Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 2 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 27 Rybnik. Joseph Al 1 mann. Vizefeldwebel im 48. Infanterie-Regiment, Referendar. Rheno-Silesiae. Werl t. W. Joseph Halle, OfftziersteNvertreter im Reserve-Jnfanterie-Regiment Nr. 220, Referendar, Badeniae-Bavariae. Westheim. Viehhändler Samson Pulver. Lrsatzreservist im 18. bayerischen Infanterie-Regiment, zurzeit verwundet im Lazarett in Hahfurt. _ Ans zwei Feldpostbriefen eines Wiener Reserveoffiziers. 7. .... Die letzte Nacht verbrachte ich in Wladimir. Der Quartiermeister des Etappenkommandos wies mich zu einem Juden. Ich hätte besser gesagt, zu einem Jüdcheu. So klein war er und so jüdisch, mit seinem blassen, schmalen, von schütterem Bart umrahmten Gesicht, seinem schwarzen Käppchen und dem langen Kaftan. Und nun gar das Jiddisch, das er sprach. Als wären die Kosaken hinter ihm, stieß er in atemloser Hast Lauts, hervor, die zu verständlichen Worten zusammenzuklauben, oft genug über Meine Kraft ging. Mer das Jüdischste an ihm war doch sein Schicksal. Als armer Waisenknabe wuchs er auf. In Warschau besuchte er ein jüdiches Privatgymnasium. Mehr als vier Klassen konnte er nicht machen. Dann mußte er hinaus, um sich durchs Leben zu schlagen. Nun ist es sein höchster Stolz, daß er soviel gelernt hat, sein tiefster Schmerz, daß er nicht noch mehr lernen konnte. Um in der russischen Unwelt den Daseinskampf erfolgreich zu bestehen, genügte ja sein geistiges Rüstzeug. Als schreib-, sprach- und gesetzeskundiger Winkeladvokat, der den Bauern im Verkehr mit den Behörden beisteht, hat er es bis zum Besitz eines Hauses gebracht, das vor dem Kriege 8000 RubA wert war. Aber der alttestamentliche Mensch lvird eben auch nicht vom Brot allein satt. Und so bekannte mir mein Gastgeber, als ich ihm erzählte, daß ich, der österreichische Jude, in Wien Lehrer an einer Staatsschule sei, ein Lehrer zu werden, wäre sein höchstes' Glück gewesen. Doch, dem russischen Juden sei das versagt. Nicht einmal lernen dürfe er in öffentlichen Schulen. Was hätte da ans seinem Jungen werden sollen, der 10 Jahre alt und daher zum Eintritt ins Gymnasium reif sei? Nun aber sind die Oesterreicher da. Getanzt hat er vor Freude, als unsere Truvpen kamen. Seither stocken wohl die Geschäfte, auch das seine. Kleinmütige klagen. Er verweist es ihnen. Jetzt ist ja Krieg. Ist der zu Ende, wird es wieder besser werden. Sein Brot wird er jedenfalls verdienen. Und sein Jüngel wird lernen können. „Er müßt' doch evpes lernen." Darum lernt er schon jetzt. Hebräisch, und Russisch liest ec natürlich längst. Seit aber die Oesterreicher im Lande sind, hat der Alte die deutsche Fibel hervorgezogen, die er selbst vor so und so viel Jahren als Schuljunge in Warschau gebraucht hat, und lehrt den Knaben Deutsch lesen. Von dem Erfolg des Unterrichtes mußte ich mich persönlich überzeugen. Mit übertriebener Geläufigkeit las mir der Kleine die Sätze des veralteten Buckes vor. Auch konnte er schon kleine Gedichtchen, die darin standen, aus dem Gedächtnis hersagen. Das verlangte der Vater. Denn er selbst hatte ja einst ganz große Gedichte auswendig gelernt und .zitierte Mir zum Beweis die erste Strophe des Tauchers: „Wer wagt es, Ritters- Mann oder Knapp', zu tochen in diesen Schlund?" So barbarisch sprach er Schillersche Verse. Aber es war doch Schiller, der deutsche Schiller, und mit echt Schillerscher Begeisterung ergriffen. Dieser russische Jude ist ebenso deutsch gesinnt wie jüdisch und eines durch das andere. Denn was ist das mit aller Heiligkeit der Religion geweihte Ideal des Juden? Leien und Lernen l Und die Deutschen? Es hieße in den Chor ihrer Hasser einstimmen, wollte man vergessen, daß dieses übergewaltige Kriegsvolk auch das Volk der Dichter und Denker ist. Wer wollte da die tiefe Wahlverwandtschaft der beiden Völkerscelen verkennen? Und kann man leugnen, daß Rußland mit dem sicheren Blick des Hasses seine Juden an ihrer verwundbarsten Stelle traf, als es ihnen den Zugang zu den Schulen sperrte. Aber ebenso sicher ist es, daß" Rußland nichts besseres hätte tun können, um seine Juden an ihre Verwandtschaft mit den Deutschen aufs allerlebhafteste zu erinnern. Jetzt sind die Deutschen da. Jetzt dürfen die russischen Juden lernen, und sie lernen — Deutsch. In solchen Begriffen möchte ich den Eindruck auseinanderlegen, den ich empfing, als ich beim Scheine der Sabbatlichter mit meinem Hauswirt plauderte. Aber das Wichtigste bleibt mir doch der Eindruck selbst — der jüdisch-russische Winkeladvokat, derben Oesterreichern entgegenjauchzte und selbst wenn er auswandern müßte, nicht mehr Russe bleiben wollte, „weil sein Jüngl eppes lernen muß" . . , .! IT. .... Enger noch als vor dem Kriege sind jetzt mit den russischen Juden die galizischen verbunden. Denn auch diese bekamen nur allzu reiche Gelegenheit, russische mit österreichischer Herrschaft zu vergleichen. Darum sind sie auch so gut österreichisch gesinnt. Wie sie in Lemberg ihr vaterländisches Gefühl betätigten^ und ohne Scheu vor Geldovfer und Gefahr unseren gefangenen Soldaten halfen, frei lzu kommen 'und inmitten lauernder Späher frei zu bleiben, davon hat uns ja mein guter Wolf (der Offiziersdiener, der aus russischer Gefangenschaft entflohen, sechs Wochen in Lemberg versteckt wast aus eigenster Erfahrung viel erzählt. Jetzt bot ihm unsere Reise nach Lemberg willkommenste Gelegenheit. seine Berichte von berufenster Seite bestätigen zu lassen. Am letzten Wend unseres Lemberger Aufenthaltes führte er mich nämlich zu seiner Schutzpatronin. Frau Schwadron. Als wir dort gegen 8 Uhr abends ankamen, öffnete sich ein ganz mitteleuropäisch geartetes Empfangszimmer, strahlend vom Licht einer großen Hängelampe, die vor Eifer rauchte. Während uns die kleine rundliche Hausfrau unterhielt, wurden wir von ihren fast erwachsenen Töchtern mit Tee und Gebäck gastfrei bewirtet. Dieses schöne Amt haben ffe auch dort geübt, wo es unvergleichlich wichtiger, aber 'Zugleich unvergleichlich gefährlich war — bei unseren Gefangenen. Als sich Wolf tagelang versteckt halten mußte, haben sie ihm in seinen Schtuvfwinkel das Essen zugetragen. Und wenn gefangene österreichische Soldaten in endlos langen Zügen an ihrem Hanse vorbeigeführt wurden, drängten sie sich heran, um ihnen Liebesgaben zuzustecken. Manchmal empfingen sie auch eine vollwichtige Gegengabe, die Hiebe kosakilcher Naaaiken. Davon erzählen sie mit Lachen, die echten Töchter eines richtigen Biederweibes. Denn Knutenstreiche haben auch ne nickt geschreckt und noch weniger als ihren Leib hat sie ihr Geld aeschont. wenn es galt, das Elend unserer gefangmen Krieger zu lindern oder sie gar ihren Peinigern dauernd zu entziehen. Ja. das Geld, von dem wurde über)- hauvt viel gesprochen, aber anders, als man es in einem echt iüdischen Kreist erwarten würde. Nicht vom Ge^d. das der Jude verdient, sondwm von dem, das er d^M Russen gibt, damit er ihn noch ein Weilchen leben lasst, solange weniastens. bis er wieder Geld bekommt. Und erbauliche Gstschichtchen waren esmit denen mir klar bewiesen wurdt'. daß mit Geld im heiligen Rußland alles zu erreichen ist und bei allen, den Zaren ausgenommen, denn dem. so hieß es. kann man nickt mehr geben. Der Schwagee der Hausfrau, ein ebenso wackere*- als humorvoller Mann, erzählte mir. daß er auf der Fahrt von Jaroskau nach Lemberg in. einen Sotdateuwagen gesteckt und dort in jeder Art verunglimpft wurde. Als er