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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-04-14 · 16 (14.4.1916) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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0iüc 262 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 16 Daun kam die Predigt des Rabbiners, worin er diese drei Worte in Beziehung zum Weltkrieg brachte. Pcssach: Dank gegen Gott für Gesundheit und Leben, denn in viele Häuser ist der Todesengel jetzt eingetreren. In Erinnerung an die vielen gefallenen Kameraden, die den Sederabend mitzumachen gehofft hatten, sollen wir Feiernden dankbar fein, daß wir noch leben und es besser haben als andere. Mazzoth, ungesäuerte Brote: Biele Juden haben das Essen dieser Brote bisher für veraltet gehalten. Jetzt wünschen sie, daß die Erinnerung an das Kriegsbrot, das Christen und Juden vereint als Deutsche in der Heimat essen, noch in Jahrhunderten bei den Enkeln und Enkelkindern wachgehalten werde, damit diese die Größe der jetzigen Zeit erkennen können. Erst jetzt verstehen sie, warum die jüdische Religion die Erinnerung an das Mazzoth lebendig erhält, denn Mazzoth ist auch ein Kriegsbrot. Es mahnt zur Treue gegen das Vaterland und den Väterglauben. Das „Brot der Not" wird es in der Bibel mrd in der Hagada genannt. Biele Tränen, viel Herzeleid sind in das Brot hineingebacken. Es erzählt von Kämpfen, Schmach und Druck, aber auch von wunderbarer Rettung, von Glück und Sieg: Eine geheimnisvolle Kraft scheint aus dem Brot auszugehen, eine wunderbar verbindende; denn das Kriegsbrot schließt die Menschen zusammen. Unter der gemeinsamen Not fallen die kleinlichen Schranken des Friedens. Wir sehen es auch heute abends. Wieviele religiöse Richtungen im Judentum sonst auch herrscheu, heute essen alle aut gleichen Sedertisch vom gleichen Kriegsbrot und sprechen alle das gleiche Gebet: „Sieg und Rettung für Deutschland." Bitterkraut, was lehrt uns das? Heute braucht matt nicht zu fragen. Wir brauchen nur in die Heimat zu blicken; alle Gotteshäuser, die früher leer waren, sind jetzt gefüllt. Die Hände, die lange nicht gebetet, sind wieder gefaltet. Alle sind wieder fromm geworden: „Ich danke dir, o Gott, daß du mich gebeugt hast, es ist mir zum Heile geworden." Wir fühlen alle, wir sind durch das Ernste und Schwere reifer geworden und haben das Leben ganz anders bewerten gelernt. Der jüdische Priester Hillel, der um Christi Geburt lebte, pflegte an jedem Sederaberrd ein Stück MaWoth und Bitterkraut zusammen zu genießen. Er wollte durch den gemeinsamen Genuß von Brot und Bitterkraut dieser symbolischen Handlung einen tieferen Sinn geben, wollte damit sagen, es gibt kein Leben ohne Bitternis. Ja, das Leben empfängt erst durch das Leid feinen Wert, im Einzelleben und in dein der Völker. Wer weiß, was aus Deutschland geworden wäre, wenn uns nur die Tonne des Glückes gelacht hätte, wenn Gott uns nicht auch die Bitternis gesendet hätte, durch die wohl manche Menschenblüte vernichtet wurde, aber auch, das hoffen wir, manche Giftpflanze und manches Wuchernde, das die reine Kraft unseres deutschen Volkes zu zerstören drohte. Für unser Volk ist jetzt die Zeit der Selbstprüfung. Gott gebe, daß wir diese Zeit richtig verstehen und einsehen lernen, daß ohne Leid kein Leben, ohne Opfer keine Größe. Dann wird auch für uttser deutsches Volk die Zeit kommen, da es nach dem Kriege dankbar und gläubig mit den Psalmworten sprechen wird: „Ich danke dir. Gott, daß du mich gebeugt hast, es ist mir zum Heile geworden." Dann schloß sich an die Predigt das Kaisergebet und ein freudig gesungenes „Deutschland, Deutschland über alles". So war der erste religiöse Hauptteil der Sederfeier vorbei, und es wurde koscheres, aus Deutschland gesendetes Essen gereicht. Ich erhielt meinen Platz an der Seite der Krankenschwester, die während des Essens von einem jüdischen Krieger in einem gemütvollen Gedicht als das Sinnbild der jüdischen Frau, die die Krone des Sederabends bildet, verherrlicht wurde. Nach dem Mahle folgte die zweite Hälfte der religiösen Frier. Sie bestand vorwiegend aus gemeinsamen hebräischen Gesängen, die ich leider nicht verstand. Vieles wurde mir aber von meiner Nachbarin erklärt; ihr sowie dem Feldrabbiner Herrn Dr. Italiener verdanke ich den Einblick, den ich in die jüdische Religion tun konnte. Während die seltsamen hebräischen Laute ertönten, hatte ich Gelegenheit, die einzelnett Gesichter und die verschiedenartigen Kopfbedeckungen der Teilnehmer zu studierett. Jedes Gesicht hatte einen ausgesprochenen Charakter. „Deutsche" Worte des Rabbiners klangen plötzlich wieder ckn mein Ohr; ich! hörte: „Möge draußen weiterklingen dieses Mends Melodie, Die uns trug auf gold'nen Schwingen in das Reich der Poesie." Auch ich kam mir vor wie in einem verzauberten Land. Das reiche Gemütsleben der Judeit hatte mir seine schönste Seite geoffenbart. Eine große Freude war in mir, als ich mit meinen Skizzenbüchern durchs die stillen Gassen nach Hause ging. Mir schien, als hätte ich einen neuen, bisher unbekannten Stamm entdeckt. Iuw Mferale des Kenn Kuttusvorstehers S. Mod über die neue praktische Methode des Hebräischen Unterrichts. Ist es das Haus nicht mehr, muß es die Schule sein! So laute das Losungswort des jüdischen Religionsunterrichts. „Mutz die Schule sein!" Auf dies „mutz" müssen wir das Hauptgewicht legen. Die Schule kann es auch, füge ich hinzu. Für nichts ist das Kind auch in unseren Tagen noch empfänglicher, als für biblische Geschichte und Synagogenbesuch; einen guten Religionsunterricht und einett liebevollen Religionslehrer liebt jedes Kind abgöttisch. Und dazu die Musik, das' Lied! Was wäre einem Kinde lieber! In alten Zeiten haben die Kinder — leider nur die Knaben — die Melodien der Synagoge im Tempel tl n d inr Hause gelernt. Der Vater, wenn er sich ein> Liedchen saug, war es zumeist ein gottesdienstliches. Die Lieder, die das Kind heute zu Hause hört, sind zweifel-' los schön, auch manchmal erhebend — wenn es nicht gerade „Hupf, mein Mäderl" ist —, aber Tempellieder sind es sicherlich! nicht. Und doch könnten wir durch nichts besser, als durchs Lied die Kinder wieder in den Tempel führen. Also rasch zugreifen und den Antrag Brod durchführen, es ist das Ei des Columbus! Wenn heute den Gymnasiasten der Tempelbesüch eine Qsual ist, Unverstand und Langeweile, wird er dann vielen von ihnen eine Freude sein, werden doch da ihre alten Lieder gesungen. Und noch wirksam-er ist das bei Mädchen und Frauen. Ich habe die Probe darauf vor Jahren tu Nizza gesehen. Buben, Mädchen, alle sangen am Freitagabend die alten Tempellieder mit ihren hellen, süßen Kinderstintmen mit. Als ich den Rabbiner Herrn 'B a u, e r frug, woher denn die Kinder diese Kenntnisse nehmen^, sagte er mir: „Sehr einfach! Der Religionsunterricht unserer Kinder beginnt mit den gottesdienstlichen Ge-, sangsstbungen. Es gehört dazu natürlich vor allem eins: die Un-- veränderlichkeit bestimmter Gesänge in der Synagoge; sodann daß der Lehrer ein Musikinstrunient kennt. Wo das nicht ist, müssen eben Kantoren mithelfen. .Und

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