Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 6 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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> Seite 86 Tr. Blocks Wochenschrift Nr. 6 seinen Schulen ihre Stellung int Leben, er hat das levantinische Judentunr in seinem Konkurrenzkmnpfe mit Griechen und Armeniern gekräftigt und wohlverdient ist der Dank, den ihm weite Schichten der Judenschaft zollen. Andererseits aber hat sein Erziehungssystem dem Judentume, der jüdischen Religion, der jüdischen Volksseele unendlich viel geschadet. Die Jugend wurde ohne Glauben, ohne jedwedes Ideal erzogen. vous*‘, die Parole des Bürgerkönigtums, ist das Lebensziel, welches die „A. I. U." ihren Zöglingen vorschreibt. Der ideale Gehalt der französischen Erziehung, der französische Patriotismus, ließ sich ja nicht in den Orient verpflanzen und jüdische Ideale sind ja den Herren von Paris ganz fremd. Ter jüdische Unterricht steht in vielen Alliance-Schulen auf derselben Höhe wie der Religionsunterricht in galizischen Lchulen. Das Ergebnis der Alliance-Erziehung ist eine sprachgewandte, kaufmännisch nicht untüchtige Halbintelligenz ohne Glauben, ohne Ideal, ohne jedwede geistigen Interessen. In der großen Judengemeinde Saloniki sind die Synagogen am Sabbat leer, dafür aber die Kaffeehäuser voll. Mit der Zigaretlie im Munde, die Karten oder die Würfel in der Hand, bei einer Schale türkischen Kaffees feiert der Salonikaer seine Sabbatruhe: Die Jugend veranstaltet Konzerte, im Sommer weite Ausflüge mit der Eisenbahn. In Konstantinopel erlebt man die Schmach, daß viele Juden am Sabbat chre Läden offen halten, um sie am Sonntag freiwillig zu schließen, weil man sich- Sonntag besser „amüsiert". In Smyrna find die Verhältnisse nicht viel besser. Die Städte im Innern, Adrianopel, Brussa, Angora usw., sind viel konservativer geblieben, dort kann man noch die Synagogen voll finden und die Weihe des Sabbats verspüren, aber auch dort ist das geistige Leben ganz abgestorben, auch dort geht die Thorakenntnis mit den Greisen ins Grab und eine französische Jugend wächst heran. Es vollzieht sich hier eben derselbe Prozeß wie früher im Westen die Assimilierung der Juden an die Umgebung unter weit ungünstigeren Umständen, weil die Umgebung geistig tiefer steht. Der „assimilierte" Jude steht ungefähr auf derselben Entwicklungsstufe wie der „gebildete" Grieche mit seinem Unglauben und /Aberglauben, es fehlt ihm aber die nationale Idee, welche den Griechen oder den Armenier belebt und ihn bis zu gewissem Grade Wer das Persönliche und rein Materielle erhebt. Die Schwärmerei jungtürkischer Literaten für den TuramisMus kann natürlich kein Jude teilen. Die Anbahnung steter Beziehungen zwischen den Aschkenasim und den Sephardim des Ostens hat sich der B'nei-B'rith-Orden schon vor einigen Jahren zur Ausgabe gemacht, indem er im Orient Logen begründete. Ihr Einfluß hat sich bis nun infolge der politischen Verhältnisse nicht recht fühlbar gemacht. Die Spitzen der jüdischen Gesellschaft, in Konstantinopel sowohl wie auch in Saloniki, stehen den „B'nei-B'rith" noch fern. In Konstantinopel hat das Zusammenwirken von Aschkenasim und Sephardim in der B'nei-B'rith-Loge schon einige Erfolge aufzuweisen, so z. B. das jüdische LyzeuM, in den: auch Hebräische nach modernem System unterrichtet wird, und die Bibliothek, welche auch Nichtmitgliedern zugänglich ist. Im Sinne der Annäherung der Sephardim an das Westjudentum arbeitet auch seit Jahren der „Hilfsverein der deutschen Juden", in dessen Schulen neben dem Deutschen auch , das Hebräische in moderner Form gepflegt wird. Die jetzige Weltlage bietet uns die Gelegenheit, die türkische Judenschaft aus ihrer Isoliertheit und geistigen Dekadenz herauszureißen und ihren Anschluß an das übrige Judentum zu bewirken. Wir dürfen aber nicht untätig die Ereignisse an uns vorübergehen lassen, sondern eifrig die Annäherung anstreben. Wir Juden sind ein konservatives Volk und behalten lange angenommene Sitten und Sprachen. Es ist ernstlich zu befürchten, daß gerade Juden es sein werden, die nach der Besiegung der Entente seitens der Zentralmächte den kulturellen Einfluß Frankreichs im Orient zu retten suchen werden. Die Mittel werden wohl dazu nicht fehlen. Es ist die Pflicht der deutschsprechenden Juden, diese Eventualität, die eine große Wahrscheinlichkeit für sich hat, zu verhindern, denn sonst bleiben die Sephardim weiter isoliert und müssen wie ein abgesagter Zweig vollständig verkümmern. Wenn aber die Spaniolen, der allgemeinen Strömung sn der Türkei folgend, „Europa" nicht mehr in Frankreich, sondern in Oesterreich und Deutschland suchen werden, dann finden sie nicht nur eine intensivere Kultur, die levantinifche Oberflächlichkeit von vornherein ausschließt, sondern auch Anlehnung an Millionen geistig höher stehender Brüder, eine jüdisch-deutsche Literatur und Presse. Tritt eines Tages im Orient das Deutsche an Stelle des Französischen, dann wird auch der Aufsaugungsprozeß der sephardischen Judenschaft durch die aschkenasische beginnen, was höchst wünschenswert wäre, denn schon treten bei den Sephardim, wie bei allen kleinen Gemeinschaften, bedenkliche Merkmale der Degeneration auf: eine Folge der Abgeschlossenheit. Es wird dies Sache der großen jüdischen Organisationen sein, Mittel und Wege zur erwünschien Annäherung zu finden. Der einfachste und sicherste Weg ist die Beeinflussung der Jugenderziehung. Die „A. I. U." ist zwar Mächtig im Orient und darf ihr Schulwerk weiter führen, trotzdem die anderen Anstalten der feindlichen Staaten geschlossen wurden, aber sie hat kein Monopol der Erziehung. Wenn das' deutsch-polnische Judentum es sich zur Ausgabe nehmen.wird, das Gemeindeschulwesen der türkischen Stammeskinder organisieren zu helfen und vor allem eine genügende Zahl moderner hebräischer und deutscher Lehrer herbeizustellen, dann wird es bald keine Scheidewand zwischen Sephardim und uns geben. Es handelt sich dabei nicht so sehr um philanthropische Hiffe wie um moralische Unterstützung. Nur ein modernes Schulwerk, in dem Hebräisch und Deutsch ernste Pflege finden, kann uns das levantinifche Juden-' tum näher bringen. Es ist unsere Pflicht als Juden und als Oesterreicher, die levantinischen Kehilloths mit einem solchen Schulnetz zu überziehen. Die Türkei wird noch jahrzehntelang den Gemeinden ihre eigenen Schulen belassen und die Alleinherrschaft bes1 Türkischen nicht fordern. Kein türkischer Patriot leugnet das Bedürfnis einer europäischen Kultursprache. i Konstantinopel, 19. Januar 19l6. Dr. B. Miidchrnheime. Der Weltkrieg mit seinen katastrophalen Wirkungen hat auch die im Hinterlande Verbliebenen vor große, stets neue, bisher ungeahnte Aufgaben gestellt, und das alttestamentarische schönste Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" hat seit dem Bestände der mensch?-. lichen Gesellschaft niemals so herrliche Früchte gezeitigt, als in diesem haß- und neiderfüllten Ringen offenkundiger oder übertünchter Barbarei gegen ftiedliche Zivilisation und geduldige, aber auch kraftvolle Gesittung und wahre Kultur. In der vor den Schrecknissen der Russeninvasion sich nach dem Binnenlande und speziell nach Wien er-