Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 15 (7.4.1916)
- Date
- 1916-04-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Nr. 15 Sette 250 Tr. Bloch's Königs". Leid und Freud' der gekrönten Frau finden hier gleichsam beredten Aufdruck. > Kaum griff die Königin mit sicherer.Hand nach dem Szepter, als sich ihr eine Welt von Feinden in Waffen entgegcnstellte; ihr, die zum Herrschen geboren war, wurde das Recht auf die Krone streitig gemacht. In jener verhängnisvollen Stunde streute eine unsichtbare Hand in das Herz der von unsäglichem Weh heimge-, suchten Königin den Samen des Verdachtes aus. Die Juden in Prag sollen es heimlich mit dem Feinde gehalten haben. Die Unglückssaat siel ans einen günstigen Boden; sie keimte, ging auf und entwickelte sich recht bald. Am 18. Dezember 1744 Unterzeichnete Maria Theresia das Patent: Wir haben aus mancherlei uns bewegenden, höchst triftigen Ursachen den Entschluß gefaßt, daß künftighin kein Jude mehr in unserem Erbkönigreiche Böhmen geduldet werden soll. Wenige Tage später, am Vortage der Weihnachten, Unterzeichnete die Königin einen Beseht, „daß nicht ge-; stattet sein soll, daß einer oder der andere Jude, unter tveß Vorwand es auch immerhin sein möge, das mindeste Unbill widerfahren möge. Und bei Vorkommen sollen die Verbrechen nicht nur an den Verbrechern selbsten, sondern auch an denen Städten und Richtern, die solchen Unfug Zulassen, nachdrücklichst geahndet werden." Die unverdiente Strenge erscheint hier mit Gerechtigkeit gepaart. Der Prager Judenschaft erstand damals ein Fürsprecher in der Person äes holländischen Gesandten, Baron von Burmania. In seinen Briefen an die junge Herr-« scherin schlägt der vornehme Diplomat manchmal sogar den Prophetenton an; von der Unschuld der angektagten Gemeinde tief Überzeugt, erinnert er Maria Theresia daran, daß „de soureiaiuen, wen segge wat meu wil, responsabel syn voor God, en voor de mensehen, jae. mehr als ander.-:“. Seinen Bitten*) schließt sich! der englische Bevollmächtigte, Sir Thomas Robinson, an. Auch der diplomatische Beistand der Republik Venedig läßt nicht lange auf sich warten. Der dänische Gesandte wirkte in gleicher Richtung. (Der Hamburger Senat intervenierte ebenfalls; vgl. Grunwald im „Hamb. Jsr. Familienbl.", 1901. Anm. d. Red.) Der edelgesinnte Baron De Aguilar war der Mann, in dessen Hand die feinen Fäden zusaMmenliesen und der in das goldenschimmernde Gewebe Blumen reinster Liebe zu spinnen wußte. (S. u. o. T b? Mekize nirdamim, «Band VII, S. 15 f.). Auf den Gang der diplomatischen Verhandlungen kann übrigens ein in jener Qm zwischen den Gemeinden Wien, Augsburg, Amsterdam und Venedig erfolgter Briefwechsel (ich besitze ein Exemplar der damals in Form einer Flugschrift abgedruckten hebräischen Briefe) nicht ohne Einfluß gewesen sein. Alles war vergebliche Mühe. Trefflich! wird das Verhalten der Königin den Bestrebungen der auswärtigen Vertreter gegenüber in einem Berichte des venezianischen Gesandten geschildert: rIl faito e“ — (heißt es dort — „ehe questa e una Principessa clie per quanto sia affabile e ricolma di ottime e gentilissime maniere, senke la sua grandezza et e gelosissima della propria autoritä.“ Bei all ihrer ausgesuchten Höflichkeit .und Zuvorkommenheit wollte die Kaiserin ihre Autorität vor jedem fremden Einflüsse gewahrt wissen. Der böhmische „Obrist-Oantzler" stellt in einem geheimen Berichte den Antrag, die Regierung möge mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung — consider'atio respecti (!) publici — und die finanziellen ^Interessen des Landes einen Unterschied zwischen arm und ».reich machen, da diese Massenvertreibung in so rauher Jahres- *) Vgl. Kaufmann, Ges. Schriften, II., 328 ff. und Brann in Monatsschrift, 1915, 95 s. Wochenschrift zeit „mit dem Christenthumb nicht wohl zusammen geht und Uhrsache (!) sein könnte, daß eine,ansteckende Seuche und Stcrb erst unter der vertriebenen Judenschaft und hernach unter dem gantzen Landvolck erfolget". Ein kurzer Aufschub wurde gewährt, das Vertreibungsdekret jedoch nicht aufgehoben. „Nicht ohne den größten Herzensleyd und Betrübnis", so der offizielle Bericht, „Überreichten die Verjagten die Schlüssel von deren Synagogen und (Juden-? schulen, dann ihrem Rathhauß und Deputirtenambte" und unter „Vergießung häufiger Thränen und Wehklagen" zogen sie alle in die weite, schneebedeckte Fernp. Allein auch für die Unglücklichen sollte die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, denn schon zwei Jahre später erschlossen sich den Ausgewanderten wieder die Tore der alten Hauptstadt Böhmens; die Königin gewährte die Erlaubnis zur Rückkehr „nur allein weillen so Inständig st die länder es Verlangen und ihre äußerste Kräfte anspannen." (S. die Denkmünze in Jetv. Encycl. s. v. Med als.) Währelld die Mitglieder einer der größten israelitischen Gemeinden im Osten der Monarchie obdach- ,Nnd schutzlos, ihrer Zukunft ungewiß, von Ort zu Ort herumirrte, stand die bedeutendste jüdische Gemeinde des österreichischen Küstenlandes — ihrem Beispiele folgten alle anderen der Provinz — in stiller Andacht vor Gott. Die ,, Vazione »brea di Trieste“ — dies jder offizielle Titel der damaligen Gemeinde — folgte dem weisen (Rate der alten Lehrer, die da sagten: Betet für das Wohl des Reiches, denn in seinem Heile ist Heil für euch. Die jüdische Gemeinde in Triest betete morgens und abends um den Segen Gottes Wer Heer und Staat, um Schutz und Rettung für ihre unglücklichen Brüder in Prag zu erflehen. Aehnliche Gebetformulare sind uns nur aus Mantua, vielleicht auch aus mancher anderen westlichen Gemeinde,' erhalten geblieben; aus Triest aber bis jetzt,, meines Wissens, aus der Zeit Maria Theresias kein einziges. Auch in den Sammlungen in Wien dürfte sich — nach einer geschätzten Mitteilung des Herrn. Prof. Dr. Krauß — kein einziges derartiges Schriftf stück aus dem Küstenlande vorfinden. Es ist nicht lange her, als ichim Archiv der jüdischen Gemeinde in. Triest auf eine kleine Handschrift stieß, deren Ueber<- schrift folgendermaßen lautet: niVNpn ntenpi nnyi nps nnöii^ njprw .“teri /Hörten “ö>ö Sd r lpa'nöDixs bv nrteh niööin m*02tn ^ste rpn^ ID'pn mir Maria Theresia mDpH iTOörrn . . . □"nö\n Dy Francesco Primo Wir lassen hier eine kurze Inhaltsangabe des hebräischen "Textes folgen: — Herr «der Welt, Gott der Himmelsscharen, Wundertäter, der Du das Heil erblühen läßt, Gott unserer Väter Abraham, Jsak und Jakob, großer, allmächtiger Gott! Mit gebeugtem, gebrochenem Herzen flehen wir zu Dir, lasse in vollem Glanze erstrahlen das Glück unserer erhabenen, huldvollen Kaiserin Maria Theresia, unter deren Schütz wir leben; verleihe Ruhm und Glanz ihrem kaiserlichen Gemahl, unserem Herrn und Kaiser Francesco Primo. und allen Mitgliedern des erlauchten Hauses. Segne, Herr, ihre Waffen, ergreife Schwert und Panzer und komme uns zur Hilfe, und wie Du einst das Gebet Deines Knechtes David erhört und seine Feinde vor ihm gedemütigt hast, so verleihe jetzt Kraft und Macht unserem Herrscherpaare, auf daß sie ihre Feinde ganz besiegen. Laß sich über sie ergießen den Geist der Weisheit und Macht, damit sie geraden Weges wandelnd, zu ihrem Ziele gelangen, ohne zu ermüden; stärke ihre *) — Liforale Ausfriaco.