Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 17 (28.4.1916)
- Date
- 1916-04-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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N. 17 Dr. Bloch's Wochenschrift Leite 277 ging hin. Schon von der Ferne hörte man das Jammern der'Frauen. Ihrer mochten wohl hundert gewesen sein, die seit Morgengrauen auf den Gräbern hingestreckt klagen, die Grabsteine umklammert hielten und im monotonen Gebet die Toten anflehten, die Russen von der Stadt fernzuhalten. Es war ein ergreifendes Bild, wie diese alten, gebrechlichen Frauen, die Toten um Hilfe für die Kinder angingen, mit welcher Naivität fie anführten, sie könnten doch nicht Anlassen, daß die Kosaken ihren Enkelinnen, ihren Töchtern und Schwiegertöchtern Gewalt antäten. Was die Toten nicht vermochten, die Lebenden besorgten es; die Russen wurden aufgehalten und später über den Pruth gedrängt. Es war im Januar 1915. Tie Russen waren abermals in Ezernowitz eingedrungen und hatten allmählich fast die ganze Bukowina besetzt. Dorna-Watra, der letzte Zufluchtsort, war von den Behörden verlassen worden, imb ich weilte in der siebenbürgischen Grenzstadt Bistritz. Hier fürchtete man das Eindringen der Russen auf drei Wegen: dem Bargo-, Rodna- und dem Barszopaß. Da ordnete der Ortsrabbiner einen Fast- und Bilttag an. Wieder ging ich auf den jüdischen Friedhof und wieder traf ich fast ausschließlich alte Frauen dort, die um Sieg für unsere Heere beteten. Um Sieg und nicht etwa unr Frieden, das ist das Charakteristische. Und wieder sind viele Monate dahingestrichen. Tie Russen sind von den Karpathen weit in ihr Reich gedrängt worden, die Bukowina ist längst befreit. Nun ist es bei den frommen Juden Brauch, daß fie vor dem Neujahrsfest und vor den Osterfeiertagen zu den To teil wandern. Im Herbst habe ich an die Sitte nicht gedacht, aber jetzt war ich im Friedhof. Da sah ich nun alte, und junge Frauen an den Gräben kauern, sich an die Grabsteine anlehnen und hörte ihr Flehen. Diesmal klang es anders. Der Sieg ist errungen, um Frieden beteten sie, um Heimkehr ihrer Lieben. Da sagte eine Frau: „Zweimal ist er aus dem .Feuer gesund gekommen, beschütze ihn weiter, wir haben vier Kinder. Laß schon Frieden fein." Ein uraltes Mütterchen flehte wohl am Grabe ihres Gatten: „Elf Enkel sind weggegangen und jetzt find nur sieben da. Jetzt hat man auch Söhne und Schwiegersöhne weggenommen. Schütze sie, denn wer wird sonst Kadisch*) sagen?" Eine junge Frau wand sich in Tränen und flehte: „Laß ihn wenigstens sein Kind sehen, er kennt es noch nicht!" Und wieder standen und lagen da junge Mädchen und Frauen, die in Totenblässe kein Wort hervorbringen konnten und nur leise schluchzten. Auch ein Ehepaar war da: sie lag auf ein Grab hingestreckt, er hielt den Stein umklammert. Der einzige Sohn war gefallen. Und so ging es fort und fort und aller Gebete Schluß war das Flehen um Frieden. Was man einander wünschte, war Frieden. Wie naiv klang es, wenn ein Mütterchen sagte: „Wie du gelebt Haft, war noch Friede." Und wenn sie von den Gräbern ihrer Angehörigen kamen, gingen fie alle zur Grabstätte des früheren Oberrabbiners und dort vereinigte sich aller Gebet in dem Rufe nach Frieden. j. p. (Aus der „Arbeiter-Zeitung" vom 19. April.) Mer Auszeichnungen. Jur „Egyenlöseg" finden wir folgenden Bericht: In dem „Rendeleti Közlöny" (Verordnungsblatt) Nr. 38 vom 1. April lesen wir von dem seltenen Fall, daß der König „in Anerkennung seines tapferen Verhaltens vor dem Feinde" dem Endre. V 4 r t es, Reserveleutnant des Honved-Jnfanterieregiment Nr. 17, auf einmal d i e Tapferkeitssmedaille 1. und 2. Klaffe verliehen hat. Der Fall wird noch dadurch interessanter, *) Ein Gebet, das die Söhne nach dem Tode der Ellern sagen. daß die Brust des soeben Ausgezeichneten seit vorigem Jahre bereits die kleine und die große Tapferkeitsmedaille schmücken, welche, wie wir seinerzeit berichteten, Erzherzog Josef am 20. September an die Brust des Helden heftete, der damals noch Fähnrich war. Endre Bert es, cand. ing., »nacht seit Kri'gsbeginn Militärdienst, hat au den üarpathentämpfen teilgenom - men, war auch in russische Gefangenschaft geraten, aus welcher er in Gesellschaft des Oberleutnants Geza V a s entfloh. Seinem Kollegen erging es schlecht: er aber wurde bald darauf als Kommandant einer Maschinen gewehrabteilung auf den südlichen Kriegsschauplatz ge schickt. Am 24. August nahm er ein in unsere Linien eingedrungenes italienisches Bataillon so erfolgreich unter Feuer, daß in der nächsten Minute 371 italienische Leichen den Kampfplatz bedeckten. — Endre V 4 rte s kämpft zusammen mit seinem Bruder Stefan V4rtes, gleichfalls Leutnant des 17. Honved-Jnfanterieregimentes. Beide sind Söhne des Herrn Josef V4rtes, Professor der Handelsschule in Szekessehervar. Iür Heldentaten Sei Aarance. Bela Kertesz, Jurist, 19jähriger Sohn des Ti rektors der jüdischen Volksschule in Nagy-Karolp Mar' Kertesz. ist Kadettaspirant im Honved-Jnsanterieregi ment Nr. 12. Wie „Egyenlöseg" berichtet, hat Kertesz an der Spltze seiner Abteilung mit heldenmütigerTapferkeit feine Stellung in der am 24. Dezember 1915 begonnenen Schlacht zwischen Rarance und Toporoutz verteidigt. Am 4. Januar schlug er mit seiner reduzierten Truppe zwölf hintereinander unternommene Angriffe der russischen Uebermacht zurück. Er wurde mit der siberuen Tapferkeitsmedaille zweiter Klasse ausgezeichnet. Aie dritt? Auszeichnung. „Egyenlöseg" schreibt: Ladislaus Kovacs, k. u. k. Husarenleutnant, Kompagniekommandant, Sohn des Großpächters Anton Kovacs in Jarohaza, welcher seit der Mobilisierung ununterbrochen aus dem Kriegsschauplätze ist und früher schon mit der silbernen Tapferkeitsmedaille 1. Klasse und später für sein tapferes Verhalten vor den» Feinde mit der allerhöchste»! königlichen Anerkennung — Signum laudis ausgezeichnet wurde, erhielt jetzt für sein hervorragend heldenmütiges Verhalten vor dem Feinde das Militärverdieustkreuz 3. Klasse mit der Kriegsdekoration. Sieben Söhne. Das folgende, äußerst interessante Schreiben erhielt das in Budapest erscheinende ungarisch, jüdische Blatt „Egyenlöseg": „Bukowina, 7. April 1916. Sehr geehrt-? Redaktion! Zu der ergreifende»!, edlen und traurigen Geschichte der ungarisch-jüdischen Familien erlaube ich »nir, auch ein Blatt hinzuzufügen. Jedem ist wohl in diesem blutigen Sturme sein Teil an Sorge, Kummer und Prüfungen geworden, aber meiner armen, guten Mutter wurden in ihrem Alter von 60 Jahren Lasten in einem Ausmaße zuteil, wie sie nur wenigen beschieden wurden. I h r c s iebe n 2 ö h ne sind f ü r die Sa ch e des V a t e r - l a u d es in den Kampf gezogen! Wie zittert doch das treue Mutterherz auch nur für eines ihrer Kinder! Und nun hat der gute Gott der teuersten Mutter den Rühm zuteil werden lassen, zu gleicher Zeit um ihre sieben Kinder, in sieben Richtungen zu bangen und für sie zu beten. Und der gute Gott hat ihr Gebet erhärt. Die der Gefahr ausgesetzten Kinder wurden durch das heilige Gebet der Mutter bis jetzt vor Unglück bewahrt.