Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-10-29 · 43 (29.10.1915) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
43 (29.10.1915)
Date
1915-10-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3022142-3022186--24593-3049849
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Kr 48 Dr. Bloch's Wochenschrift L.u. 81t Wirten in der Oesfentlichknt für den edelsten Ausdrul der mmshlichen Güte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich auf den Friedhöfe in Rosawitz, wo Rabbiner Freund noch einmal ein kurzes Lebensbild des Verewigten entrollte, seine Verdienste um Familie, Gemeinde und die weite Öffentlichkeit und seine Arbeiterschaft betonte und mit dem Appell an die Trauerversammlung schloß, nicht Abschied nehmen zu wollen von dem Verstorbenen, sondern ihn in unserer Mitte weiterleben zu lassen, in seinem edlen Sinne weiter zu wirken. Hierauf nahmen Herr F. Mautner aus Prag namens der Bnai-Brith-Loge „Bohemia" und das amtierende Vorstandsmitglied der istael. Kultusgemeinde Bodenbach, Herr Gottfried Pick, in schlichten, vom Herzen kommenden Worten von dem treuen Führer, mit dem er dreißig Jahre im Vorstände der Kultusgemeinde mittätig war, unter innigen Dankesworten Abschied und gelobte, seinen Grundsätzen weiter treu zu bleiben. Ein: Unmenge von drahtlichen und brieflichen Beileidskundgebungen aus aller Welt sind Zeugen von der Beliebtheit, der sich der Verstorbene zu erfreuen hatte und des Ansehens, das er sich zu erwerben gewußt hat. - _ Feuilleton. „Feiertage im Felde.“ „Aus Briefen“ des Feldrabbiners Dr. Sicher mitg teilt von Dr. Rosenmann in Mähr. Schönberg. (Schluß.) Im Felde lernt man genügsam sein. Wenn die Feier unseres Versöhnungstages nicht unseren Friedensgewohnheiten entsprach, wie entsetzlich war dieser heilige Tag den Juden von Staschow, wohin wir, zwei Tage nachher, einmarschierten! Dort hatten die Russen ein betendes Minjan vor Neila erschossen, den 60jährigen Vorbeter aber, einen Witwer und Vater von acht unmündigen Kindern, auf der Ecklaterne des Marktplatzes aufgeknüpft. Dort baumelte er im Kittel noch, als ihn eine unserer Kompagnien abnahm. Eisig kalt überfuhr es mich, da ich zu dieser Laterne emporblickte. Ein junger, gebildeter Mann aus guter Familie, der glaubte, durch russische Sprachkenntnis und Beredsamkeit die Unschuld der Juden zu beweisen, wurde mit erschossen. Aber am Tage nach der Hinrichtung hatte die russische Militärkanzlei die Unschuld der Juden, welche verleumdet wurden, einen Brand aus Rache verursacht zu haben, kundgemacht, und daß der Brandstifter gefunden sei. Nach dem Fasten eines solchen Jomkippur dachte in Staschow kaum jemand ans Essen. Wir waren am Samstag xiach Jomkippur in Staschow kantoniert. Ich war in einem wohlhabenden, patriarchalischen Hause einquartiert. Das Entsetzen steckte noch in allen Gliedern. Man Sang Semirot, aber gedämpft, ohne die übliche Sabbatfreudigkeit. Die Großmutter, eine Verkörperung jüdischer Frauentugenden mit einem Herzen, das alle Menschen unterschiedslos liebevoll umfaßte, sprach noch bis tief in die Nacht mit mir von der Bosheit, deren Menschen fähig sind. Sie hatte seit diesem Jomkippur jegliche Schlafmöglichkeit verloren und wachte im Nebenzimmer bis zu meinem Abmarsche am nächsten Morgen, Erew Sukkos. Auch eine Deputation der Juden war zu mir gekommen, die die Erlaubnis erbat, die unschuldigen Opfer russischer Willkür, welche unter einer dünnen Erdschichte einer Wiese lagen, auf dem jüdischen Friedhofe beerdigen zu dürfen. Unser Kommando erteilte sie durch mich selbstverständlich. Eine Laubhütte sah ich während des ganzen Sukkosfestes nur ein einzigesmal, am ersten Festabend in Klimontow. Dort kamen wir spät abends an 'und etablierten uns als Verbandplatz. Es wiederholten sich wiederum die Szenen, die ich schon einige Wochen nicht gesehen. Sie erfordern stärkere Nerven manchmal als die Schwarmlinie und ein warmfühlendes, jüdisches Herz, , das sich über jede konfessionelle Schranke erhebt. Der Seelsorger ist hier die einzige Person, die Zeit zu individuellem Mitleid hat und der Rabbiner erscheint seinem Glaubensgenossen gleich dem wohltuenden Sonnenstrahl, der die tobende Wunde besänftigt. lieber Klimontow waren tagsüber Schrapnells geflogen, die wir deutlich gehört hatten. In einer Stube lag eine tote Judenfrau. Ein Mauerstück hatte infolge einschlagenden Geschosses sie in der eigenen Wohnung erschlagen. Die übrigen Juden suchten in Kellern Deckung. In einem Hause, das ich gegen Mitternacht betrat, waren sie eben emporgekrochen. Sie freuten sich herzlich mit mir. Ich ging mit ihnen in die Sukka auf dem Dachboden und machte dort Kiddusch. Freude und Befriedigung zog wieder unter die verängstigten Menschen ein. Die zwei ersten Sukkostage hatten wir Märsche in einem Terrain, das allesbisherigeübertrumpIle.Ein Ass stenzarzt flog aus seinem Wägelchen einfach hinaus und mußte dann als Maroder abgeschoben werden. In der dunklen Nacht, in der es an deutlicher Orientierung mangelte, regnete es in Strömen. Wenn man auf den Kutschbock flüchten mußte und der Wagen nicht von der Stelle kam, so bließ der vom Regen durchtränkte scharfe Wind unheimlich in die durchnäßten Glieder. Zu Eis gefroren kam ich am Ausgange des zweiten Sukkostages in einer Bauernhütte in Garbow an. Ich spaltete Holz, ein Regimentsarzt heizte. Der Feuerschein des rauchenden Kamins war unsere Beleuchtung, und da die Decken auf der Trainkolonne geblieben, die erst am nächsten Morgen eintraf, so war ein Bündel Stroh die Decke auf den wassertriefenden Kleidern. In Garbow verbrachten wir den Rest des Laubhüttenfestes. Die „Straßen“ dieses herrlichen Nestes zu passieren, war ein kühnes Unternehmen, das man zweimal überlegen mußte, bevor man es riskierte, dezimetertief, klatschend, in den Kot zu versinken. Es goß von oben und unten, jede kleine Anhöhe eine schlammige Rutschbahn, jeder ebene Steg ein Bach. Die Lehmhütte des einzigen jüdischen Dorfbewohners war unser religiöser Lichtpunkt. Am Freitag abends hatten wir dort durch die Mitwirkung eines Kremser Kantors N., welcher mit seiner Marschkompagnie Garbow passierte, einen sehr erhebenden, weihevollen Gottesdienst, bei welchem ich eine Ansprache hielt, in welcher ich auf die vier Pflanzenarten des Festes hinwies. Gesehen haben wir dieselben überhaupt nicht. Einige Juden dieser Gegend, die nach Sandomierz um sie gefahren waren, wurden im Walde von Kosaken ermordet. So begnügten wir uns mit ihrer symbolischen Deutung. Ich wies auf den Lu lab hin, das Sinnbild des aufrechten Rückgrates eines jüdischen Soldaten, der nach dem Lobe jüdischer Tapferkeit in unserem Kommando keinen Grund hat, seinen Kopf hängen zu lassen, auf den Esrog als Sinnbild des jüdischen Herzens, das auch auf-,dem grausigen Verbandplatz nicht abstumpfen darf, die Myrte, das Bild der Bescheidenheit, die mit Selbstbewußtsein gepaart, dem jüdischen Vorgesetzten den vorgeschriebenen Respekt nicht versagt, und die Bachweide, das Bild des armen Gastes der stets teilnahm an jüdischer Tafel, und den wir nun alle selbst darstellen, indem uns diese armselige, jüdische Hütte an unserem Feiertage mehr bietet, als die prächtigste Synagoge. In den Gesichtern der Soldaten, in deren feuchten Augen, spiegelte sich ein Gemisch von Freude und Wehmut ab. Auch am Sabbat-C'hol-Hamoed versammelten wir uns zu allen Gebetzeiten hier, während draußen Kanonen krachten und Maschinengewehre knatterten. Bestieg man irgend einen Hügel, konnte man das Feuer auch sehen. Am Hoschona-Rabba hatten wir beim Morgengottesdienste sogar Hoschanot. Aber ain Schemizi-Azeres kam kein Minjan zustande. Der Himmel hatte das Gebet um Regen vor dessen Verrichtung erfüllt. Nur tastend mit einem Stocke kam man in dem schlammigen Kote vom Fleck. Die Füße bekam man überhaupt nicht trocken. Die nasse Kälte war mir doch definitiv in die Knochen gekrochen. Mit dem evangelischen Kuraten teilte ich neben der Bauernstube auch die Influenza. Da ob der Sintflut draußen kein M inj an der an den verschiedenen Lagerplätzen verteilten Soldaten zusammenkam, entschloß ich mich Simchas-Tora auf dem Strohbündel der Stube zu verbringen. Da kam Befehl zum sorfortigen Abmarsch. Der ganze Tag wurde benötigt um drei Kilometer zu erledigen. An ein Erreichen des vorgeschriebenen Zieles war in diesem Terrain vor Anbruch des Morgens nicht zu denken. Wir erreichten es erst am Nachmittag des zweiten Tages. Jenseits der Weichsel feuerte die feindliche Artillerie herüber. Wwww-ffff, Wwww-fff, das war unsere Musik am Torafreudenfeste. Plötzlich krach. Eine Granate hatte zirka 500 Meter von meinem Wagen eingeschlagen. Die Rauchwolken platzender Schrapnells waren am Horizonte sichtbar. Die folgende Granate mochte wohl näher kommen. Und so trachteten wir uns, vom Krachen und Winseln der Geschosse begleitet, nach Möglichkeit zu tummeln, um aus dem Schußbereich hinauszukommen. Als ich am zweiten Nachmittage in unserem Bestimmungsorte, wo wir eine Stunde bloß rasteten, infolge Erschöpfung im Blessiertenwagen einschlief und erwachend hinauslugte, bemerkte ich, daß wir neben einem alten, denkwürdigen jüdischen Friedhofe lagerten. Russische Gefangene pflasterten daneben unter preußischer Aufsicht mit den Steinen der jüdischen Friedhofsmauer die Straße. Die Preußen nahmen auch aus der Ortskirche für ihren Train die dringend nötigen Kerzen. Der wahrscheinlich nicht sehr erfreute Kirchendiener fragte sie, ob sie denn auch die Synagoge besichtigt hätten, die schön sei. Und da sie verwundert nach dem Grunde trugen, sagte er, dort seien noch mehr Kerzen zu finden. Von hier gings gegen Iwangorod. Auf dem Wege dahin wurde am nächsten Freitagnachmitiage mir und dem griech.- katholischen Feldkuraten, da wir in aufgeräumter Laune auf dem Kutschbock des Blessiertenwagens saßen, die hohe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.