Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 3 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3022195-3022199--24806-3050073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 48 Dr. Mochs Wochenschrift Nr. 3 London. Der Premierminister Bothn des Südafrikanischen Staatenbundes hat dem Parlamentsmitglied Harry Grau mann das Amt des Finanzministers angeboten. Wie aus Newyort berichtet wird, wurde zum Mayor von South Vancouver (Bririsch--Kolumbia) der Jude Edward Gold gewählt. Feuilleton. Das Kriegslagelmch des Moritz Kchwarrz. Im „Egyenlöfeg" veröffentlicht Emerich SZabo die Tagebuchaufzeichnungen eines aus serbischer Kriegsgefangenschail heimgekehrlen jüdischen Soldaten. Der Verfasser der .Tagebuchblätter ist der Handelsreisende Moritz Schwäre z, der Mitte Dezember 1914 nach> harten Känrpfen unterhalb Belgrads in serbische Gefangenschaft geraten ist. Zur Zeit der bulgarischen Offensive wurde er aus Risch in der Richtung von Durazzo fortgefchlevpt, dann wieder von Novibazar bis Struga, wo es ihm gelang, bei einem türkischen Bauer Unterschlupf zu finden. Hier konnte er auch die bulgarischen Besreiungsrrupp.'n abwarten. Seine Auszeichnungen beziehen sich aus die Zeit, welch? er von Belgrad bis Srruga in Gefangenschaft verbrachte. Sie verdienen in jeder Hinsicht, veröffentlicht zu werden. Wir lassen sie hier in deutscher Uebersetzung folgen: 16. Dezember 1914. Mein Transport bestand aus 130 bis 140 Mann. Wir wurden, in Rech und Glied gestellt, visitiert. Den an den beiden Flügeln stehenden Gefangenen wurden sogar die Eheringe abgenommen. Ich stand in der Mitte, mir zogen sie meine guten, festen Battantschen von den Füßen und gaben mir dafür Sandalen. Zum Glück hatte ich keinen.Pelzrock, sonst hätten sie den auch eingetauscht. In Belgrad bekamen wir drei Tage nichts zu essen. Das heißt, es bekam jeder Kriegsgefangene etwas, der in der Lage war, drei Dinar für ein Kommisbrot, oder für ein halbes Kilo Zwieback zu zahlen, die sie von uns erbeutet hatten. Eine Hungersnot gab es deshalb doch nicht unter uns, denn wer Geld hatte, kaufte auch für den andern, dem es mangelte. 2 3. Dezember. Bis MIadenovac find wir in Schnee, Lis und Morast marschiert: die Sandalen erwiesen sich nicht als gute Fußbekleidung. Wir wurden in einen Stall gepfercht und hierher kam ein serbischer Oberstleutnant, um uns zu inspizieren. Ich trug ihm im Namen meiner Leidensgenossen unsere Wünsche vor und kmgte ihm unsere Leiden. Der Offizier schweigt eine Weile, wie wenn er Nachdenken würde. Endlich kommt er auf mich zu. klopft mir einigemale auf die Schultern und sagt in hartem Deutsch: „Ja, meine Kinder, Krieg ist nicht Hochzeit!" Von Mladenooac weiter mußte ich nicht marschieren. Ich war schwach und hatte Fieber, ich durfte mit der Eisenbahn — in einem Schweinetransportwagen. — bis Risch fahren. Am 24. Dezember, vormittags 11 Uhr. kam ich nach Risch. Wir wurden von einem .Hauptmann in Empfang genommen. Das Gefangenenlager bestand aus fünf langen Holzhütten: in diese wurden wir hineingepreßt. Zu Mittag gab es Brot und gekochte Bohnen, ohne Fett und ohne Salz. Zum Abendessen bloßes Maisbrot. Der Typhus hat unter uns furchtbar gewütet: wir haben täglich 250 bis 300 Gefangene begraben. Zumeist Tschechen, deren Widerstandskraft schwach war. 10. Januar 1915. Ich höre, daß es unseren Offizieren leidlich gut geht. Sie wurden nach Rationalitäten abgesondert, für drei Offiziere wurde je eine Küche aufgestellt. Je drei Offiziere können sich einen Diener halten. Das Taggeld unserer Offiziere beträgt drei Dinar. Auch die Lage der Unsrigen hat sich gebessert. Zweimal wöchentlich bekommen wir Ziegenfleisch mit Bohnengemüse; manchmal gibt es auch Reis. Heute hat uns Gott die Frau Taler, Gattin eines reichen jüdischen Produkten Händlers, gesandt. Sie srug, wer von den jüdischen Kriegsgefangenen auf Koscherkost reflektiert. Natürlich haben sämtliche jüdischen Gefangenen jetzt Koscheressen wollen; sie hat unserer hundertvierzig mit Mittagskost versehen. Die Schwächeren bekamen Hühnerfleisch. Geld wollte sie keines annehmen, wir gaben unsere Dinare andersgläubigen Gefangenengenossen. Von denjenigen, welche sich um unsere Kranken bemüht haben, muß man eines aus Ungarn stanimenden Rischer Seifenfabrikanten namens Steiner in Liebe gedenken. Mit welcher Selbstlosigkeit und mit wieviel Hingebung pflegte er uns alle, ohne Unterschied der Konfession! Er wachte neben unseren Schwerkranken; ich weiß von mehreren, denen er im Sterben die Augen zudrückte. Ein 62jähriger Tramkutscher namens Popper, ein Kaufmann K o h n aus Cirkoenica und ein Prager Fabrikant hauchten ihre Seele in den Armen Steiners aus. 15. Januar. Im Gefangenenlager erschien der Präsident der Rischer K u l t u s gem e iji b e, Isaak Beracha. und teilte uns mit. daß das Kommando uns das Wohnen außerhalb der Baracke gestattete,, wenn die Kultusgemeinde für uns täglich per Kopf einen Dinar erlegt, oder für diesen Betrag gutsteht. Er frug uns, ob wir draußen in der Stadt als Wasserträger, Holz- Hacker, oder Bauarbeiter-Arbeiten übernehmen wollen, da wir in diesem Falle die Steuer verdienen könnten. Wir machten uns gerne erbötig. solche Arbeiten zu übernehmen, und wir dursten hinausgehen. Draußen konnten wir auch erfahren, auf welche Weife wir von zu Hause am ehesten Nachricht, eventuell Geld erhalten könnten. Hierfür sorgte ein Bankier namens Venzion B u l i. Wöchentlich einmal kam Bankier Liacseff aus Sofia nach Risch herüber und nahm unsere Briefe mit. in welchen wir jedoch bloß kurz über unser Befinden schreiben und Geld verlangen dursten. Geld erhielten wir mitunter innerhalb fünf Tagen über das neutrale Bulgarien im Wege der Ueberweifungen. 2 0. April. Den Winter haben wir glücklich durchgefroren. Ab und zu lasen wir auch die deutschen und ungarischen Blättelr. Ein Diener des Pretzbureaus der Regierung schmuggelte sie uns nämlich für einige Dinar zu und wir konnten sie in seiner Gegenwart durchlesen. Die Kriegsberichte klärten uns über die Unruhe der Serben auf.. Der Mißerfolg der Russen in den Karpathen ging ihnen sehr nahe und eben deshalb glaubten sie nicht, daß wir gegen sie gehen würden; sie waren der Meinung, daß wir alle Msere Kräfte an der Nordfront konzentrieren. Nichtsdestoweniger waren sie sehr nervös; das Schicksal Rußlands ist das Schicksal Serbiens, sagte die Bevölkerung in Nisch. Das mochte auch der Grund der Jagd nach Spionen gewesen sein. Wir erfuhren, daß gegen Benzion B u l i und Isaak B e r a ch a das kriegsgerichtliche Verfahren eingeleitet wurde, weil sie laut Informationen der Kriegsleitung im Wege unserer Korrespondenz Spionage zugunsten Oesterreich-Ungarns getrieben Hütten. 10. Mai. Das serbische Kriegsgericht hat vier meiner Gefangenenkameraden, welche ihre Korrespondenz. durch. Buli und Liacseff befördern ließen, verhört. Die Kameraden gestanden nicht. Sie wurden ins Gefängnis geworfen und punkt 12 Uhr nachts auf den jüdischen Friedhof gebracht. Hier wurde ihnen eine Schaufel eingehändigt und jeder wurde verpflichtet, sein eigenes Grab zu schaufeln. Als sie damit fertig waren, zeigten die vier Soldaten der Eskorte den Gefangenen ihre Gewehre und die scharfen Patronen. Entweder gesteht ihr, oder ihr steigt in euer Grab und wir befördern euch ins Jenseits. In diesem Augenblick sprengte ein Husar auf den Friedhof zu. Er überbrachte den Befehl, die Gefangenen sofort dem Gerichte zurückzustellen. Hier hatte sich nämlich inzwischen die Schuldlosigkeit der zwei Rischer Juden klar herausgestellt. Hätte der Husar nicht die Zügel gelockert, wären vier Menschen den Märtyrertod gestorben. 6. Juli. Wir haben bei Gorlice die russische Front durchbrochen. nun leugnen es auch die serbischen Blätter nicht mehr, daß es im Norden ernstlich schlecht steht. Ueberdies meldete sich auch die bulgarische Gefahr. Wir wurden mit alten Landstürmern nach Novibazar zur Verrichtung von Wasser.'eilungsarbeiten geschickt. Hier hatten wir keinen Grund zur Klage, wir wohnten in der Stadt und die türkische Bevölkerung war lieb zu uns. Einmal wollte ich von einem Türken eine Oka Aepfel kaufen. Als es zum Zahlen kam, überreichte ich ihm ein Fünfkronen-Stück. Verdachtschöpfend betrachtete er das Geldstück, drehte es hin und her, als er jedoch die Kopffigur unseres Königs erblickte, leuchtete sein Auge hell auf und er drückte die Münze an seine Lippen. „Csok jassa Franz Joseph!", sprach er glückselig. 2 0. Juni. Wir wurden in die Nähe von Vrkno dirigiert. zum Eisenbahnbau, die Linie Gramada-Risch-Knesovaci, welche ein aus Bacs-Szt. Tamas stammender Ingenieur namens P o t n i k noch vor drei Jahren trassiert hat, sollte schleunigst hergestellt werden. Bei den Sprengungen sind mehrere von uns neben mir zugrundegegangen. Ich sagte dem Ingenieur, unser Blut klebt an diesem Bau, aber wir werden auch diese Bahn benützen. So.war es auch in der Tat. Der erste bulgarische Einbruch erfolgte auf Bielogradcik in der Richtung Knezovac. Und aus der neuen Eisenbahn, für welche die russische Regierung acht Millionen Rubel hergegeben hat, haben die Bulgaren die Probefahrt gemacht.