Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 45 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 842 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 45 Feuilleton. Gin Feldpostbrief. Im Felde, 16. Oktober 1915. Teuerste Eltern und lieber Otto! Hoffe Euch im Besitze meiner gestrigen zwei Karten und diene Euch mit kurzer Beschreibung meines Patrouillenganges: ' Von der Division aus kam der Befehl zur Aufklärung der Truppen, die uns gegenüberstehen, unbedingt einen Gefangenen unter allen Umständen einzubringen, dies sollte unsere Kompagnie besorgen. Bei Besprechung der Herren verfiel mein Zugkommandant, Herr Leutnant Pohl, auf mich, da sich niemand dieser schwierigen Aufgabe unterziehen wollte, und ich sagte gleich zu. Zu diesem Zwecke fuhr ich am 9. d. M. früh per Boot mit zwei Mann über den Sumpf, fand keinen Weg, war bereits am anderen Ufer, wurde entdeckt und mutzte zurück. Am 10. d. M. fuhr ich nochmals, aber mehr rechts. Nur um einen Fahrweg zu finden. Nach langem Suchen fand ich einen, da mein Begleiter nicht weiter wollte, kehrte ich zurück. Am 11. d. M. fuhr ein Gefreiter in meinem Zuge, der das erstemal schon mit mir war (ich ging nicht mit, da ich etwas verkühlt war, und es regnete), der kam bis ans feindliche Ufer and kundschaftete die Stellung der Russen aus, mußte, aber zurück, da er nur drei Mann mit hatte und von eigenen Leuten beschossen wurde. Für den 13. sollte nun -er Schlag ausgeführt werden. Ich wurde als Kadett bestimmt, mir zur Seite stand der Gefreite, ein sehr verläßlicher, unerschrockener Kerl (wurde tags zuvor erst Gefreiter) und noch 18 Mann, es sollten nur Freiwillige sein, von jedem Zuge drei, aus meinem gingen neun. Am 13. bei Morgengrauen um 3 Uhr sollte ich fahren, hatte vier Boote, aber was für welche. Seit Mitternacht hatte ich Dienst, konnte vorher kaum schlafen, war um 3 Uhr im Schützengraben, es war noch; finster. Die Nacht war sehr kalt, es fiel starker Reiff Von 3—4 Uhr lief ich im Graben herum, beobachtete und wartete auf Dämmerung. Gerade da schossen die Russen von drüben ziemlich heftig, aber nach rechts. Endlich kam die Sonne langsam herauf. Um 4 Uhr weckte ich die Leute. Bis' alles fertig war — Einteilung, Einschiffung usw. — war es V45 Uhr. Da stießen wir vom User ab. Nach schwieriger Fahrt durch schmale Straße durch Schilf — die meisten Leute konnten nicht rudern und hatten auch keine Ruder, sondern Schaufeln! aus Holz, wie sie zum Broteinschießen vom Bäcker gebraucht werden — kamen wir ungefähr 5.45 drüben an, obzwar wir schon unterwegs vom Feinde von de!h Seite beschossen wurden. Die Sonne leuchtete am Horizonte und wir krochen dann auf dem Bauche — kalt und naß von Reif, der sehr in den Händen wehe tat — ungefähr 150 Meter des Ufers entlang, nach links, um' der Feldwache — eine solche sollten wir überrumpeln — in die Flanke zu kommen', Wir konnten dies gedeckt ausführen; nun hieß es, an den Gräben herankriechen, dies waren 200 bis 300 Meter. Durch Krautäcker, am' Bauche liegend, schoben wir uns! langsam vor, um von russischen Posten nicht bemerkt zu werden. Da kam uns endlich eine kleine Planke zu Hilfe, hinter der wir uns sammelten; nun wußte ich nicht genau, wo der Graben war, da er geschickt maskiert war (er ist aus den Trümmern eines zerschossenen Meierhofes, den unsere Artillerie schon jn Brand gesetzt hatte, wie wir vorigem Monat die Stellung ausbauten). Wir waren nun schon auf 80 Meter nahe, und ich bemerkte den russischen Posten. Jetzt beratschlagte ich mit dem Gefreiten, ob wir stürmen sollten, es wären aber zwei Planken zu übersetzen gewesen und ich fürchtete für das Gelingen, deshalb beschloß ich, mich noch, näher heranzuschleichen; wir krochen einzeln durch ein Loch, dann durch eine Rinne in einen Krautacker, der wieder bis' zu einer Planke führte. Aber Ihr sollt Euch keine undurchsichtige Planke vorstellen, sondern eine solche: Dort angekommen, legten wir uns in zwei Linien hintereinander. Ich sollte die 1. Linie zuM Sturm führen, die zweite mit dem Gefreiten sollte mir den Rücken gegen etwa hcrankommende Reserven decken. Die Leute waren zum Teil ängstlich, ich war nicht ganz sicher, ob ich mich werde auf sie verlassen können. So lagen wir eine Weile auf 20 Schritte, zum Teile schon im Rücken des Grabens. Sahen immer einen Russen drinnen aufstehen und nach vorne beobachten, dann setzte sich selber wieder, mit dem Gesichte zu uns, so daß ich schon glaubte, er hätte uns entdeckt und es wäre von ihm nur Finte. Jetzt war mir der Moment gekommen. Ich sprang auf und mit einem lauten Hurra stürmten wir auf die ganz überraschten Russen ein. Auch die zweite Linie ging.gleich mit. Einige Schüsse fielen vor uns, ohne daß aber jemand von uns verletzt wurde. Ich, allein voran, schwang eine Handgranate. Als die Russen uns sahen, sprangen sie aus den Löchern, schwangen die Kappen und streckten die Hände in die Höhe. Besondere Angst hatten sie vor der Granate und sie machten ängstliche Gebärden, daß ich sie nicht werfen sollte. Ich rief ihnen zu: „Gewehre weg!", sie warfen selbe fort und liefen wie die Hasen durcheinander. Wir fingen sie zu-! sanrmen, nahmen schnell noch einige Gewehre — sechs — mit und trieben sie zum' Ufer zu den Booten, wo ich zwei Mann als Wache und Bedeckung gelassen hatte. Da hättet Ihr sie laufen sehen sollen, wir konnten ihnen gar nicht so rasch folgen. Mitnehmen konnten wir nichts aus den schön eingerichteten Löchern, da ich mich sehr beeilte und vor Entsatz fürchtete. Ich nahm auf diese Weise zehn Mann gefangen, hatte Glück gehabt, da die Feldwache aus Zwanzig Mann bestand, die Hälfte aber um Menage nach rückwärts gegangen war. Ich hätte aber nicht einen Mann mehr in den Booten aufnehmen können, da schon fast alle im! Wasser saßen. Nun ruderten die Russen fest und ich kaM um 3/48 Uhr glücklich wieder auf unserem Ufer an. Der Sturm war pünktlich um 6.30 siüh. Ich mußte an unserem Ufer entlang der Jägerstellung fahren — liegen rechts von uns —, die uns mit lautem Hurra und Freude empfingen. Um 8 Uhr erstattete ich dem Kompagniekadett Bericht, der große Freude hatte, da ich gleich zehn Mann brachte (die meisten waren aus Odessa). Was sagt Ihr dazu? Nur etwas Mut und viel Glück, dann geht alles. War alles schön vorbereitet,, unsere Front war verständigt, nicht zu schießen, nur im Falle als ich von starkem Gegner angegriffen würde und mich hätte zurückziehen müssen, sollten sie meinen Rückzug decken. Auch Artillerie war verständigt, ich hatte zwei Leuchtraketen mit, wenn ich mich in Not gesehen! hätte, sollten sie ein.Zeichen sein, daß Artillerie mit schweren Granaten mich unterstützt hätte. Ich hatte von unserem Ufer eine Menge Zuschauer. Nachmittags kam vom Brigadeobersten K. folgende Depesche: „Für die herzhafte, mit verdientem, schönem Erfolge gekrönte Erkundung der Patrouille des Kadettaspiranten P. zunächst meinen wärmsten Dank und Anerkennung im Namen des Dienstess K., Oberst." Depesche der Brigade: „Der Kadettafpirant P. der 2. Komp., Inf.-Reg. Nr. 4, übersetzte Heute Mit Patrouille auf vier Booten den Sumpf, griff die beim Meierhofe D. eingegrabene feindliche Feldwache an und machte zehn Gefangene des 60. Regiments. Hiedurch wurde eine für Klärung der Lage beim Gegner außerordentlich wichtiger Dienst geleistet. Der geschickten, schönen Führung, der heldenmütigen Entschlossenheit jedes einzelnen Mannes ist dieser