Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 9 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 142 Dr. Bloch's to üblichen Wege avancierte er in. rascher Folge, so daß er schon nach, dreizehnjähriger Dienstzeit znm Äandesgerichtsrate befördert wurde. In dieser Funktion mit den schwierigsten Agenden betraut, führte er als junger Landesgerichtsrat auch den Vorsitz in komplizierten Schwurgerichtsprozessen. Im Jahre 1905 in den Gemcinderat der Stadt Czernowitz gewählt, tvurde er nach dreimonatiger Zugehörigkeit zu demselben mit der Würde des Ersten Vizebürgermeisters ausgezeichnet. Zugleich übte er die Funktion des Magistratsdirektors aus, wodurch ihm ein weitgehender Einfluß auf die Stadtverwalrung eingeräumt wurde. Seiner Initiative sind mehrfache Neuschöpfungen zu verdanken, so der Ankauf der bis dahin in den Händen der Firma Siemens L Schuckert befindlichen Aktien der Elektrizitäts- und Straßenbahngesellschaft, die Erweiterung der Straßenpflasterung, der Bau moderner Schulen und Kasernen. Obwohl aus dem richterlichen Berufe hervorgegangen, ist derselbe bald ein geirauer Kenner der finanzwissenschaftlichen Disziplinen und des Perwaltungsrechtes geworden. In letzterer Beziehung hat er mit großem Geschick und in einer für die Stadtgemeinde überaus vorteilhaften Weise eine Acht- Million en-Anleihe bei der allgemeinen Berkehrsbank abgeschlossen, und zwar durch Emission von Stadtschuldverschreibungen, wogegen bis dahin der Stadtgemeinde irur auf Grund von gewöhnlichen Schuldscheinen eventuell durch pfandrechtliche Sicherstellung Darlehen zu höheren Zinsen bewilligt wurden. An dett'tEntwürfen für ein neues Gemeindestatut und eine Wahlreform hat er hervorragenden Anteil genommen und dieselben im Gemeinderate als Referent vertreten. Infolge der Kriegserklärung an Serbien und Rußland ist chm, als dem nach dem Gemeindestatute zuständigen Chef der politischen Verwaltung der Stadt Czernowitz, die Aufgabe der Mobili'ierungsdurchführung Augefallen. Die einschlägigen Maßnahmen wurden mit einer Exaktheit durchgeführt, daß sich der Divisionär Fcldmarschalleutnant Schmidt bei ihm per-r sönlich einqefunden und chm hiefür den Dank im Namen des allerhöchsten Dienstes ausgedrückt hat. Das Verhalten des Genannten in der Folgezeit ist allgemein als mustergiltig anerkannt worden. Die erfolgte Evakuierung der Stadt hat ihn vor schwere Aufgaben gestellt: insbesondere in der Zeit zwischen dem Verlassen der Behörden und dem erst drei Tage später erfolgten Einzuge der Russen, die bekanntlich auch chm zum Verhängnis werden sollte. Flüchtlings-Lesehalle und Bibliothek. In dem modernen Prachtbau mit dem hohen runden Turme, Ecke Praterstraße und Große Mohrengasse, hat seit einigen Tagen eine neue Kulturstätte ihre gastlichen Pforten geöffnet: die von dem nimmermüden Schaffensgeiste des Gemeinderates Dr. Rudolf S ch w a r z - H i l l e r binnen wenigen Wochen ins Leben gerufene Lesehalle und Bibliothek für Kriegsflüchtlinge. Einige breite und bequeme Stufen führen in das Mezzanin, wo uns ein schmucker JungsMtze mit höflicher Verbeugung zum Besuche eines' der schönsten, der Belehrung und geistiger Zerstreuung geweihten Lokales einladet. Nachdem wir das langgestreckte Vorzimmer, das gleichzeitig als Garderobe dient, durchschritten haben, treten wir in einen großen Saal, an dessen Stirnseite wir das von Lorbeerbäumen umgebene, iedem Oesterreicher so teure, milde Antlitz unseres nötigen Monarchen erblicken. Volles Tageslicht strömt in diesen hohen, im vornehmsten Elfenbeinweiß gehaltenen Raum, denn die Stelle der Wände nehmen hier an drei Fronten große, matte Spiegelscheiben ein, und die in mehreren Reiben aufgestellten, mit grünem Billardtnch überroaenen Tisch", mit den braunen, beanemen Sesseln davor, laden förmlich zum Verweilen ein, ----- ----------■'>— Wochenschrift Nr. 9 während uns die Zentralheizung ihre wohltuende, gleichmäßige Wärme spendet. — Wir langen uns eine von den vielen Wiener Tageszeitungen, die, in geschmackvolle Hälter gespannt, an der Wand hängen, herab, oder wählen eine der in Mappen auf einem Tische liegenden humoristischen Blätter oder, je nach Geschmacksrichtung und Bildungsgrad, eine von den Fachschriften, Revuen und Zeitschriften, zünden uns eine Zigarette an — denn wir befinden uns im Lesesaale für Raucher — und geben uns ungestört dem Genüsse der Lektüre hin. Senken sich jedoch die Abendschatten über die belebte Praterstraße, deren Großstadtlärm gedämpft heraufklingt, dann drücken wir auf einen der an einer Schnur hängenden Taster und über uns erstrahlt das milchweiße Licht einer großen, 200 Kerzen starken, elektrischen Deckenlampe. Doch ich kann den gütigen Leser hier noch nicht, ausruheu lassen. Er muß mir in den durch eine Holzwand getrennten, äußerst intimen Nebenraum folgen, wo zirka vierzig ernsteren Fach- oder Berufsstudien nach gehende Personen beiderlei Geschlechtes sich den Freuden intensiver geistiger Nahrung hingeben können, von den lieben Mitmenschen nicht gestört, denn „lautes Sprechen ist hier im Studierraume strengstens verboten". Und nun gelangen wir in den eigentlichen Bibliotheks- und Kanzleiraum. Längs der drei Wände bis zur Decke reichende Regale und parellel zu diesen weitere drei Stellagen mit modern gebundenen Büchern aus allen Zweigen menschlichen Wissens, mit den Meisterwerken aller Literaturen in deutscher, hebräischer, polnischer, ukrainischer, italienischer Sprache. Momentan 2500 Bände, die sich aber durch täglich einlaufende Neubestellungen rapid vermehren werden. Zwei Fräulein von angenehmen Umgangsformen machen die Honneurs und zeigen uns noch beit zirka hundert Personen fassenden Lesesaal für Nichtraucher, dessen Fenster auf die idyllisch ruhige Mohrengasse gerichtet sind. Die bauliche Gestaltung und Einrichtung dieser so anheimelnden, vornehmen Räume sind ein Werk des vielseitigen Baukünstlers, Architekten und Gemeinderates Edmund Melcher, dem die Wiener Flüchtlingsfürsorge eine ganze Reihe zweckentsprechender, mit fabelhafter amerikanischer Schnelligkeit hergestellter, auch das ästhetische Bedürfnis vollauf befriedigender Bauten verdankt. Der Leiter der Zentralstelle hat, in richtiger Würdigung der vom Ministerium des Innern ihm übertragenen großen und verantwortungsvollen Aufgabe, diese prächtige Bildungsstätte errichtet. Denn nicht nur der Vorsorge für ihr leibliches Wohl bedürfen die armen Flüchtlinge, sondern vielleicht in höherem Maße noch der seelischen Aufrichtung. Wie die Denkschrift des Ministeriums Zutreffend und menschenfreundlich bemerkt, hatten jene bedauernswerten, von Haus und Hof Vertriebenen wohl unter einer ihnen fprachfremden Bevölkerung zumeist freundliche Aufnahme gefunden, kön-> nen aber doch das Heimweh nach dem eigenen Herde nicht überwinden und würben, der gewohnten Beschäftigung und des geselligen Umganges entbehrend, oft von Gedanken an erlittene Verluste und an das ungewisse Schicksal zurückgebliebener oder während der Flucht von ihnen getrennter Angehörigen bestürmt. Sollte diese durch die Verpflanzung in ungewohnte Verhältnisse gesteigerte Gemütsdepression der Flüchtlinge nicht zu einer Gefahr für die zuversichtliche Stimmung der Bevölkerung des Hinterlandes und zur Quelle sittlicher Gefahren für die Flüchtlinge selbst werden, so mußte ihnen seelischer Trost, Zerstreuung und nützliche Beschäftigung und insbesondere der Jugend auch entsprechender Unterricht geboten werden. Eine solche Trost- und Zufluchtsstätte, zugleich eine freundliche Quelle der Bildung und geistigen Unterhal-