Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-03-10 · 11 (10.3.1916) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
11 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3022195-3022207--24949-3050224
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nl. 11 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 183 ohnehin durch ben Krieg zur Krisis gedrängt, wurde durch den Zuzug so vieler Mitesser verhängnisvoll verschärft. Aber unter diesen Einwanderern zog auch — manche vortreffliche jüdische Köchin ein. Bekanntlich scheidet sich Galiziens Judenheit in solche, die gut kochen, und solche, die nichts zu kochen haben. In „Diesseitsmenschen", die auf einen guten Bissen halten, und in Schwärmer, die diesen gedankenlosen Verbrauch der „Seligkeitskarte", wenn der Vergleich mit der Brot- und Mehlkarte gestattet ist, schon aus dieser Welt neidlos mitansehen im Vorgenuß^ des Entzückens, wenn ihnen einst im Jenseits der Tisch gedeckt und die besten Bissen vom Livjathan und Lchor habor aufgetragen werden, während jene Prasser und Schwelger int tiefsten Höllenpfuhl schmoren müssen. Aber für diese Höllenqualen in 8p6 entschädigt gegenwärtig im voraus eine der geschmackvollsten Küchen. Um so besser, wenn Diesseits ünd Jenseits einen harmonischen Ausgleick) finden, wie in den Häusern der bei aller Himmelsnähe immerhin auch den Gaben dieser Erde dankbar zugewandten — Chassidimrebbes! Welch' eine Aufgabe liegt aber dort auf den schwachen Schultern einer Küchenfee, zumal noch zu den „Resten" ihrer Kunsterzeugnisse sich scharenweis die Gläubigen drängen! Und von solch einer Rebbensköchin wollen wir erzählen. Eigentlich sollte unsere Geschichte mit „Maria Stuart" beginnen. Nicht eine Gedankenverbindung des Gegensatzes etwa, weil die Arme gottsjämmerlich ^.,zu Sterlyn speiste ihren Gatten". Unser Ausgangspunkt ist vielmehr der wackere „Hüter der Maria", wie Schiller ihn ini Verzeichnis der Personell ausführt. Von diesem edlen Ritter lebt hier in Wien ein würdiger Sproß. Also ein vornehmer, adelsstolzer Brite, den der Weltkrieg aus unseren gastlichen Mauern nicht vertrieben. Die -Familie erhält die Verbindung mit jeneln durch Deutschlands größten Dramatiker verewigten Ahnherrn bis heut' lebendig! Noch weift sie das Gebetbuch auf, dessen Blätter Schottlands Königill vor ihrem Tode zum letztenmal mit ihren Tränen netzte. Der Wiener Erbe jenes „besten Manns in England" hat nun freilich nicht die Königin eines feindlichen Staates zu bewachen. Es ist ihm nur darum zu tun, ein schlichtes Judenmädchen aus Oesterreich, mit dem England — niemand weiß warum — jetzt die Klinge kreuzt, — als K ö ch i n zu behalten. Er selbst, den zarte Bande in Gestalt einer charmanten Gattin^ aus echt Wiener Geblüt seit vielen Jahren an den L-trand der Donau fesseln, spürt, dank dem Edelmut Oesterreichs, von dieser Feindschaft zwischen Themse und Donau nichts. Die besten Kreise der Gesellschaft tauschen mit seinem Hause Gastfreundschaft. Auch ein Richard Loewenherz, der selbst einst hier seine Kochkunst versuchte, würde heut' in Wien sich wie zu Hause fühlen. Wir sind nun einmal so! Immerhin, wenn König Georg auch dem Grafen Münster noch beim Abschied seine Freundschaft für unser Land beteuerte, Englands Hungergeißel soll doch auch uns empfindlich treffen. Und wie sagt Homer? „Des Magens Wut, des verderblichen, kann man unmöglich bändigen, welcher soviel Unheil den Sterblichen darbeut." Aber die Oesterreicher bleiben trotzaltedem gemütlich. Sie vergelten nicht an Englands Sohn in Wien, was seine Giftmischer am Themsestrand gegen uns an Ränken und Tücke bräuen. Wir hungern ihn nicht aus, im Gegenteil, wir liefern ihm — die beste Köchin. Sie war in ihrer östlichen Heimat eines Rebbens Köchin. Nach Wien verschlagen, trat sie bei einem Juden ein. Nicht wenig staunte sie, daß es tu diesem Judenhause nicht koscher^ zuging. Und „wenn schon, denn schon," dachre sie. vertauschte das tresene Judenhaus mit der Küche unseres Engländers, und alles nahm seinen schönsten Lauf. Sie wurde der Liebling, wie ein Kind des Hauses. Da taucht nach Monaten friedlicher Eintracht mit einemmale ein Störenfried, ein Verwandter der Köchin, auf. Daß sie, die einstige Rebbensköchin, irefe koche, das gefährde ihr Seelenheil. Und mir dem Herzensfrieden der Köchin, aber auch mit denn Hausfrieden ihrer Herr-, fchaft schien es vorbei. Träneirden Auges trat sie vor den bestürzten Sohn Albions mir der Schreckensbotschaft: sie müsse fort, wenn nicht ein Rabbiner ihr Gewissen beruhige. Spornstreichs eilt unser Mister X. zum Rabbiner. Er versteht seine Köchin gar nicht, fürchtet für ihren Verstand. Die reichsten und vornehmsten Juden speisen bei ihm, die Söhne des Herrn E., des bekannten Journcm listen, des Herrn P., des vielgenannten Fabrikanten, usw. usw. Was will die Köchin nur? Und sie ist wirklich ein lieber Kerl, wirklich „perfekt". Was das heißen will! Ein Clergerman, erzählt er halb englisch, halb deutsch, der fragte einst seine andächtige Gemeinde: „Wer von euch kennt einen .parkaet man''?" Niemand rührt sich. „Wer hat von einem solchen auch nur gehört?" Wiederum „Silence“'. „Wer von einer „perfect womau-?" Ein Mütterchen meldet sich. „Nun?" fragt der Gottesmann. „Ja," spricht sie traurig, „mein Mann, der sagt immer, wenn wir Händel haben: „Ach, nheine Selige, die. . . .!" Und nun, diese jüdische Köchin aus Cz., die ist „p e r f e c t“. Aber mit einemmale dieser religiöse Fanatismus? Unser Mister ist die Toleranz in Person. In S.,wo er das ehemalige Schloß der Freundin eines sagen? umsponnenen hohen Kirchenfürsten bewohnte, da geschah es einst, daß er den „heiligen Florian" vom Dache nahm, um ihn frisch anstreichen zu lassen. Sofort kamen händeringend die ehrenfesten Bürger zu ihm mit der Bitte, doch um Himmels willen nicht Brand und Blitz muttvillig über die gute Stadt herabzubeschwören. Sogleich wurde trotz des Blitzableiters der Florian auf seinen alten Platz gestellt. Der jüdische Bankier Baron E., der Schwager des bekannten Minister H., war, bei einem Autounfall zu Tode verletzt, in jener Villa gestorben. Die damalige Köchin konnte den Schlaf nicht finden. Es spukte, meinte sie. Mister 3t‘. ließ eine Messe lesen, und ihr war geholfen. Jetzt komme nun aber die jüdische Köchin und verlange nach Absolution. Der Herr Rabbiner nlöge doch ein Einsehen haben und ihr und dem ganzeu Hause helfen. Die Frage fand, zumal noch der Engländer in eigener Person mit dem Oorpus delicti, der jüdischen Köchin, auf dem Schauplatz, im Hause des Rabbiners, erschien, die rascheste Lösung, die alle Teile vollauf befried digte. Ohnehin kommt in die Küche weder Schweinernes^ noch Hasenbraten, gerade Ganseln vom Juden und ähnliche Leckerbissen jüdischer Herkunft werden bevorzugt. Und der Köchin einen besonderen kleinen Gasherd, eigenes Koch- und Speisegeschirr zu bewilligen, war man mehr als willig. — Die Nutzanwendung? Die können unsere jüdischen Hausfrauen daraus ziehen, die um keinen Preis eine „jüdische" Köchin mögen. Und noch dazu — honibile clictn — einen Flüchtling, eine „polnische Jüdin"!!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.