Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 8 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 118 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 8 des betreffenden Spekulanten in ösfentlichen Versammlungen und, wenn auch dies erfolglos war, eine öffentliche Züchtigung. Schließlich wird ermahntzur Mäßigkeit und zur Einschränkung in den Lebensmitteln zur Zeit der Not. „Wenn Mangel an Lebensmitteln ist, so soll sich der Reiche dem Armen gleich auf das nröglichste Maß einfchränken, ^amit ein Seil Von-den vorhandenen Nahrungsmitteln an jeden komme." „In der Zeit der Not soll sich ein jeder würdig und ernst verhalten, niemand darf sich den Anforderungen der Zeit entziehen." Selbst im täglichen Gebete finden sich noch Spuren der alten Verwünschungen gegen Lebensmittelwucherer. Allerdings scheint unsere Zeit jenen Idealen, die die Religion des Judentums aus ihre Fahne geschrieben, garwenig nachzustreben. Der „eisigkühl berechnete Händlerstandpunkt" ist heute in allen Schichten der Bevölkerung, die etwas zu erzeugen oder zu verkaufen haben, in mehr oder minderstarker Ausprägung vorhanden und man wird dem greisen Nationalökonomen Professor Schmoll er nicht ganz Unrecht geben können, wenn er es als „die große Frage der Zukunft" bezeichnet, ob es gelingt, die auri sacra fames. die verfluchte Geldgier und zügellose P r ofitwut, die sich äußern in Ueberspekulation, in lieber; gründung und in Preistreiberei, zu bändigen, sowie die weitgehende wirtschaftliche Freiheit zu umgrenzen. Julius Bachem, einer der hervorragendsten Führer der deutschen Katholiken, ermahnt unablässig im „Tag" die Landwirtschaft sich aller in den Verhältnissen nicht begründeten Preistreibereien zu enthalten. Ohne auf Einzelfälle einzugehen, obwohl sie auch ihm sicherlich in Hüllje und Fülle bekannt sind — kann er doch nicht in Abrede stellen, daß an der in weiten Konsumentenkreisen herrschenden „üblen Stimmung" gegen die Landwirtschaft diese „an dem Stand der Dinge" nicht unschuldig ist, wobei er, wie gesagt, „von der Tatsache, daß Be-! wucherungsfälle in landwirtschaftlichen Kreisen tatsächlich in erheblicher Zahl vorgekommen sind", ganz absehen will. Es ist noch Schlimmeres vorgekommen: In spezifisch landwirtschaftlichen Organen sind Auslassungen erschienen, „welche als eine Herausforderung, fast als eine Verhöhnung der in sehr schwieriger Lage befindlichen Konsumentenschichten zu wirken geeignet erscheinen". Bachem ist ehrlich genug, die Quellen der Preistreiberei ungeschminkt aufzuzeiaen. Das Judentum hat keinen Anteil daran. Prof. Dr. Simon Ster«, Katiliiner in Saaz. Zu seinem 60. Geburtstage. Simon Stern ist auch den Lesern dieser ge chätzlen Zeitschrift lein fremder Name — bei uns Kl Lande hat er einen guten, sogar scharfen Klang —, gehört doch S. Stern seit Jahren zu ihren Mitarbeitern, liefert er doch von Zeit zu Zeit auch diesen Blättern schätzenswerte Aufsätze. Seit noch längerer Zeit aber gehört er zu denen, die sich frei und freudig zu der Fahne bekennen, welche Dr. B l o ch s „Oesterreichische Wochenschrift" einst entrollt und stets hochgehalten hat: zur Fahne des gebildeten, von den Fesseln des leib.ichen und geistigen Ghettos befreiten, oder, wie Stern es nennt, des „europäischen Kukturjudentums". Schon deshalb verdient er an dieser Stelle Würdigung und Glückwunsch zu seinem 60. Geburtstage. Wir, seine Freunde und Amtsgeuossen, sind woh. überraschst zu hören und auch nur von ungefähr zur Kenntnis getaugt — die Herausforderung zum modernen Personenkultus liegt ihm fern —, daß Simon Stern das 60. Lebensjahr, somit den Anfang des „Alters" im Sinne der rabbinischen Spruchweisheit, erreicht hat: denn wir kennen ihn immer nur als den Jungen, den edlen Träumer, den sinnenden Idealisten, den sonderbaren Schwärmer, den Begeisterungsfähigen und Begeisterungsweckenden. Sein Lebrnsgang ist bald und kurz erzählt. Er war und ist wohl an inneren Kämpfen und Erlebnissen reich, aber die gehören vorläufig ihm allein und nicht vor die breite Oeffentlichkeit. Und was man so in der Welt des Scheines leine glänzende Laufbahn nennt, dir war ihm nicht beschieden. Aber er gehört dennoch zu den wenigen Menschen, von denen man, wenn man erst ihres Geistes einen Hauch gespürt, nicht achtlos vorübergehen kann, so anziehend und wertvoll ist die ganze Persönlichkeit, der Mann und sein Werk. Simon Stern wurde am 11. Februar 1856 in Wag-Neustadtl in Ungarn gebaren. Nicht nur das Elternhaus, die Kinderstube, sondern auch der Ort, die Gemeinde, in der er auswuchs, beeinflußten sein Fühlen und Denken. Seine Eltern waren schlichte, brave, gute, fromme Leute, fromm nicht im heutigen partei,- po'.inschen, sondern im früheren schlicht-naiven Sinne des Wortes. Der Rabbi der Gemeinde war Josef Weiße s. A. (der Vater des Berliner Rabbiners Dr. Samson Weiße), der gelehrte Hebraist, der traditionsgläubige Kritiker, der Mann der ruhigen Mittelpartei im Judentum. Er stand noch unter dem mächtigen Einfluß des Mendelssohn'fchen Ideals: das überlieferte „Gesetz" und hochjinnige Bildung innerhalb des Judentums zu vereinen. „Lernen" und Studieren war also in Weißes Umgebung erlaubt, ja geboten. Simon Stern hat also wie sein älterer Bruder, der Rabbiner und Philosoph Dr. M. L. Stern s. A.^ frühzeitig die geistige Atmosphäre eines toleranten, gebildeten Judentums eingesogen und konnte an der b.'oß talmudisch-pilpulistifchen Richtung der Preßburger Schiurstube auf die Dauer kein Genügen finden. Er bezog also nach absolvierten Eymnasialstudien die Wiener Universität und hörte Philosophen, Historiker, Naturforscher von Weltruf, hörte und dachte, las und dachte immer weiter, mehr voraus als in den alten Systemen zurück. Er studierte, aber es war kein sogenanntes Brotstudium; er besaß eben den köstlichen Leichtsinn des Liebhabers der Wissenschaften, der beim Studieren nicht gleich ans liebe Brot, an ein melkendes Amt, ans praktische Vorwärts- oder Aufwärtskommen denkt. Ihm ist noch heute in den oberen Regionen der Ideen am wohlsten. Aber auch in Wien ward er der jüdischen Theologie oder Wissenschaft nicht lganz untreu: ec hörte Jelinek, und der sprach Bände jüdischer Geschichte, er hörte Eüdemann, und der schrieb Bände jüdischer Kulturgeschichte, und er hörte auch M. Fried mann und I. H. Weiß, Lektoren am Beth- Hamidrasch, diese scharfen Kritiker des talmudifchen Schrifttums. Dann kam er nach Prag als Erzieher des israel. Knabrn-Waisenhauses und studierte weiter. Hier war in den 80er Jahren mein sei. Vater Oberrabbiner und hielt auch Talmud-Vorträge für Rabbinatskandidaten, die teils privatim Gymnasialstudien oblagen, teils schon die Universität besuchten. Es war eine moderne Jeschibha und entbehrte des Schulbetriebes, aber auch der Parteirichtüng eines Seminars. Hier und in dem auf seine Historie nicht wenig stolzen Prager Milieu fand S. Stern den Weg zum historischen, konservativen Judentums zurück, ohne di: Freiheit seines philosophischen Intellekts aufgegebrn zu haben. Prag bot damals durch seine Rabbiner und Privatgelehrten (ich nenne nur: Prof. Dr. Dämpft Dr. A. Stein, Dr. M. Tauber, Dr. N. Grün, den jetzt pensionierten Rabbiner Stark, S. Hock u. a.) und durch den Verein für jüdische Geschichte (Asike-Jehuda), in dem sich mancher junge 'Gelehrte (auch Gotthard Deutsch in Cincinnati) Anerkennung und Anfechtung holte, reiche Anregung für das historische Verständnis des Judentums. In Prag promovierte S. Stern auf Grund einer Abhandlung über I. N. Tete ns (1736—1805), eines Vorläufers Kants in der Dreiteilung der psychischen Phänomene (Denken, Fühlen, Wollen), zum Dr. phil. Bald darauf erhielt er das bescheidene Rabbinat in Mißlitz (Mähren) und sodann das angesehene in Saaz, wo einst S. M a y b a u m im Sinne des Reformjudentums wirkte. Rabbiner und Gemeinde verstanden einander und traten sich geistig näher. Seit Mehr als 20 Jahren — auf die historische Akribie kommt es bei Stern nicht an — wirkt ec dort als geistreicher Prediger, als treuer Berater der Gemeinde und als eifriger Förderer ihrer Humanitären und sozial-ethischen Bestrebungen. Aber mehr noch als das Predigen liebt er das Schriftstellern. Die Kanzel ist ihm für seine Ideen zu eng, und es drängt ihn, seine Gedanken, die im beständigen Fluß sind, und seine Meinungen, und er 'hat in den Fragen, welche die Welt und das Judentum bewegen, immer feine eigenen >nbi et orbi, zu verkünden. Ihn treibt die große Liebe zum Judentum: er will es geläutert, geachtet, maßgebend in der gebildeten Welt als Kultursaktor dastehen und Mitwirken sehen an der Se.bsterlösung, an der Selbstbrfreiung der Menschheit.- Darum schrieb er noch in Mißlitz eine lesenswerte, von Gedanken und temperamentvollen Impressionen übersprudelnde Schrift: „Das europäische Israel" (Brünn 1889). Er beleuchtet darin vom geschichte-philosophischen Standpunkt die vier Geschichtsphasen im Judentum: Orthodoxie, Rationalismus, Reform und Mystizismus — und ihre historische Berechtigung im Hegel'sch en Sinne; greift aber auch kommenden Jahrhunderten vor mit seiner Idee eines „dogmafreien Judentums", allwo alles, was wahr, schön Und gut, als Judentum gelten und das Judentum nur das Wahre in der Wissenschaft, das Schöne im Kultus und das Gute in der Lebensführung des Einzelnen und der Gesellschaft zur Geltung und Anerkennung bringen wird. Dieses messianische Judentum gilt ihm als die Religion des „europäischen Israel". Eine wichtige Etappe zu dem fernen Ziel bildet das talmudisch-rabbinische Judentum, nicht die