Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 2 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 28 Dr. Block s Wochenschrift Nr. 2 ben Schaffner bat, ihn doch in die 2. Klasse Zu führen, fragte ihn dieser vorwurfsvoll: „Wenn du 2. 5klasse fahren willst, warum hast du ein Bittet genommen?" Der Rubel verkauft aber auch größere Gefälligkeiten. Die Petroleumraffinerie des Herrn Schl, wäre in Flammen aufgegangen, hätte nicht eine angemessene Gabe 'das! kosakische „Zündkommando" bewogen, feinen glühenden Diensteifer ausschließlich auf ein paar leere Fässer und Waggons zu richten. Höhere Kommanden werden natürlich mit höheren Widmungen bedacht. Um den Abschub eines Mehllagers aus Lemberg izu verhüten, mußte die Schwägerin der Frau Sch mindestens dreimal 50 Rubel opfern. Sie traf eben immer andere Herren im Auch. Aber der große russische Bär, der nicht wie seine ärmeren Bruder billigen Honig, sondern eitel Gold leckt, wünscht doch manchmal auch ein bischen warmes Menschenblut zu schlürfen. Und auch dieses Gelüst beftiedigt er nirgends so gerne wie bei seinen liebssn Juden. Ihrer 57 haben bald nach! seinem Einzug in Lemberg daran glauben müssen. So geschehen bei der berüchtigten Schießerei am Krakovskhplatz, deren Nachhall selbst bis zu uns gedrungen ist. Wenn Man all das von denen: erzählen hört, die es erlebt und erlitten haben, dann» versteht Man den tollen Jubel, den der Einzug der Befreier ber ihnen weckte. Und hört Man von diesem Jubel, dann vertieft sich wieder das Verständnis der vorausgegangenen Leiden. Oder meinst Dn, es geschehe um ein Geringes, daß eine kleine bescheidene Geschäftsfrau die Pferde der Soldaten küßt. . .? Korrespondenzen. Jahrhundertfeier des ismel. Wohltätigkeitsvereines. AM 2. d. M. vollendete der „Israelitische Frauen- Wohltätigkeitsverein", 1. Betz., Seitenstettengasse Nr. 2, das hundertste Jahr seines Bestandes. Die Gründungdes Vereines, an dessen Spitze seit einem halben Jahrhundert als Präsidentin Frau Charlotte Freiftau von Königswarter steht, erfolgte gleich zu Beginn des Jahres 1816 durch eine Vereinigung Mehrerer Frauen, die es sich zur Aufgabe gestellt hatten, die infolge der verheerenden Wirkungen der Napoleonischen Kriege verarmten Familien durch: Sammlung von Liebesgaben zu unterstützen. Dank der großen allseitigen Unterstützung, die der Verein stets gefnnden, war es ihm möglich, den sich ändernden Zeitverhältnissen Rechjnung zu tragen und beit Wirkungskreis des Vereines, der sich auf das ganze Wiener GeMeindegebiet erstreckt, immer Mehr zu erweitern. Der Verein lindert die Armut durch, zeitweilige Gaben, sorgt für Kranke, Witwen und Waisen, unterstützt bedürftige Wöchnerinnen, gewährt dauernde Unterstützungen an alte und sieche Frauen, spendet Feuerung für den Winter, trägt zur Aussteuerung armer Bräute bei, er betätigt sich aüs jedem! GMete, auf dem helfend und wirksam eingegriffen werden kann. Aus! Anlaß des Gedenktages fand aM 2. d. M„ um halb 12 Uhr vornrittags, im israelitischen Tempel in der Seitenstettengasse Nr. 4 ein Festgottesdienst statt. Der Jnnenraum des altehrwürdigen Gotteshauses war hell erleuchtet, die Säulen im Mittelschiffe waren durch! Reisigzweige verbunden. Lange vor Beginn der Feier war das Gotteshaus bis auf den letzten Platz-, wie an hohen Festtagen, gefüllt. .Bürgermeister Dr. Weiskirchner hatte Gemeinderat Dr. Oskar Hein mit seiner Vertretung betraut und Polizeibezirksletter Regierungsrat Polt war als Vertreter des Polizeipräsidenten Freiherrn von G o r u p erschienen. Ferner waren anwesend: Präsidentin Charlotte Freiftau von Königswarter mit den Damen des Vorstandes, der Präsident der isr. Kultusgemeinde Dr. Alfred Stevn mit deM Vizepräsidenten Hofrat Dr. Rappaport und fast sämtlichen Mitgliedern des Vorstandes, .der Präsident der „Chewra Kadischa" Salo Cohn, der Präsident des Bethausvorstandes Dr. Markus Spitzer mit dem Vizepräsidenten Anton Beck und allen Mitgliedern des Vorstandes, Sekretär kaiserlicher Rat Dr. Theodor Liehen, der Vizepräsident der Armenanstalt der israel. Kultusgemeinde M. A. Pollak; ferner die ObMänner ber Wiener Tempelvereine, Abordnungen aller Frauen-Wohltätigkeitsvereine; dann Oberrabbiner Dr. Güdemann und Gemahlin, Heinrich Freiherr Von Königswarter, Reichsratsabgeordneter Hoftat Dr. K u r a n d a, - Hofrat Dr. Schlag, Hofrat Dr. Löwner, Universitätsiprofessor Dr. Wilhelm Roth, Vizedirektor der Universitätsbibliothek Regierungsrat Dr. Frankfurter, Doktor Maximilian Sti glich als Vertreter des Bezirksrates des 1. Bezirkes, als Vertreterinnen der „Weiblichen Fürsorge" die Damen Ullmann, Grunwald, Kuranda und Benedikt; von deM Verein „Jüdische. Volksküche" Frau Hermine K a d i sch; von der Wohlrätigkeitszentrale die Herren Karl Freund und Dr. Löwy, Direktor des israelitischen Blindeninstitutes kaiserlicher Rat Heller, die Rabbiner Dr. Fe acht»- w a n g und W. R e i ch, Feldrabbiner Dr. Funk (Preßburg), der Vizepräsident der Verkehrsbank kaiserlicher Rat Leopold Langer, Notar Dr. Julius Bermann, Advokat Dr. Gustav Bloch, Direttor des israel. Kindergartens Max Fischer, Schulrat Dr. Weiß, kaiserlicher Rat Dr. Krüger, kaiserlicher Rat S t e i n h übl, Dr. I. L. Braun, vom Verein „Einheit" die Herren M a n h e i t, Alexander Eigner und Max H o f b a u e r, kaiserlicher Rat Sigmund Kau der s, die Großindustriellen Karl L e mb e r g e r, Hugo Kadis ch und Maximilian Paul-Schiff, Bezirksrat Kauders u. v. a. Eingelettet wurde die festliche Feier mit dem Vortrage des von Salomon Sülz er vertonten Psalmes 111 durch Oberkantor Don F u ch s, der vom Chorpersonal begleitet war. Sodann hielt Oberrabbiner Dr. Gü d eMann die Festpredigt. Nach der Absingung des Psalmes 113 wurde die Volkshymne gesungen. Ein Schlußgebet beendete die Feier. Die Vorsteherinnen aller israelischen Frauen- Wohltätigkeitsvereine Wiens hatten vor Beginn des Festgottesdienstes im Zeremoniensaale des Tempels der Präsidentin Charlotte Freiftau v o n K ö n i g s w a r t e r ihre Glückwünsche zum Ausdruck gebracht. Rede des Oberrabbiners Dr. Moritz Güdemann. Eine Jahrhundertfeier, wie diejenige ist, die uns heute im Gotteshause versammelt, besitzt vor anderen Feiern den Vorzug, daß sie erst nach Ablauf eines' Jahrhunderts stattfinden kann. Sie besitzt also den Reiz der Seltenheit, der den meisten heutzutage begangenen Feiern abgeht. .Es wird zuviel gefeiert, Man besitzt nicht diö^ Geduld, abzuwarten, bis das Bild des zurückgelegten' Zeitraumes zu einer eindrucksvollen Erscheinung sich abgerundet hat. Diese Voreiligkeit erinnert an das Betrageü eines Menschen, der aus Ungeduld jeden Augenblick aus die Uhr sieht, als ob' e!r dadurch den Gang der' Zeit beschleunigen könnte. Vergebliche Hoffnung! Unsere Weisen sagen: „Wer die Stunde drängt, den drängt die Stunde," und ein altes Sprichwort lautet: „Gut Ding braucht Weile." Ach erinnere an diese Erscheinung, der man nt unserer schnellebigen Zeit auf Schjritt und Tritt begegnet, um dadurch die Bedeutung der heutigen Jahrhundertfeier in das rechte Licht tzu setzen. Welche Fülle von Segen, welcher ungeheure Reichtums an Opfern und Werken der Nächstenliebe ist in dem' weiten Rahmen, der vier Menschenalter umspannt, aus'gebreitet! Der älteste und vornehmste Frauenverein unserer Gemeinde darf stolz darauf sein, daß, an ihm das Segenswort sich bewährt hat: „Wenn auch dein Anfang Kein ist, deine Zukunft wird sehr groß sein." Ausl kleinem Anfang ist