bestreben, jeden Fall aus der Armenpflege auszu schalten, d. h. aus einem Hilfsbedürftigen einen nicht Hilfsbedürftigen und Fordernden zu machen, und das glaube ich, wird von allen Vernünftigen eingesehen. Dann müssen wir uns sagen, die bischerigen Methoden, nach welchen jeder Verein und Private separat gehandelt haben, haben ganz entgegengesetzte Ziele erreicht und haben zur Züchtung des Bettels geführt. Unter den vielen Versuchen, gemeinsame Arbeit zu leisten, ist nach der Gründung des Wöchnerinnenverbandes, des Verbandes der Kinderbekleidungsvereine und des Kurverbandes besonders bemerkenswert der unter dem Titel „W e i b l ich e F ü r s o r g e" vor ciiriger Zeit unternommene Versuch einer Gruppe von Damen, welcher zur günstigen Erledigung einer Zahl von Notständen geführt haben soll. Noch iMmer sind aber diese Verbände und Gruppen zu klein und in nicht genügender organischer Verbindung, um dem großen Wiener Elend systematisch an den Leib zu rücken, es sind einzelne Zweigbetriebe ohne Gemeinsamkeit. Diese Gemeinsamkeit in die Wege tzu leiten, soll Sache der Organisation sein, zu deren Schaffung wir Ihre Mitarbeit anrufen und die wir uns etwa so denken: Jeder Verein, jeder Private soll wie bisher autonom jeden an ihn herantretenden Fall behandeln. Nur eines soll vorausgesetzt werden: vorherige Anfrage beim Kataster der Zentralstelle und sodann eine derartige Behebung des Vorgefundenen Notstandes, daß der Petent sich keinesfalls sofort oder binnen kurzer Zeit noch an andere Stellen um Hilfe soll wenden müssen. Ist aber der Verein nicht in der Lage odpr nicht geneigt, die nötige Hilfe allein zu leisten, dann soll er den Fall an eine Zentralkommission leiten, ähnlich der „Weiblichen Fürsorge", in welcher über die volle Hilfe beschlossen werden kann. Die Zentralkommission'(für Wien werden wohl mehrere solche gebildet werden müssen) setzt sich zusammen aus Delegierten der einzelnen unterstützenden Vereine und Privätwohltäter oder ihrer Fachverbände, wird aber ergänzt durch Aerzte, Juristen, Beamte der Arbeitsvermittlung und Praktiker, ist also ein noch wirksamerer Faktor als die „Weibliche Fürsorge". Der Zentralkomh Mission können aber noch BeZirkskommissionen als Hilfskräfte angegliedert werden zu dem Zwecke, um Gutachten über Ursachen des Notstandes und Abhilfsinöglichkeitcn abzugeben. Hiezu sind sie, da ihnen vermöge ihres neren Gebietes die Verhältnisse besser bekannt sind, gewiß befähigter als die Zentralkommission, und solche Bezirkskommissionen können ein wertvoller Faktor in der Armenpflege werden. Wir erheben nicht den Anspruch, mit dieser im allgemeinen angedeuteten Organisation etwas originelles, absolut neues zu bringen. Wir behaupten auch nicht, daß sie unbedingt die richtige ist. Es muß aber Wert darauf gelegt werden, daß überhaupt endlich eine gemeinsame Organisation entstehe. Besser eine nicht gute, als gar keine, denn die Mängel! der Anfangsorganisation werden ja in der Arbeit zutage treten, und da wir sie durchaus nicht als starre Form, sondern als entwicklungsfähige und bedürftige Schöpfung von Menschen ansehen, wird eine stetige Verbesserung um so sicherer zu erwarten sein, je intensiver alle Beteiligt ten Mitarbeiten. Und diese Mitarbeit ist es, hie wir drirrgend von Ihnen erbitten. D a s Kuratorium soll durchaus keine B e h ö r d e, keine absolut regierende Stelle sein, sondern nach demokratisch-republikanischem System der Exponent Ihres Willen s. Die von allen zu befolgenden Grundsätze, Leitsätze, Formen und Regeln sollen nicht diktiert werden, sie sollen von denen, die sie zu befolgen haben, sich selbst als Gesetze gegeben werden, und deshalb ist es so überaus nötig, daß Sie bxi Punkt 4 der Tages!- ordnung — Wahlen — diejenigen Personen in das Kuratorium entsenden, denen Sie die Fähigkeit zutrauen, die Organisation zu schaffen, denen Sie aber dann auch willens sind, Gefolgschaft zu leisten, d. h. die Sie bei Durchführung der Beschlüsse auch voll und ganz unterstützen wollen. Lassen wir, bitte, alles persönliche über die Wichtigkeit der Sache beiseite. Weder meine Kollegen, noch ich klammern uns an die Stellen hier; entsenden Sie wen Sie wollen; ich! für meine Person werde stets gerne mit--» arbeiten, aber sprechen Sie es aus, daß Sie die für die Verbesserung der Armenpflege unbedingt nötige Zentralisierung nicht durch einseitige Maßnahmen stören, sondern sie mit Hintansetzung jeder anderen Tendenz voll und ganz fördern wollen." (Lebh. Beifall.) An der h ierauffolgenden Debatte beteiligteil sich Herr- Josef Kohn, Frau Direktor Ullmann, namens der „Weiblichen Fürsorge", Frau kais. Rat S ch w e i n b u r g, Dr. Rudolf Fürth. Sämtliche Redner anerkannten die Tätigkeit der Zentralstelle und äußerten sich mit voller Befriedigung über die geplante Neuorganisierung der Armenpflege. Insbesondere Dr. Rudolf F ü r t h betonte in seinen überaus sachgemäßen. Mit allgemeinem Beifall aufgenommenen Ausführungen die Notwendigkeit des engen Anschlusses sämtlicher auf dem Gebiete der Armenpflege tätigen Faktoren an die Zentralstelle und sprach dem Kuratorium sowie dem Sekretär der Zentralstelle den iwärmsten.Dunk für ihre ersprießlicho.Mitlvirkung