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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-04-14 · 16 (14.4.1916) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 27'» Tr. Vlvch's Wochenschrift 9K 10 bi'iciiv' zu iinbo t]i'lH’lei Halle, jeder, auch der Minder begüterte, uach gut alljüdischer - Litte sich, um seinen £reach-) umzusehen begann. Mir, der ich in Gedanken vertieft abseits stand, wendete sich keiner zu. Schon leerte sich das Haus und ich dachte: „Wenn mich niemand lädt, gehe ich in die Volksküche, dort mied für mich noch Platz fein, dort werde ich auch Leidensgenossen und an ihrer Gesellschaft Trost finden." Allein im selben Augenblick trat ein Mann, der einen etwa Vierzehnjährigen Knaben an der Hand führte, an mich heran: „Reb-ft Jud! Haben Sie schon wo zu essen?" „Nein!" antwortete ich, aus meinem Nachdenken erwachend. „Würden Sie in das Haus der Mutter dieses Knaben kommen, um dort den Seder zu geben? Sie würden damit eine große Mizwah^ tun, da die Kinder der Frau noch klein und ohne Vater sind!" „Ja," sagte ich, einer Regung des Mitleids folgend, und ließ mich von dem mir anvertrauten Knaben führen, der mir unterwegs mitteilte, daß er wohl keine Waise, aber darum nicht minder bedauernswert sei, da sein Vater vor vielen Jahren weggefahren war, ohne seit-l her von sich hören zu lassen, seine Mutter sei seit jener Zeit verlassen, als „Wittve nach einem Lebenden", mit zwei noch kleinen Schwesterlein zurückgeblieben. Während der Erzählung des Knaben waren wir auch schon in die Wohnung dieser Unglücklichen eingetreten. Ein kleines Zimmer mit wenigen notdürftigen Möbelstücken aus einfachem Holz. Zwei Bettstellen mit roten, grüngesäumten Decken belegt. Ein altmodischer, großer Kleiderschrank, ein abgenützter Korb, mit verblaßtem Zeug umhüllt, eine Nähmaschine, ein einfacher, vierkantiger Tisch, weiß gedeckt zu Ehren des Feiertages und geziert mit einer Flasche Rosinenwein nebst Glaskelchen, Krüglein, Schüssel und anderem Geschirr, wie zwei blendend geputzte Messingleuchter, mit Jomtowkerzen besteckt, während von der Decke herunter über den Tisch ein großer Rundbrenner Licht spendete. Armut und Elend! Die Frau, noch jung, aber abgemagert, mit eingefallenen Wangen und trüben Augen, empfing uns fremrdlich und beanttvortete liebevoll den Gruß. „Gott lohne es Ihnen," redete sie mich dank^ erfüllt an, „daß Sie sich die Mizwah nahmen, mir und meinen Kindern, die jung sind, den Seder zu geben, mit uns zu teilen, was uns Gott zugemessen; wohl habe ich keine besonderen Gerichte, keine leckeren Speisen vorbereiten können, doch hungrig sollen Sie nicht fortgehen." I ch machte ui ich. daran, das erstemal in meinem Leben, den Seder vorschriftsgemäß selbst zu arrangieren, wobei Frau und Kinder mir behilflich waren, ohne dabei ihren Blick von mir abzuwenden. Und als alles in Ordnung war und das Aussagen der Hagadah begann, war es mir, als wäre ich aus einemmale Familienvater geworden, der da, ob reich oder arm, alljährliche an den Sederabenden in seinem Hause Hof hält und, ob groß oder klein, königlich thront. Mein Herz war von meiner armen königlichen Umgebung gefangen; so sehr erinnerte sie mich an den Pessachabend im vätcrlächen Hause, weckte Sehnsucht nach den Meinen und nicht zuletzt Mitleid und tiefes Mitempfinden mit diesen Unglücklichen, denen ich in dieser feierlichen Stunde alles, alles war. „Mutter, ich werde dich fragen vier Kaschios,"-?' begann der Knabe, und Tränen traten bei diesen Worten in die Augen der Frau, die aus den altgeweinten „Zenno urenno"'Z heute, wie seit Jahren, die Hagadah las. Ver- 2) Gast. 3) Vorname. 4) Gott gefällige Tat. Fragen. fi) Ein unter diesem Namen bekanntes Gebetbuch für Frauen. gebeus suchte sie dagegen anzukämpfen und heitere Miene zu zeigen; sie weinte still, aber unaufhörlich und Tränen stellten sich auch mir ein. Unglückliches Kind! klagte ich lautlos und bedauerte den Jungen, der die ganze Erzählung des Auszuges aus Aegypten mit mir zusammen aus einer Hagadah mit kindlich sanfter Stimme ver-i ständnisvoll las. Die Mädchen saßen mit verschränkten Armen, blickten unablässig auf die Mutter und wejn-t ten mit. Als die erste Hälfte des Seders beendet war und das Essen begann, bat mich die Frau um Entschuldigung, daß sie die Feiertagsstimmung getrübt hatte. „Ich weiß," sagte sie, „daß ich eine Sünde begehe, am Feieri tag zu weinen und die von Gott anbefohlene Freude in Trauer zu verwandeln; allein ich bin eine schwer-, geprüfte, schwache Frau, weswegen Sie mir verzeihen mögen. Greifen Sie nur zu und lassen Sie sich cs schmecken," setzte sie fort und erzählte mir während der Mahlzeit ihre ganze Leidensgeschichte: wie ihr Mann eines unseligen Tages sie verlassen hat, trotzdem er bis zu diesem Tage als Goldarbeiter in ziemlich guten Verhältnissen gelebt hatte, als ein liebevoller Vater seiner Kinder und in steter Eintracht mit seiner Gattin; wie er an jenem kritischen Tage sie mit der Mitteilung über-i raschle, daß er beschlossen habe, in die Ferne zu ziehen, um Geld zu machen, viel Geld und dann — wie sagte er —: „uns aus dem Elend reißen, uns! glücklich machen". Allein es sind seit damals neun sorgenvolle, schwere Jahre vergangen, er kam nicht wieder, er schrieb auch nicht. Die einen meinen, er wäre gestorben, die anderen, er hätte in Kanada oder Brasilien eine andere Frau genommen. „Ich" — schloß sie ihre Erzählung — „glaube eher ersteres, denn würde er leben, hätte er an uns gedacht, uns nicht vergessen, und mich! nicht in Elend und Not, Tag und Nacht auf die Nähmaschine arbeitend, verkümmern lassen." Ich versuchte ihr ihren Kummer auszureden, sie durch allerlei zu trösten. „Warten wir Juden doch schon zweitausend Jahre in noch! größerer Bedrückung, von aller Welt verfolgt, und doch geben wir die Hoffnung auf Erlösung, aus die Rückkehr menschenwürdiger und glanzvoller Tage wie einst nicht auf." Meine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht; sie beruhigte sich und war neu belebt; ihr verblaßtes Gesicht bekam Farbe, ihre Augen erstrahlten, in heiterer Stimmung trug sie dann die Speisen auf und sah daraus, daß sowohl ich als auch die Kinder nur alles verzehren, und als wir nun zur zweiten Hälfte des Seder übergingen und daran waren, das „Schefoch chamos'cha"^) zu sagen, ließ sie es sich nicht nehmen, selbst das „Sei willkommen" zu sprechen und die Türe zu öffnen. „Elijähu!" schrie sie auf und fiel zu Boden. Ein hochgewachsener Mann, der eingetreten war, im Reisegewand gehüllt, stand über die ohnmächtige Frau gebückt und bemühte sich, sie aufzurichten. „Liebste! Teuerste! Riwka, ich bin es, ich, Elijahu, dein Mann! Komme doch zu dir!" Und Riwka hörte die Stimme ihres Mannes und schlug hie Augen auf. Die Kinder sahen Mutter und Vater in Innigkeit und Freude, Brust an Brust gepreßt, sich umarmen und umringten sie beide und bedeckten sie mir heißen Küssen. Auch in der Nachbarschaft war man aufmerksam geworden. Die Stube füllte sich. „Elijähu, Elijahu ist gekommen!" wurde gerufen, gesungen und gefrohlockt. Nun erzählte Elijahu, wie es ihm in dieser langen Zeit ergangen sei. Er war jetzt ein reicher Mann, der es zu Ansehen und Ehren gebracht hatte. Sein einziges Streben soll es künftig sein, Frau und Kinder recht ') Das Gebet, womit der II. Teil der Hagadah beginnt.

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