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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-12-03 · 48 (3.12.1915) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
48 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 878 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 48 wir die Frage verneinen. Und es bricht das Herz und es blutet ans tausend Wunden, dies tun zu müssen. Alle anderen Völkerschaften — und Religionsgenossenschaften — haben irgend etwas, das an ihrer Spitze steht, das berufen und legitimiert ist, ihre Interessen wahrzunehmen. Es haben die Deutschen, die Tschechen, die Polen, die Ruthenen und alle anderen — ohne Neid und Mißgunst sei dies konstatiert — ihren Nationalrat, ihren Volksrat oder — auf den Namen kommt es ja schließlich nicht an — sonst etwas Aehnliches. Wie haben erst die Kriegsereignisse diese obersten Körperschaften gestärkt, ihren Zusammenhang verengt und ihre Struktur verdichtet! Haben wir irgendwelche Institution, die jenen im entferntesten gleichkäme? Dem Himmel sei es geklagt: Nein. Wie wehmütig muß dies jedes warmfühlende jüdische Herz stimmen. Es hat wohl Versuche gegeben, hierzulande eine solche Institution zu schaffen, welche die Vertretung der Gesamtjudenheit verkörpern sollte. Leider sind die oft wiederholten Versuche aus — auch künstlich gemachte — Hindernisse gestoßen. Es ist hier nicht die Gelegenheit, auseinanderzusetzen, durch welche Ursachen und aus welchen Gründen dies geschehen. Gegenseitige Vorwürfe werden uns jetzt am wenigsten helfen. Vielleicht verdient sie auch keiner von uns. Es lag vielleicht in der Natur der Sache. Wir müssen leider mit der Tatsache rechnendaß solche Versuche gescheitert sind, und daß wir eine Vertretung nicht haben, die uns jetzt Großes zu leisten imstande wäre und deren Fehlen wir so schmerzlich empfinden. Wir müssen aber trachten, das Fehlende zu ersetzen. Wenn es sich auch in den ursprünglich gedachten Formen jetzt nicht schaffen läßt, so ist doch> jedenfalls besser etwas als nichts. Wir müssen wenig? stens ein Surrogat solcher legitimen Vertretung durch Zusammenschluß aller Elemente im Judentum schassen, um gemeinsam in dieser großen Not demselben menschenmöglichst beizustehen. Geben wir — im Sinne unseres Gleichnisses — der jüdischen Gemeinschaft einen pater familin s! Schaffen wir eine Vertretung ad hoc aus unserem Fleische und aus unserem Blute. Eine gewisse Legitimität wird ihr nicht fehlen. Sie wird sich legitimieren, wenn nicht de iure, doch wohl de facto. Man wird sie, wenn wir nur wollen, als die faktische Vertretung der Gesamtjudenheit erkennen und anerkennen müssen. Und man sollj sie erkennen. Der jüngste Jude im entlegensten Winkel«, soll von ihrer Existenz Kenntnis haben. Und die ganze Außenwelt soll -es wissen. Ein — oft in gutgemeintem allgemeinen Interesse — umgehängter Schleier muß gelüftet werden. Dazu drängt die Not. Offen und mannhaft soll sie hintreten und sagen: Hier b'in ich, hinter mir steht die jüdische Gesamtheit. Und sie wird es sagen können, wenn verschiedene Kreise ihre Männer dorthin entsenden. Einerseits solche, die mit den breitesten Sch ich-, ten des Volkes ständige Fühlung und Berührung haben und andererseits solche, deren Namen und Stellung Klang und Gewicht haben. Sie muß einem Baume gleichen, dessen Wurzeln tief in dem Boden sich verbreiten und dessen Krone prachtvoll in der Höhe sich ausdehnt. Die Tätigkeit einer solchen Vertretung muß — wieder unserem Gleichnisse folgend — etwas mehr väterlich — sagen wir patriarchalisch — und weniger bureaukratisch eingerichtet sein. Wir dürfen durchaus nicht darauf warten, bis man uns hie und da irgend eine Tatsache zur Kenntnis bringt, die unser Einschreiten erforderlich macht. Wir dürfen unsauch nicht damit begnügen, einzelnen Personen, die zufällig vorsprechen,; den Rat zu erteilen, Tatsachenmaterial zu bringen. Der Einzelne ist meistens nicht in der Lage, es zu tun, und wenn er auch nach vielen Mühen manches zusammenbringen sollte, so würde schließlich nur den Einzelfällen gedient sein; dies wäre zu kleinlich und allgemein genommen eine nutzlose Vergeudung unserer Kräfte. Vielmehr sollen wir unsererseits der Sache nachgehen, von uns aus trachten, uns selber zu orientieren und über die Lage Klarheit zu verschaffen, wozu eine Vertretung, wie oben gedacht, wohl leicht genug Mittel und Wege finden wird, und uns bestreben, in großen Zügen Mhilfe zu schaffen. Der Jude aus dem Volke — um diesen handelt es sich ja zumeist — soll auch ein gewisses Zutrauen — nicht zu verwechseln mit Vertrauen — zu der Sache gewinnen. Er soll wie vor seinen Vater ohne Scheu hintreten können und nicht fürchten, wie ein Bettler von oben herab behandelt zu werden; soll sich frei aussprechen und sein Herz ausschütten können. Wir gewinnen dann erst klaren und deutlichen Einblick in die Sache, die für jede erfolgreiche Tätigkeit unbedingt nötig ist. Zu diesem Zwecke allein müssen schon volkstümliche Elemente dabei sein. Ebenso kann die Sache nur dann irgendwelchen Erfolg ausweisen, wenn ein Kreis dabei mitwirkt, zu welchem hochgestellte Männer von bedeutendem Ansehen und Einfluß nach innen und außen, besonders nach oben, gezählt werden. Nun soll ja nicht verschwiegen werden, daß jetzt hie und da einzelne jüdische Körperschaften in Wien zu Verbänden sich zusammentun, um gemeinsam für das Gemeinwohl zu arbeiten. Es soll auch freudig und rühmend hervorgehoben werden, daß einerseits bereits vieles geleistet und andererseits großes wenigstens angestrebt wurde. Den Zusammenschluß zu einer Einheit kann man jedoch leider noch immer nicht bemerken. Und dies ist nach meiner unmaßgeblichen Ansicht eine conditio sine qua non des Erfolges. Man kann an her bisherigen Gruppierung vornehmlich zwei Gruppen unterscheiden: NeNnen wir die ‘ eine „östlichdemokratisch", die zweite ..westlich-aristokratisch". Auf die Verschmelzung oder zumindestens Annäherung dieser beiden Gruppen soll das Hauptgewicht gelegt werden. Es sei mir gestattet, aus meiner jüngsten Erfahrung, ein Exempel anzuführen. In Lemberg bestehen ebenfalls, wie übrigens überall, ähnliche jüdische Gruppen. Durch die Auseinanderhaltung und gegenseitige Entfremdung derselben wurde für einige Zeit eine Tätigkeit schier lahmgelegt, welche durch fast ein volles Jahr sehr Bedeutendes für das Wohl der jüdischen Bevölkerung geleistet' hat. Nun hat die allgemeine Not — dankbar und lobend ffei auch dies hervorgehoben — sie wieder vereinigt —, für den in die Verhältnisse Eingeweihten genügt ein Blick auf die ehrenwerten Namen, welche den jüngst veröffentlichten Aufruf des dortigen Hilfskomitees gezeichnet, um dies zu konstatieren — und der Erfolg' ist mit Gottes Hilfe nicht ausgeblieben. Ich erlaube mir die kleine persönliche Bemerkung, daß meine Wenigkeit auch dort die Anregung dazu gegeben und daß ich, nicht ohne Grund, das Resultat Mit meiner Anregung in gewissem Zusammenhang bringen darf. Was nun in Lemberg möglich war, kann und muß auch in Wien mmatis mutandis möglich fein. Der Zusammenschluß aller kann und soll auch hier erstrebt und mit Gottes Hilfe erreicht werden. Hiebei genügt es durchaus nicht, daß die eine Gruppe aus der anderen einzelne Personen zur Mitarbeit herausgreift. Mein Gedanke ganz erfaßt, verlangt eine einverständliche Verschmelzung, Vereinigung oder Annäherung der Gruppen als solcher. Von dem bereits Geleisteten und Zustandegebrachten bis hieher ist scheinbar kaum ein Schritt. Und doch« — man kann und darf es nicht verkennen —, welche Hindernisse und Schwierigkeiten sich einem solchen Schritte, sagen wir lieber Sprunge, entgegenstellen. Er erfordert große Opfer psychischer Natur, die zuweilen bedeutender

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