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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-11-05 · 44 (5.11.1915) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
44 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 44 Seite 814 Magnatenhausmitglied Bischof Dr. Desider Balthazar führt aus: Von den jetzigen Zeiten der konfessionellen Reibungen ruht d i e S e e l e wahrhaft in der Erinnerung an dic klassische Zeitdes ungarischen Liberalismus aus, die auf den Spuren der Kämpfe jener großen Männer der großen Zeit die Rezeption der jüdischen Religion und ihre Gleichberechtigung schuf. Rur ein Versehen, das mit der stürmischen Arbeit einhergeht, konnte es verursachen, daß die Fragen der Rezeption im Jahre 1848, wie auch im Jahre 186? ungelöst blieben. In dem Ungarn, das in den Fragen der Glaubensgleichheit und Religionsfreiheit vor ganz Europa als Beispiel steht, ist die Tatsache dieses geschichtlichen Versäumnisses nahezu unbegreiflich. Viele stellen die Frage der Rezeption der jüdischen Religion so, als ob sie eine Forderung der allgemeinen Gleichberechtigung wäre. Eine Forderung jener Gleiche berechtigung, die auf dem Wege der Rechtsausbreirung zur Wahrung der Reinheit der Idee es unterlassen muß, die Verdienstlichkeit der Elemente, die den Gegenstand des Gesetzes bilden, in Betracht zu ziehen. Dieser Gesichtspunkt wzrd in der Frage der Rezeption der ungarischen Judenschast erfreulich, qualifiziert, denn hier war nicht nur die allgemeine Heiligkeit des Prinzips, sondern auch die Würdigkeit der ungarischen Judenschaft die bewegende Kraft, die die großen liberalen Führer der Zeit der Kirchenpolitik zum unverbrüchlich!?!! Festhalten an dem Rezeptionsgesetz bewog. Diese Kraft gab ihnen die Stärke, die die Hindernisse, die oben und unten in Erscheinung traten, besiegten. Die ungarische Gesetzgebung muß natürlich je eher die Konsequenzen, die aus dem Rezeptionsgesetz folgen, ableiten, und nicht nur Mit Rücksicht auf die Rechtsgleichheit, sondern auch mit R ü? ck s i ch4 auf jene Äerdienfte, die die ungarische Juden schuft auf dem Gebiete der ungarischen nationalen Kultur, Wissenschaft, Kunst, Volkswirtschaft u n d W o h l t ä t i g ke i t e r w a r b, p ie in G.-A. XX:1848 enthaltenen Reziprozitäts- und Gleichheitsprinzipien auf die Judenschaft an wein den. sDie Judenschast aber soll durch eine einheitliche Organisation das Hindernis beseitigen, das der Durchführung dieses Prinzips im Wege steht, und das die Gegner der Durchführung dieses! Prinzips stets mit Erfolg werden geltend machen können. Dr. Desider Balthazar. Staatssekretär Dr. Leopold Vudaß äußert sich wie folgt: Haben sich jene Hoffnungen, die die Schöpfer der kirchenpolitischen Gesetze — und unter diesen der Re-! zeption — zu Tat und Kampf vor zwanzig Jahren begeisterten, erfüllt, oder haben sich die Besorgnisse als! begründet erwiesen, die die Gegner vor zwanzig Jahren desgleichen zu Tat und Kampf anregten? Hat das Gesetz den Anforderungen des Lebens entsprochen? Füllte das Leben den Rahmen des damals als epochal beurteilten Gesetzes, und wenn ja, füllte G den Rahmen mit gewünschtem Inhalt? Oder erstarkt auch in diesem Falle die Erfahrung, daß man die Wirkung -der Gesetze bei ihrer Schaffung nicht berechnen, im vorhinein kaum bemessen kann? Das sind Fragen, auf deren größere Zahl, obgleich inzwischen so viele Jahre vergangen sind, eine endgiltige, historisch objektive Antwort auch heute nicht gegeben werden kann. Beeilen wir uns auch nicht mit der Antwort, aber wenden wir uns alle zu unseren Pflichten, die wir den vor zwanzig Jahren durch die Legislative bekundeten edlen Intentionen schulden, und blicken wir jenen neuen Aufgaben entgegen, die unsere im Laufe der jetzigen großen Zeit — unter soviel! Hoffnung und Zweifel — ernster und tiefer gewordene Auffassung jetzt gewiß selbst-, bewußter erfassen wird. Im Gedanken.an diese neuen und großen Aufgaben beurteilen wir den Wert des fetzt zwanzigjährigen Rezeptionsgesetzes danach, wie weit es und seine nicht nur von dem Staat, sondern auch von der Gesellschaft in des Wortes voller Bedeutung durchs-- geführte harrnonische Inkraftsetzung ein geeignetes Mittel sind, um unsere einheitlichen uns) nationalen Ziele ruft der eigenen sittlichen Kraft vorwärtszubringen, damit der Partikularismus zermürbt und zerbröckelt werde, dagegen aber die Entfaltung, Sammlung, Organisierung und Disziplinierung der zentripetalen nationalen Kräfte und ihre Einstellung zur Arbeit sich zu höherer Vollkommenheit entfalten. Das Bewußtsein, daß wir alle, wenn die gigantischen Kämpfe dieses schicksalsmäßigen, entscheidenen Krieges verrauscht sind, ohne Rast und Hallen an die neue Arbeit müssen, an eine Arbeit, die in ihren Dimensionen riesig,- in ihrer Bedeutung nahezu unermeßlich ist, und für die Organisation, Kultur, Volkswirtschaft und das soziale Leben, für die ganze Zukunft unserer Nation schicksälsmäßige Bedeutung hat, dieses Bewußtsein, mit dem immer mehr Personen rechnen, wird bald die Seele der ganzen Nation erleuchten. Die Besorgung dieser großen Aufgabe erfordert Ruhe und Weisheit in der Zielsetzung, gesteigerten Fleiß in der Arbeit und — wenigstens vorübergehend — viel Entsagung und stets große Disziplin und gegenseitige Wertschätzung. Diese Arbeit dulder nicht die Kleinlichkeit, und jede Absonderung erscheint ihr gegenüber als Kleinlichkeit. Jeder Partikularismus, ob nun ein Partikularismus der Klasse, der Nationalität oder der Kon-, fession, ist ihr schädlicher Feind, jeder Haß ihre gefährliche Bremse und auch jeder Hader. Weder der drängende Pulsschlag der Zeit, noch die an der Größe der Aufgabe gemessene Mangelhaftigkeit unserer Kraft gestattet es, daß irgend jemand vom Dienste der gemeinsamen nationalen Ziele zurücktrete, daß wir diesen Dienst irgend jemand verbittern oder ihn ablenken. Im Zeichen dieser großen und ehrenvollen Arbeit müssen wir uns alle gegenseitig in unserer Seele rezipieren. sUnd ldiese Rezeption müssen jene weisen, starken und großen Menschen leiten, die die große Zeit wirklich verstehen. Die ungarische Judenschaft aber soll, jede objektive Kritik gern entgegennehmend und bereitwillig honorierend, ihre durch ein in ernster Pflichterfüllung erstarktes Selbstbewußtsein genährte Ruhe bewahrend, mit den Besten und Edelsten wetteifernd, ihrerseits mit ganzer Kraft und Hingebung dahin streben, daß diese Rezeption je harmonischer werden könne und je vollkommener sei. Leopold Vadaß. Der frühere Ministerpräsident Geheimer Rat Dr. Alexander Wekerle schreibt: Die Rezeption der jüdischen Religion war bei uns nicht nur eine unerläßliche Forderung der Gewissensfreiheit und der bürgerlichen Rechtsfreiheit, sondern sie bedeutet aus ungarisch-nationalem Gesichtspunkte auch die Abschließung des großen Gedankens, den Deak und Andrassy als ersten Sieg der ungarischen Gesetzgebung durch die Emanzipation der jüdischen Religion verwirklichten. Außer der Gewissensfreiheit und der bürgerlichen Rechtsgleichheit leitete fie das Prinzip, daß sie durch die Gewinnung der Anhänger der jüdische n Religion idieungarischelNationkräft i g e n und d i e U n g a r i s ch sprechenden Bürge r der ungarischen Nation stärken. Die Idee ist seither verwirklicht, denn der überwiegende, ja überhaupt der ganze in Rechnung kommende

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