Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-02-11 · 7 (11.2.1916) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
7 (11.2.1916)
Date
1916-02-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3022195-3022203--24868-3050139
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Serie 106 Tr. Bloch's Wochenschrift Vh. 7 Korrespondenzen. Israelitischer Humanitütsverein Leopolis B'nai-B'rith, Lemberg. An die löblichen Vorstände der israelitischen Kultusgemcinden in Galizien. Der Verein hat beschlossen, die Namen der nach Rußland verschleppten Juden zu sammeln und den Ausweis den Behörden vorzulegen, wie auch durch Vermittelung unserer Glaubensgenossen in neutralen Staaten den Aufenthaltsort der einzelnen Verschleppten wie auch ganzer Gemeinden zu ermitteln. Die Gemeindevorstände wie auch viele Privatpersonen haben bereits die nötigen Ausweise, resp. Adressen und Namen, eingesender so daß der Kataster bereits aus zirka 6000 (sechstausend) Namen besteht. Aus Sniatyn wurden 2837, aus Rohatyn 580, aus Knihinicze 154, aus einem einzigen Dorse, Turza Wielka im Bezirk Dolina, 80 Juden verschleppt. Leider kann die Arbeit nicht abgeschlossen werden, da die westgalizischen Gemeinden, wie auch ein Teil der ostgalizischen, bis nun keine Nachricht über die von dort verschleppteir Gemeindemitglieder zugesandt haben. Wir wenden uns daher an die löblichen Kultusvorstände, wie auch an interessierte Privatpersonen mit der Bitte, daß sie im eigenen Interesse die nach, folgendem Muster ausgefüllten Ausweise direkt an den Referenten dieser Angelegenheit, Herrn Professor Dr. Maser Balaban, Lemberg, Milkowskigasse Nr. 2, ehestens einsend e n : Vor- und Zuname des Verschleppten, Alter, Beschäftigung, Wohnort, Datum, Vorwand des Vsrschleppens (Geisel), von welcher Truppe, bei welcher Gelegenheit. Der Aufenthalt in Nutzland. Zurückgebliebene Familienglieder (Frau, Kinder (Waisen), alter Vater oder Mutter). Was ist mit dem Vermögen geschehen, wovon leben die Zurückgebliebenen? Es ist selbstverständlich, daß diejenigen Gemeinden und Privatpersonen, die ihre Ausweise bereits geschickt haben, das abermalige 'Zusenden unterlassen sollen/ Die Leitung des Vereines. In Vertretung: In Vertretung: Dr. Maximilian F r i e d, Prof. Dp. Moses S ch o r r, Schriftführer. _ Obmann. Zur Frage des Religionsunterrichtes. Geehrte Redaktion! Ich habe die in Ihrem gesch. Blatte, Nr. 5, ver-l .öffentlichte Budget-Debatte der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 23. Januar 1916 mit großem Interesse gelesen und gestatte mir, speziell zur Frage des Religionsunterrichtes, die eingehend besprochen wurde, Stellung zu nehmen, weshalb ich Sie bitte, meine Zeilen bei sich demnächst bietender Gelegenheit in Ihrem gesch. Blarte zu veröffentlichen. Meiner Ansicht nach fallen die von einer Mehrzahl der Vorstandsmitglieder vorgebrachten Klagen über die Unfähigkeit der Lehrkräfte auf den Vorstand selbst zurück, denn dieser ist es ja, der die Lehrkräfte bestellt und deren Ernennung bestätigt, und da der Vorstand von der Ueberzeugung ausgeht, daß nur mit den besten Lehrern gute Erfolge erzielt werden können, sollte doch — dies ist doch nur eine logische Folge — bei der Auswahl der Kindererzieher mit größter Rigorosität vorgegangen werden und nur pädagogisch erscklassige Männer angestjellt werden. Es liegt aber die Vermutung nahe, daß der gute Wille des Vorstandes, den ich ja nicht bestreiten will, deshalb nicht genügt, um das erwünschte und notwendige Ziel zu erreichen, weil es uns an Bildungsanstalren fehlt, an denen tüchtige Lehrkräfte herangebildet werden können. Die Errichtung eines solchen Pädagogiums sollte demnach die Kultusgemeinde als erste Pflicht ansehen, und eine weitere Notwendigkeit wäre, die Lehrer derart materiell zu stellen, daß auch tüchtige Theologen Veranlassung haben, sich dem Lehrberufe zu widmen. Wenn einmal solche bewährte Kräfte an den Schulen wirken, dann werden sicherlich in der Erziehung unserer Jugend gute Resultate zu verzeichnen sein. Der Erfolg könnte aber noch verstärkt werden, wenn der Lehrer vom Elternhaus des Kindes in seiner Mission — gute und gläubige Juden heranzubilden — unterstützt werden würde. Zu diesem Zwecke sollte dahin gewirkt werden, dast zwischen Eltern und Lehrer ein Ein-- Verständnis, gewissermaßen ein Zusammenarbeiten auf dem Gebiete der Erziehung herbeigeführt werde. Um diesen Kontakt, den ich als sehr wichtig betrachte, zu erreichen, wäre es erwünscht, alle zwei Monate bezirksweise Elternabende zu veranstalten, wo den Eltern von berufener Seite die hohe Bedeutung des Religionsunterrichtes für die Kinder selbst, für die Gesellschaft und auch für den Staat auseinandergefetzt wird. Durch gegenseitige Aussprache würden Schwierigkeiten behoben, Mißverständnisse beseitigt und — was vielleicht das wichtigste ist — Anregungen gegeben werden. Den Grundpfeiler des Judentums bildet dessen Religion und in weiterer Folge der religiöse Unterricht, von welchem die Erhaltung der Religion abhängt. Deshalb dürfen von der Judenschaft keine materiellen Opfer geschem werden, um den Religionsunterricht zur höchsten und wirksamsten Blüte zu bringen. Ist es einmal so weit und ist die Erziehung und der Unterricht so wertvoll, daß er in den Gemütern der Kinder fest verankert bleibt und beit Glauben an das Judentum dauernd befestigt, dann wird sicherlich in absehbarer Zeit eine Abnahme der so traurigen Fahnenflucht festzustellen sein, und es werden der jüdischen Gemeinde eine große Anzahl Steuerträger erhalten bleiben, die zur materiellen Stärkung der Kultusgemeinde wesentlich beitragen werden. Um nun für die Unterrichtszwecke bei der Geschäftsgebarung weitere 100.000 bis 200.000 Kronen zu erreichen, würde ich folgenden Modus Vorschlägen: Die Wohltätigkeitsakte erfordern laut Budgetbericht über 600.000 Kronen. Ich bin der Ansicht, daß die Funktionen der Wohltätigkeit den Vereinen, die doch in allen Bezirken mehrfach vertreten sind, überlassen werden. Man subventioniere diese Vereine mit größeren Beträgen und übe die Kontrolle derart, daß die Vereine der Armenanstalt wöchentliche Ausweise vorlegen müssen, die über die Verwendung der überwiesenen Gelder genauen Aufschluß geben. Meiner Ueberzeugung nach würden die Vereine einen Stolz darein setzen, die im erweiterten Wirkungskreis übernommenen Aufgaben tadellos durchzuführen. Dbmit wäre auch das alte Uebel zum großen Teile beseitigt, daß Unterstützungsbedürftige zweimal beteilt werden, denn die in der Seitenstettengasse petierenden Armen kommen doch aus allen 21 Bezirken Wiens. Schließlich erlaube ich mir zu bemerken, daß im Verlaufe der Budget-Debatte durch manche zum Religionsunterricht vorgebrachte Bemerkungen die jüdische Lehrerschaft einschließlich der Schulinspektoren sehr herabgewürdigt worden sind. — Es wäre besser gewesen, wenn die Veröffentlichung dieser Auslassungen unterblieben wäre. Hochachtungsvoll Herrman K ö n i g.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.