Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 50 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr 50 Dr. Bloch's Wochenschrift fcerte 931 Verlorene Jugend Ich glaub', ich war woM nie ein Kind, Ein Kind, wie andre Kinder sind, Djas 'keine Sorgen kannte. Ich freut' mich nie am Sonnenschein. Ich freut' mich nie am blumigen Rain, Ich spielte nie im Sande. Denn wenn ich auf den Spielplatz ging, Geschrei und Lärm mich empfing:' „Geh' weg, du schmutz'ger Jude!" Ich ging und weinte ob der Schmach, Da warfen sie mir Steine nach: „Schäm' dichdu feiger Jude!" D,a faßte mich ein wilder Zorn — Ich schnitt 'nen Stecken mir vom Dorn Und wollt's den Kerlen zeigen. Da rief die Mutter: „Gott bewahr'! Du bringst uns alle in Gefahr! Mein Kind, der Jud' muß schweigen! . . ." erzählte mir die Mutter des Dichters folgendes: „Als die Schönerianische Propaganda in Eger einsetzte, war Hugo ein zarter Knabe und gar oft kamen Gassenbuben, die mit ihm Händel anfangen wollten. Er war zu stolz, sich klug in Sicherheit zu bringen, sondern kämpfte, wie er es später mit dem blutigen Ernste auf den russischen Schlachtfeldern tat. Eines Tages trug er in einem solchen „Straßenkampf" schwere Wunden davon. Eben wollte er zu einem Stocke greifen, der daneben lag, da kam seine Großmutter dazwischen und rief ihm zu: „Mein Kind, der Jud' muß schweigen!" Die Schläge schmerzten ihn sehr, allein die geschlagenen Wunden vernarbten bald, die erlittene Schmach jedoch — daß der Jude geschlagen wird, ohne sich zur Wehr setzen zu dürfen — konnte der arme Junge nie überwinden, und darum klang an seinen: Ohr der Ruf Herzls gleichsam einer messmnischen Verheißung, an die er sich mit Lew und Seele klammerte, darum zog er begeistert in den Kampf gegen die ruchlosen Mörder von Kischenew, weil ihm das Leben nur als Held und Makkabäer lebenswert erschien. Und er, der „Erez Jisrael" als Ziel seiner Hoffnung in sein Herz geschlossen hatte, liebte nicht minder sein Heimatland und sang und starb zürn Ruhme Oesterreichs. Armin W i l k o witsch. König Salomo, Drama in drei Aufzügen von Ernst H a r d t. Als wir im Borjahre den Dichter an dieser Steile gegen einen Angriff .^et ,,Reichspost" wegen seines am Burgtheater aufgeführten Dramas ..Schirm und Gertraude" in Schutz nahmen, ahnten wir nicht, daß Hardt das Einsetzen einer jüdischen Lanze gerade damals besonders verdiente, weil er zum heute mehr als fchon lange gebrauchten und selbst mißbrauchten Urquell aller Poesie nach der Heroenzeit der Tafelrunde (..Tantris der Narr"), der nordischen („Gudrun") und mittelalterlichen Sage hinaufgestiegen war. Sagen wir gleich zur biblischen Heroenzeit, denn dem nordisch-germanischen Dichter ist. wie in früheren Dramen, die Sucht nach gewagten seruellen Problemen (aussätzige Menschen im ..Tantris"), Krassem und Wild-Ursprünglichem, das er dann mit moderner Aesthetelei und Hyperästhesie verkleidet, an David und Salomo interessanter, als uns Juden ihre geistige Ueberlegenheit über ihre Umgebung, der „Tam" der beiden Nationalhelden, von denen noch immer ein jugendlich-lieblicher Reiz ausgeht (..Sie dachten tief und bewegten sich anmutig." sagt der Jude Disraeli von beiden). Die erschütternde Greisenerkrankung des noch immer gewaltigen Kriegs-, Staats- und Liebeshelden David ist dem Dichter übrigens besser gelungen als die Schilderung dss Sohnes, des großen Dichterphilosophen auf dem Throne, der gu weichlich und zu wenig staatsmännisch gezeichnet ist. daß man ihm die landesübliche Hinrichtung des Bruders im zweiten Akt (noch vor nicht gar zu langer Zeit im Orient 'der gewöhnliche Beginn einer Thronbesteigung) glauben konnte. Was früher kaum möglich war. das Problem der ..königlichen Wärmflasche", wie die Berliner Presse die schöne Abisag nach der erfolgreichen Ausführung des Dramas fast einstimmig betitelte, auf die Bühne zu bringen, find die Dichter wohl bis jetzt dem ersten Kapitel des Königsbuches aus dem Wege gegangen, das sich wie eine dramatische Fabel liest. Ist hier auch nur der ältere Davidssohn Adonia in die Jungfer - Witwe seines Vaters verliebt, liegt es doch zwischen den Zeilen zu lesen, datz auch Salomo es gewesen, ,'datz beide Söhne es schon zu Lebzeiten des Vaters waren, was -dann der biblischen Adoniarevolution erst die rechte psychologische Erklärung gibt. Der Dichter berauscht sich hier, wie früher «oft, einseitig am Wort — in einem Drama, wo zwei der größten Dichter der Weltliteratur auftreten, sei es verziehen —, jo daß er die gewagte Hauptszene des Dramas, in der die schöne!Sunümit sauf der Bühne im Angesicht des in sie verliebten Sohnes ihre medizinischen Kunststückchcn macht, wohl durch die dezente Schönheit seiner Verse verklärt, ihr aber keineswegs alle ihr innewohnende Tragik abgewinnen kann. Sehr glücklich hat er dagegen im ersten Akt, der getreu der Bibel, am Brunnen Rogel spielt, einen herrlichen Bußpsalm Davids diskret aus der Situation herauswachsen «lassen (übrigens mit Anlehnung an Oedipus). ebenso glücklich das salomonische Urteil in den Augenblick der Thronbesteigung (3. Akt) verlegt und aus der Gemütsverfassung des Königs nach Abisaigs Selbstmord hervorgehen lassen. Plastik oder Folgerichtigkeit der Charaktere ist nicht des Dichters Sache, so sind Joab und Adonia, deren Schilderung in der Bibel förmlich nach einem Dramatiker schreien, recht matt geraten, der ganz modernen, emanzipierten Abisag des ersten und ihrem Selbstniord im dritten Akt entspricht die biblische Demut der Magd im zweiten Akt. die ihre Aufgabe als etwas Selbstverständliches betrachtet, keineswegs. Höchst gelungen und wahrscheinlich ist dagegen der Charakler des Jonalhanfohnes Mephiboselh. des einzigen, der von der Bibel abweicht, und als eine Art hinkenden Teufels dargestellt ist. während er in der Bibel offenbar als geistig zurückgeblieben geschildert wird. (?! Red.) Das Erscheinen des Dramas, dem bald eine Wiener Aufführung folgen soll, hat mich übrigens neuerlich überzeugt, wie wenig die Bibel in den sogenannten gebildeten Wiener jüdischen und katholischen Kreisen gelesen wird. Männlein und Weiblein unter meinen Bekannten hielten die Fabel für eine tolle Erfindung des Dichters, obwohl sie wortwörtlich in der Bibel steht. (Das alte Folkloremittel liegt übrigens keineswegs moderner Medizin so ferne, wie der Laie glaubt.) Freilich in unseren Gymnasialbibeln war das Kapitel gestrichen, und wer in unseren Kreisen nimmt noch später die Bibel in die Hand'? Als meine Freunde nun zur Bibel griffen namentlich die Freundinnen wollte ihnen zu meinem Ergötzen der Ton in Davids Hause gar nicht gefallen. Sie hatten sich unter Bibelhelden Musterjünglinge vorgestellt, vergessen. daß wir eine große Heroenzeit hinter uns haben. Sängerhelden. wie in der Ilias und Edda. Wir treten doch jetzt dem Orient näher, und Sitten, wie sie hier geschildert, haben vielleicht noch vor wenigen Jahrzehnten an den Höfen der ägyptischen Khedives, der indischen Fürsten geherrscht, wie wir durch die Bibel den Einblick in das Leben der gleichzeitigen Pharaonen- und Babylonierhöfe erhalten, die .doch neben vielem, was uns unglaublich roh vorkommt, zugleich mit dem Judentum die größten Kulturträger der Menschheit waren. Freuen wir uns also der riesenhaften Urwüchsigkeit unserer Nationalhelden und seien wir stolz, datz sie die einizigen Könige waren, die. wie Hardt sagt, in ihrem oft durch wilde Leidenschaften entzündeten Gram Licht in einem Dichten und Denken fanden, das noch heute Millionen von Menschen in allen Lebensstunden erhebt und aufrichtet. In Petersburg ist eine neue „Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Kunst" gegründet worden, an deren Spitze der bekannte Bildhauer Prof. Jlja Günzburg, Mitglied der Kunstakademie,' der Maler B r o d s k y und der Architekt G e w i r z stehen. Das Ziel der Gesellschaft ist die Pflege und Entwicklung der plastischen Künste (Malerei, Bildhauerei, Architektur usw.) unter den Juden, die Vereinigung der jüdischen Künstler und die Vermittlung zwischen ihnen und der breiten jüdischen Oeffentlichkeit.