Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 13 (24.3.1916)
- Date
- 1916-03-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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-ttr. 13 Dr.' Bloch's Wochenschrift Seite 217 leitendem Trauerpsalme durch Herrn Oberkantor Löwy hielt Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. S p i r a die Trauerrede, in welcher er der großen Opfer gedachte, die alle fürs Vaterland Kämpfenden auf sich nahmen und noch nehmen, insbesonders aber jene hervorhob, die im Dienste lies Vaterlandes ihr Leben lassen mußten. Kein Auge blieb trocken, als er hierbei die der hiesigen Kultusgemeinde angehörigen jüdischen und bereits gefallenen Mitglieder namentlich hervorhob. Mit eindrucksvollen Worten verstand es der Redner, seine Gemeinde aus tiefster Erschütterung zu Trost und zu Erbauung hinüberzuführen. Nun trug Herr Oberkantor Löwy mit seiner bekannt schönen Stimme und unter abermaliger Anführung der Kricgsgefallenen das El mole rach am im in tief zu Herzen gehender Weise meisterhaft vor, worauf vom Tempelchor das S chiwisi abgesungeu wurde. Die schöne Feier wird noch lange in den Gemütern der Teilnehmer nachhallen. Das Verdienst, diese Veranstaltung im Kultusvorstande angeregt und gefördert zu haben, gebührt dem Ausschuß- und Vorstandsmitgliede des„Bikur Chaulim"-Vereines, Herrn Ignaz Karpel. Julie Schlesinger. Ein Gedenkblatt zur 100. Wiederkehr ihres Geburtstages den 24, Marz 1916. Unter den jüdischen Frauen Wiens, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch ideales Streben und von Begeisterung getragener Menschenliebe zu energischem Handeln entflammt, ausgezeichnet haben, nimmt Julie Schlesinger einen hervorragenden Platz ein. Julie S ch i e l wurde am 24. März 1815 geboren. Ihr Vater, der aus Breslau stammte, war nach Wien eingewandert und dort an der k. k. Schriftgießerei angestellt. Obgleich bei der damaligen Stellung der Juden die Ausübung eines bürgerlichen Gewerbes sehr erschwert wurde, kam Schiel bei den Behörden mit einem Gesuch ein, selbst eine Schriftgießerei errichten zu dürfen. Nachdem er die lobendsten Zeugnisse aus der Staats-Schriftgießerei erhalten hatte, befürworteten die Behörden sein Gesuch bei Kaiser Franz. Dieser entschied zugunsten Schiels. Als jemand in der fürstlichen Umgebung dar-' auf hinwies, daß Schiel Jude sei, antwortete der Kaiser: „Ich will, daß unsere Juden Gewerbe erlernen und treiben." Auf den zweiten Einwand der Umgebung, daß der Petent Ausländer sei, ertviderte der Monarch: „Wohlan, so hebt ihm die Rechte der Toleranz." . Das kaiserliche Wort war von großer Tragweite. Es verlieh der Familie nicht nur eine gesicherte bürgere liche Stellung und Ansehen unter den Glaubensgenossen, es wendete ihr auch das Vertrauen der christlichen Mitbürger zu. Die Schiel'sche Schriftgießerei war die erste in Oesterreich, die ein Jude begründet hatte. Schwere Sorgen wurden durchkämpft, obgleich nur im Besitz geringer Mittel, trugen der rastlose Fleiß und dieshohe Intelligenz des Vaters, vereint mit der Mutter Umsicht, Sparsamkeit und Ordnungsliebe, wesentlich dazu bei, allmählich einen bescheidenen Wohlstand zu zeitigen. Julie hatte noch zwei Brüder, deren Kränklichkeit viel Ruhe und Pflege erforderte. Das muntere Mädchen wurde, da ihre Lebhaftigkeit sich als störendes Element im Hause erwies, schon mit vier Jahren in die Volksschule geschickt. Julie lernte rasch, und gern, war die bevorzugteste Schülerin und als sie mit zehn Jahren die Klassen durchgemacht hatte, verließ sie die Schule mit jenem Bruchteil von Wissen, das man für die Mädchen damals als genügend erachtete. Sie erhielt mm Privatunterricht in französischer Sprache, Klavier und Zeichnen, sowie in weiblichen Handarbeiten und war mit fünfzehn Jahren ihren Kenntnissen nach, deren Geringfügigkeit sie stets bedauerte, den gebildeten Mädchen damaliger Zeit einzureihen. Frühzeitig wurde Julie von ihrer Mutter angehalten, freundlich mit Armen zu verkehren, indem sie deren Gaben in die Hütten der Armen und .Kranken trug. Am 27. Mai 1829 fand die erste Konfirmation jüdischer Mädchen in Wien durch den Prediger Dr. M a n ritz e im er statt. Dieser ging ein mehrmonatlicher Unterricht voran, der die Konfirmandinnen in die Pflichtenlehre einführte, deren Gemüt begeisterte und erwärmte und ein schwesterliches Verhältnis unter den Schülerinnen herbeiführte. Die Konfirmatiolr hinterließ bei ben jungen Mädchen einen unvergeßlichen Eindruck. Im Jahre 1837 verheiratete sich Julie mit einem Verwandten, der ihr seit der Kindheit befreundet war. Herr Schlesinger, früh seiner Eltern beraubt, hatte aus eigener Kraft sich emporarbeiten müssen und Julie trat aus dem Elternhause in die bei weitem bescheidene ren Verhältnisse des eigenen Hauses. Ungeachtet sie ihre Pflichten als Hausfrau musterhaft erfüllte, wurde die Sehnsucht nach idealer Beschäftigung immer mehr rege .in ihr. Sie suchte und fand Mußestunden, in denen sie sich eifrig in die Literatur vertiefte. Sie las iviel und ihre Anschauungen von der Welt und der Gesellschaft erweiterten sich mehr und mehr. Auch der Umgang mit edlen und gleichstrebenden Menschen trug viel dazu bei, den ihr angeborenen Sinn für Freundschaft zu verfeinern und ihre Begeisterung für alles Gute und Schöne zu nähren. Zu den Freundinnen, die sie aus der Kinderstube ins Leben hinein treu begleiteten, gehörte Frau Therese Meyer, geborene Weikersheim. Diese hatte 1847 einen Verein begründet, dessen Aufgabe es war, armen israelitischen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen, sie mit dem nötigen Arbeirsmaterial und Büchern zu versehen und die Mädchen in weiblichen Handarbeiten zu unterrichten. Als im Jahre 1850 die edle Gründerin gestorben war, übernahm Frau Schlesinger den Vorsitz, den sie bis 1862 führte;- Kränklichkeit zwang sie, ihr Amt einer Nachfolgerin zu übergeben. Im Jahre 1853 hatte sich dieser rastlos strebsamen Frau noch eine Vereinstätigkeit eröffnet. Sie wurde als erste Frau in 'den Vorstand ider israel. Taubstummenanstalt gewählt und widmete sich bald mit hohem Ernst und opferfreudiger Hingebung dieser schönen, aber schweren Aufgabe. Das Institut war 1844 von Frau Hirsch- Kollisch in Nikolsburg aus eigenen Mitteln begründet und erhalten worden und wurde 1853 nach Wien verlegt. Es verfügte über kein Vermögen, tvar, obgleich es Tüchtiges leistete, nur wenig bekannt und mußte sich Freunde und Helfer erwerben, um den zahlreichen Anforderungen bittender Eltern, ihren taubstummen Kindern Aufnahme zu gewähren, gerecht werden zu können. Aber gerade, daß hier soviel zu schaffen war, erweckte Frau Schlesingers Mut und Kraft. Sie wurde bald die Seele des Instituts und verband sich mit Männern, durch deren Mitwirken sie die größte Stütze gewann. Als erstes und höchstes Ziel erstrebten die edlen Menschenfreunde, ein eigenes, mit allem Erforderlichen ausgerüstetes Haus zu errichten, das auch über Erwarten schnell erreicht wurde. Schon im Jahre 1857 hielten 55 ^Zög--- linge ihren Einzug in das neue, schöne Heim. Der Tag, an dem Frau Schlesinger an der Schwelle dieses Hauses ihre Schützlinge begrüßte, war fraglos einer der schönsten ihres Lebens, dessen Höhepunkt jedoch jener