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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-12-03 · 48 (3.12.1915) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
48 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 891 In jenen Tagen meiner Kindheit, vielleicht auch heute noch,^ kannten die jüdischen Kinder, die das /ganze Jahr in einem kleinen, engen Cheder vom frühen Morgen bis in die späten Abendstunden vor ihrem Rabbi sitzen mußten, keine schöneren Tage, als die von Chanukka, an denen sie frei von jedem Unterricht waren und außerdem von Eltern und Verwandten beschenkt wurden und ihre freie Zeit mit dem „Trenderlspiel" verbringen konnten. Ich erinnere mich, ich war damals ein kleiner Knabe, da gab es einmal am 8. Chanukkatage ein kleines Fest im Elternhause. Die acht Lichter brannten am Fensterbrett und ihr schwaches Licht erschien mir wie der Glanz der Sterne. Mein Vater saß mit seinen Gästen beim Tisch und alle unterhielten sich lebhaft über Thorafragen. Aus dem Stimmengewirr hörte ich die öfters wiederholte Frage: „Was ist Chanukka?" Der ernste Gesichtsausdruck verriet die Anstrengungen, die ihnen die Lösung dieser Frage: „Was ist Chanukka?" verursachte. Einer von der Gesellschaft, dem alle gespannt lauschten, hielt einen langen, gelehrten Vortrag. Ich verstand davon nur folgende Worte: Die Götzendiener hatten alle Oele im Tempel verunreinigt und nachdem das Hasmonäergeschlecht die Syrer besiegt hatte, fand man nur ein Oelkrüglein mit dem Siegel des Hohepriesters Veilchen, dessen Inhalt nur für einen Tag reichte. Dü geschah das Wunder, daß das Oel acht Tage lang brannte. Infolge meiner großen Liebe zum Chanukkaseste und meiner freudigen Stimmung an diesem Abend vergaß ich die Ehrfurcht vor meinen Vater und ich mischte mich in das Gespräch der Alten und sagte ganz naiv: Dies halte ich für kein so großes Wunder. Ein Wunder wäre es gewesen, wenn das Oel für ein ganzes Jahr gereicht hätte. Wir würden danndas ganze Jahr Chm nukka haben, frei vom Lernen fein .... Da machte eine Ohrfeige meines Vaters meinen weiteren Ausführungen ein Ende Du, Faulpelz, schrie mich mein Vater an und streckte seine Hand noch einmal aus — da geschah mir ein Wunder, denn infolge des ersten Schlages war meine Kappe zu Boden gefallen und während ich mich bückte, um sie zu suchen, legte sich der Zorn meines Vaters. Aber, fuhr Samuel in seiner Erzählung fort, die Ohrfeige allein wäre es nicht wert gewesen, sie mir ins Gedächtnis zu prägen, wenn sie nicht eine vollständige Aenderung meiner Ansichten hervorgerufen hätte. Sie veranlaßte mich/ bereits in meiner Jugend ernstlich über die Frage nachzudenken: „Was ist Chanukka?" Bisher hatte ich nur gewußt, daß man an Chanukka ,,Al Hanissim" sagt und in diesem Gebete heißt es: In den Tagen des Mathatias und seiner Söhne erhob sich das böse syrische Reich gegen Israel und wollte die Lehre ihres Gottes aus dem Gedächtnisse der Juden tilgen. Gott aber zeigte ein Wunder und überlieferte die Starken in die Hand der Schwachen, die Frevler in die Handj der Gerechten. Dann reinigten die Juden das entweihte Heiligtum, zündeten Lichter an und setzten die acht Tage Chanukka ein. Ich mußte mir dabei folgendes sagen: Mit den St arten sind wohl die bösen Syrer gemeint, während dieS chw a ch e n Mathatias und seine Söhne sind. Die Syrer waren mit Roß und Wagen in den Krieg gezogen, die Juden beschränkten sich auf Gebet und Gesang. Daß es einen Juden Maktabi ünd seine heldenhaften Brüder gegeben, wußte ich nicht. Davon hatte ich nichts gehört und auch mein Rabbi hatte mir nichts von ihnen erzählt. Da nun vernahm ich in jener Nacht die Frage: „Was ist Chanukka?" Sie bewies mir, daß die Fragesteller sich mit der Erzählung im „Al Hanissim" nicht begnügten; aber auch das Wunder des Oelkrügleins wollte mir nicht einleuchten. Wenn das Oel für einen Tag gereicht, so war das Wunder nur an sichen Tagen und warum feiern wir dann acht Tage Chanukka? Ich suchte vergeblich eine Antivort, bis ich mich entschließen mußte, mir auswärts Rat zu holen, und zwar — aus der Ges:ch i ch t e u n se res Volkes. Da öffneten sich meine "Augen und zum erstenmale sah ich g r o ß e Taten, große Männer, heldenhafte Gestalren, Zierden unseres Volkes. Da erst, meine Freunde, erfuhr ich. was Chanukka i sk'. Literatur. Vom ..Reiterlied" und feinem Dichter. Unter den Tausenden von deutschen Liedern, die der Krieg gebar, hatte eines ein besonderes Schicksal: Das „Reiterlied" von Hugo Zuckermann. „Fall' ich am Donaustrand? Sterb' ich in Polen?" Zn Polen schwer verwundet, starb er in Eger. Sein Lied aber lebt, wurde im Verlaufe Weniger Monate von elf Kompositoren vertont und von Millionen im Felde und daheim gesungen. „Was liegt daran?" ist sein Refrain — und was liegt darin, fragt man sich, daß es, von tausend Liedern ausermählt. so tief wirten konnte und in die Breite zugleich? Und war es das Lied eines Neulings, sein erstes und tragisch letztes, oder war es ein Fortklingen, ein Weiterspinnen? Und ist auf die letzte Frage eine Antwort geworden: Zuckermanns dichterischer Nachlaß,*) von wägender Freundeshand sorgfältig gesichtet und vom Verlage schlicht geschmackvoll ausgestattet, ist soeben erschienen. Liest man aber diese Auswahl, so erhebt sich eine andere Frage: Warum war dieser Mensch so ganz unbekannt, von dem so manches Gedicht dem „Reiterlied" nicht nachsteht? Und ein Gefühl, das beim Lesen jenes Soldatenliedes schon deutlich war, wird durch die anderen Gedichte noch klarer: Dem Dichter „Was ist dabei?" war leichtsinnige Tändelei herzlich fern. Ein Tiefer, Schwerfälliger war er, wenn auch ein sehnsüchtig-heiter Verträumter, und „eingesponnen in ein sonniges Ideal - hingegeben der Arbeit für die Gesundung des jüdischen Volkes" - wie es im Geleitworte heißt — ging er mit ernsten Schritten durchs Leben und mit der bewegten Ruhe des Pflichtbewußtseins in den Soldatentod. Nichts ist für sein ethisches Ich so bezeichnend als die Worte, die er nach seiner schweren Verwundung schrieb: „Heute darf ich den Genossen Makkabäerlieder sagen, weil ich selbst ein Schwert getragen und mein rotes Blut vergossen." Zn fünf Gruppen hat der Herausgeber die Gedichte geordnet: „Mein Volk". „Bibelgesänge", „Liebeslieder", „Bilder", „Kriegslieder", und es ist schwer zu sagen, in welcher Gruppe die wertvollsten stehen. Mancher wird die erste Strophe von „Meine Lieder" sicherlich dreien Reiterliedern vorziehen und sich an der klingenden, stillen Musik ihrer Worte herzlich erfreuen. Auf einen anderen werden besonders die Liebeslieder wirken, welche der Dichter seiner heißgeliebten Zda gewidmet, die sich auf seinem Grabe erschossen hat: „Dir. die mir Flügel gab". So z. B. das bildstarke „Eine Nacht" mit dem Schlüsse: „Und durch das Dunkel Schwebt wie ein rotgesegeltes Boot — Fährmann das Leben, der Steuermann Tod! — Dein Stöhnen." Oder die wirkungsvollen Natur- und Stimmungsbilder; darunter das schelmisch-rokokohafle „Salzburger Diarium" und das tief wienerische „Aschermittwoch". Doch läßt sich vielleicht in all dieser Mannigfaltigkeit eine Grundstimmung erkennen, die Grundstimmung des Menschen Hugo Zuckermanns und seines Werkes: „Ein Königstraum! .... Wie Blütenkeimen einer Frühlingsnacht, Ein halbvergessenes, windverwehtes Lied, Das silbern klang auf unserer Sehnsucht Harfen." A. Sch/ Die deutschen Juden und der Krieg. Von Geh. Rat Professor Dr. L. Geiger (Kriegspolitische Einzelschriften, Heft 3). Preis Mk. 1.20. Berlin W. 57. bei C. A. S ch w e 1 s ch ke L S o h n. Dr. Ch. Lauer. Zur Renaissance der hebräischen Sprache. Separatabdruck aus dem „Jsr. Wochenblatt". Zürich 1915. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Begründet von Z. Frankel. Organ der Gesellschaft zur Förtze- *) Hugo Zuckermann, Gedichte. Verlag R. L ö w i t, Wien 1915. Preis Kr. 2.40, geb. Kr. 3.60.

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