Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 51 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. Blochs Wochenschrift Seite 935 Nr. 51 nahm zustinunend zur Kenntnis, baß dem österreichischen Palästinakomitee irr Wien ein Beitrag von 400 Kronen zur Unterstützung der von Palästina nach Wien gekommenen notleidenden ungarischen Juden überwiesen wurde. Die Sitzung stellte dann die Modalitäten der Spendenverteilung fest und nahm im Zusammenhänge damit die Mitteilung des Präsidenten, daß unser Mini st e - r i u m des A e u ß e r n die Tätigkeit der Ko - mitees der beiden Staaten mit warmem Interesse begleitet und sowohl die Vermittlung d e r G e l d s e u d u n g, als auch andere Pal ü st i n a a n g e l e g e n h e i t e u mir Wohlwollen d u r ch führt, dankend zur K e n n t n i s. Hinsichtlich der Verteilungsmodalitäten wurden die folgenden Hauptgesichtspunkte angenommen: a) Von den Spenden des ungarländischen Palästinakomitees können nur ungarische Juden beteilt werden. b) Beteilt werden sollen von den ungarischen Juden in Palästina alle Notleidenden ohne Rücksicht daraus, ob ihre Kinder bloß eine Talmudschule oder irgendeine öffentliche Schule besuchen oder sich, mit irgendeinem Gewerbe befassen. e) Auch diejenigen sollen der Unterstützung teilhaftig werden, und zwar in erster Reitze die frommen Glaubensgenossen, welche schon dermalen vom Kolrl*) eine Unterstützung erhalten. Die Unterstützung seitens des ungarländischen Palästinakomitees dürfe jedoch nicht zur Folge haben, daß die Unterstützung seitens des Kolel herabgkmindert werde, da der Zweck dieser Paläftinaaktion eben der ist, die Lage der betreffenden notleidenden Juden zu verbessern. ' Hinsichtlich der Aktion für die Zukunft wurden noch keine genauen Bestimmungen getroffen, doch wurden jetzt schon auch für die Zukunft folgende zwei- Gesichtspunkte als Richtschnur sestgelegt: 1. Palästina müsse wieder der Zentralpunkt der jüdischen heiligen Lehre, der Wissenschaften und der Gelehrten werden. 2. Die jüdischen Bewohner des Heiligen Landes müssen aufhören, auf Almosen angewiesen und von Almosen lebende Hungerleider zu sein, sie müssen vielmehr einer sicheren bürgerlichen Beschäftigung und ehrlichen sicheren Erwerbszweigen zugeführt, auf daß sie nützliche, geachtete Bürger des Staates werden. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Sitzung die Herausgabe eines Palästinaalmanachs beschlossen hat. Die Ketreurrng und Erziehung der Flncht- Ungswaisen eine der dringendste« nnd wichtigsten Aufgaben der Kriegsfnrsorge. Als ich den gleichbetitelten Aufsatz Dr. L. Körners in dieser Wochenschrift vom 10. Dezember las, ergriff mich zunächst freudige Zustimmung; denn das Ziel ist hoch und der Zweck edel: den armen, verlassenen jüdischen Waisenkindern, um die sich niemand kümmern wird, eine helle und warme Jugend und brauchbares Rüstzeug für die Zukunft zu geben. Dann aber konnte ich mich der Fragen nicht erwehren: Ist dieser Plan der Waisenfürsorge durchführbar? Sind die pädagogischen Maßnahmen auch zweckentsprechend? Die Organisation modern? Um den Zweifel zu beseitigen, begab ich mich zu dem Anreger und Urheber der Idee, dem Rabbiner * Anmerkung der Redaktion: Vom „Kolek Ungarn" werden nur o b e r ungarische Juden un.erstützt; ausgeschlossen sind die Juden aus der Mtumarosch, von Bereg, Siebenbürgen, sowie der ungarischen Kronländer Kroatien und Slavonien. in Nikolsburg. Was mir der Nachmittag, den ich in reger Zwiesprache bei Dr. Lew in zubrachte, für Aufschlüsse ergab, will ich hier mitteilen. Es zu erfahren, darauf haben alle ein Anrecht, die sich gleich mir für die gute Sache interessieren. Es soll gleich herausgesagt fein: die Befürchtung, daß sich das Projekt nicht werde ausführen taffen, habe ich nicht mehr. Es ist überhaupt kein bloßer Entwurf mehr, der ans dem Kopse des Urhebers sich auf das geduldige Papier hinausgewagt hat; das ganze Unternehmen hat das erste Stadium überschritten und befindet sich auf bem Wege zu. feiner Verwirklichung. Nicht nur das allgemeine Ziel ist klar, aus verlassenen Kindern, die sonst der Verwahrlosung anheimfielen, brauchbare Bürger und gute Juden zu bilden; sondern auch darüber hat sich Dr. Lewin Rechenschaft gegeben, was für die Knaben, die ja mit 17 Jahren ihrer Heimat wiedergegeben werden sollen, und für die Mädchen in erster Linie in Betracht kommt: Handwerk und Hauswirtschaft. Wie richtig gerade diese Zielsetzung vom volkswirtschaftlichen und sozialen Standpunkt aus ist, wird sich für die Knaben erst nach dem Friedensschlüsse Herausstellen, wann infolge der großen Menschenverluste durch den Krieg produktive Arbeitskräfte doppelt wertvoll und in dem zerstörten Galizien gut ausgebildete Handwerker doppelt nötig sein werden; für die Mädchen sind die Aussichten bei dem Mangel an jüdischen Hausgehilfinnen schon jetzt gute. Und weiter hat der Anreger die richtige Anschauung, daß ein guter jüdischer Geist der Jugend nur eingeirnpft werden kann, wenn die Erziehung auf der Grundlage der Familie aufgebaut ist. So kann sich Liebe und Anhänglichkeit, deren sonst dis Waisen schwer entbehren müßten, einstellen, ohne daß Zucht und Ordnung darunter litten. Gruppen von hundert Knaben oder Mädchen gehören zu einem „Vater"' und einer „Mutter"", welche die oberste Instanz so für sie, wie für die jeder Gruppe beigegebenen Aufsichts¬ und Dienstpersonen im inneren Konviktsleben sind. Der profane Unterricht wird nach den in Oesterreich für die Volksschulen geltenden Lehrplänen erteilt werden. Für die Knaben bis zum zwölften Lebensjahre in vollständiger Anpassung an den öffentlichen Volksschulunterricht; von 12 bis 14 Jahren werden aber die Grundsätze der Arbeitsschule, etwa in der Richtung Kerschensteiners, mit zur Geltung kommen. Hierauf folgt die Lehrzeit in der Werkstätte; erst als nusgelernte Gehilfen sollen di-e iJungen ins Leben, treten. Nach dem Unterricht ist reichlich Zeit für Turngänge und Bewegungsspiele Vorbehalten. Das Tagewerk soll im Sommer um 5, im Winter um 6 Uhr beginnen und jede Stunde des Tages ist schon verteilt nnd eingeteilt. In dem gemeinsamen Schlafsaal versieht je eine Partie Buben oder Mädchen den Dienst vom Aufbetten an bis zur Bedienung bei der Mahlzeit. Das Prinzip der Schul gemeinde soll wenigstens bei den größeren Kindern in Anwendung gebracht werden. Vor dem Frühstück werben die Knaben täglich zum Morgengottesdienst in den Betsaal geführt, die Mädchen, welche Wochentags im Wohnzimmer ihre Andacht vernichten, nur an Sabbat und Feiertagen. Für religiöse Erbauung ist vor allem an diesen Tagen gesorgt: aber auch kein Werktag geht leer ans; wie überhaupt religiöser Geist die gesamte Erziehung beherrschen soll. Aus diesen kargen und wenigen Bemerkungen schon mag man erkennen, daß uns die Großzügigkeit der Idee nicht zu schrecken braucht, wenn man sieht, wieviel Kleinarbeit schon in dem Entwurf steckt. Ten Eindrücken nach, die ich empfangen habe, wird das Gedeihen der Anstalt von der Organisation und vielleicht in noch höherem Maße von der Persönlichkeit des Lei-