Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 16 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 16 Tr. Bloch's Wochenschrift Seite 261 Sederabend im Uelde. Vom Maler Ernst Volwehr.*) Wir haben auf dem Armeeoberkommando auch einen Feldrabbiner. Es war stets eine Freude für mich, mit ihm über seine Religion zu sprechen, denn erst dadurch gewann ich Einblick in den von tiefem Glauben und Familiensinn erfüllten Stamm der Juden. Da das Pessachfest nahte, erzählte und erklärte mir der Rabbiner die ganzen Zeremonien der Sederfeier und erregte dadurch mein Interesse so sehr, daß ich ihn um die Erlaubnis bat, als Christ dem Seder beiwohnen zu dürfell. Die Feierbegeisterte mich derart, daß ich einige Skizzen malte; vor allem suchte ich den Höhepunkt des Abends festzuhalten. Das ist der Augenblick, da der Sedergebende eine in der Mitte des Tisches stehende Schüssel mit ungesäuerten Broten und allerlei symbolischen Speisen emporhebt und dabei die Erinnerungs- Worte spricht: „Ho laelimo anio“ „Dies ist das Brot der Not, das unsere Väter in Aegypten gegessen haben/' Es war ein wundervoller Mondscheinabend am 29. März 1915. Ich wanderte durch die Straßen, durch einen weiten Torbogen zu einem am Zlbhang des Berges gelegenen Saal. Vor diesem war ein kleines Gärtchen, von dem man einen weiten Blick ins Tal hat. Als ich den Saal betrat, saßen bereits gegen hundert jüdische Soldaten, die gerade vom Gottesdienst gekommen waren, an mehreren hufeisenförmig aufgestellten Tischen. Nach jüdischer Sitte hätten alle bei der nun beginnenden religiösen Feier den Helm oder die Mütze aus dem Kops. Der ganze Saal war festlich geschmückt. An der Haupt-M wand das Kaiserbild, umgeben .von deutschen Fahnen, rechts und links Oesterreichs schwarz-gelbes Bannerzeichen und der türkische Halbmond. Auf den Tischen weiße Linnen, violette Läufer und viele Blumen. Aller Augen waren auf den Rabbiner gerichtet, der in der Mitte, für alle sichtbar, am Längstisch auf einem mit Blumen bekränzten, mit Kissen belegten Lehnstuhl als Hausvater saß, neben ihm anschließend die würdigsten und ältesten Soldaten. In frommen jüdischen Häusern trägt der Hausvater heute noch am Sederabend über seinem Festgewand das Totenhemd, während hier im Felde der Rabbiner in der Tracht des Feldgeistlichen mit rotem Kreuz am Arm erschien, um den Hals das Zeichen der Juden: die zwei ineinander geschlungenen Dreiecke, das Mögen David (Davids Schild). Zur rechten Seite des Rabbiners saß eine jüdische Rote Kreuz- Schwester. Die Frau wird bei den Juden sehr verehrt, so zum Beispiel liest an jedem Freitagabend der streng-- gläubige Jude aus den Sprüchen Salomons das berühmte Kapitel, das mit den Worten beginnt: ,.Ein wackeres Weib, wie glücklich, wer es,findet, weit über Perlen geht ihr Wert!" Als erste Handlung an diesem Abend zündete die Rote Kreuz-Schwester, als stellvertretende Hausfrau, die beiden links und rechts vom Rabbiner stehenden Lichter an mit dem Ausspruch: „Gelobt seist du Ewiger, unser Gott, Herr der Welt, der uns geheiligt hat durch seine Gebote und uns befohlen hat, die Feiertagslichter anzuzünden." Als zweite Handlung folgte der Weihespruch des Rabbiners über den Wein, der für alle bereits eingeschenkt worden war. Jeder erhvb sein Glas und weihte den Feiertag. Beim Trinken stützten sie sich auf den linken *) Der bekannte deutsche Maler und Forschunasreisende Ernst Vollbehr hat längere Zeit an der deutschen Westfront verbracht und nun das Ergebnis seiner künstlerischen Studien in einem reichillustrierten „Kriegsbilder-Tagekuch" (Verlaa F. Bruckmann, München) der Oeffentlichkeit vorgel gt. Maler Vollbehr meist das Gesehene nicht nur mit dem Pinsel sestzuhalten. sondern auch in Worten zu schildern. Die obige Skizze, die eine eigenartige Festfeier im Felde zum Gegenstand hat, P dem genannten Werke entnommen. (Anm. der Red.) Arm. Diese Geste ist wohl aus der Antike übernommen, denn im Altertum lagen beim Mahle die Freien auf Polstern. Der Hausvater aber saß auf besonders weichen Kissen. Jeder Festteilnehmer hatte ein mit Bildern aus dem Auszug von Aegypten versehenes Büchlein vor sich liegen, die „Hagada" (Erzählung). Aus dieser trug der Rabbiner in singendem Tone Hebräisch und Deutsch vor. Die Festteilne'hmer folgten mit großer Aufmerksamkeit. Musikalisch besonders betonte Stellet! wurden von einem Vorbeter gesungen. In diesen alten hebräischen Melodien steckt ein eigentümlicher Reiz. Er erinnert mich stellenweise an Melodien, die ich im Inneren Afrikas von semitischen Stämmen gehört habe. Zweimal tvusch sich der Hausvater, einmal jeder Festteilnehmer die Hände und trocknete sie mit dein Sederhandtuch. Vor dem Hausvater stand die schon atlfangs erwähnte Sederschüssel, unter ihr lagen, durch Servietten verdeckt, drei Mazzen, auf ihr erstens ein Lammknochen, als Erinnerung an das Pessachlamm, das vor dem Auszug aus Aegypten von den Juden geschlachtet wurde, zwei' tens ein Ei, als Sinnbild der Trauer - es ist Sitte, daß jüdische Leidtragende, rvenn sie von der Beerdigung heimkehren, als erstes ein Ei genießen , drittens Meer rettich zur Erinnerung au die Bitternis, die die Inden während der Knechtschaft in Aegypten erfahren haben, viertens ein Glas mit Salzwasser, daneben Petersilie, fünftens eine Schale mit Kompott, das Lehmfarbe hat, als Erinnerungszeichen an den Lehm, dessen sich die Kinder Israels bedienen mußten, als sie unter den Pharaonen Häuser bauten. In der Mitte der Sederschüssel aber stand ein kost bares Glas für den Propheten Elias, der an jedem! Sederabend als Gast erwartet wird und sofort sein Glas vorfinden soll, wenn er kommt. Dieses Glas ist ein Symbol der Hoffnung der Juden auf Erlösung von dem jahrtausendealten Druck, der auf ihnen lastet. Der Prophet Elias gilt nach frommer Vorstellung als der Vor läufer des Messias, der für die ganze Welt, also auch für die Juden, die Erlösung bringen wird. Als dritte Handlung wird Petersilie in Salzwasser getaucht nitb unter jeden der Teilnehmer verteilt, das Ei und der Knochen neben die Sederschüssel gelegt und die Mazzen aufgedeckt, indem die Schüssel vom Rabbiner hochgetzoben wird mit den Worten: Ho lachmo aniou. Die Blicke aller Teilnehmer waren auf die Sederschüssel gerichtet. Dies war der Höhepunkt des Abends, der Augen blick, der mir als künstlerische Verwertung eines Ge mäldes ain besten erschien und den ich eifrig im Bilde festzuhalten versuchte. Neben einem überhci'.t"» Kanonen ofen arbeitete ich mit fliegenden Pulsen, uni in der Kürze der Zeit das Bild in seiner Bewegtheit fest - halten zu können. Die Nadeln der von der Hitze des Ofens schnell vertrockneten Tannenzweige fielen auf meine Palette und klebten an Farben und Pinsel. Als darauffolgende Handlung fragte der jüngst-' der Teilnehmer nach feststehender Formel hebräisch: „Was bedeutet dies alles?" Dann antwortete der Hausvater hebräisch , und deutsch und erzählte den Auszug der Kin der Israels aus Aegyvten und ihre wunderbare Rettung. Viele Aussprüche von großen indischm Lehrern der Vergangenheit wurden dabei erwähnt, unter anderen! der des Rabbi Gamliel: Wer beim Pessachfest dm Worte Pessacb. Maroth, Moranr nicht erwähnt, hat seine religiöse Pflicht nicht erfüllt. Pessach ist das Ueberschreitnnas fest, weil der Todesengel über die Käufer Israels hin wegschritt. als er die Erstgeborenen der Aegynter schlug. Marzotb ist ungesäumtes Brw. weit die Kinder Israels in der Eite des Auszuges das Brot nicht inehr säuern konnten. Moranr ist das Bitterkrant rur Erinnerung an die Bitternis, die die Inden durchgemacht haben.