Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 42 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 791 armen Vertriebenen hielten sich bei uns bis zur Wiedereroberung unserer Stadt durch die Oesterreicher auf. Für diese große Zahl von Unglücklichen hatten wir vom gesch. Komitee in Lemberg, da dieses um drei Monate früher österreichisch wurde als Buczacz und wir sonst mit Lemberg nicht mehr in Verbindung stehen konnten, bloß einen Betrag von über 11.000 Kronen erhalten, eine Summe, die uns wohl über vieles, jedoch nicht über alles hinweghelfeu konnte. Dank dem jüdischen Volksküchenkomitee in Buczaez, welches sich aus den Herren Pros. Jsak Polet als Präsident, den Ausschußmitgliedern Michel Kornblüh, Jakob Stern, S. I. K nobler, Pinkas Wein stock, Anselm Czaczkes zusammensetzte und ganz besonders der hervorragenden Dienstleistung der Herren Markus Andermann und Markus R o t t e n b e r g, gelang es uns, durch Unterstützung der Bürger die Aufgabe zu erfüllen. Wir verteilten täglich über 9000 Portionen, d. h. zu je 3000 Portionen zum Frühstück, zu Mittag und zum Nachtmahl. Diese waren natürlich unentgeltlich ausgefolgt worden. Für Samstag wurde Weißbrot und Butter verteilt. Da die reiche jüdische Bevölkerung unsere Stadt verließ, die arme Bevölkerung ohne Hilfe und Unterstützung zurückblieb, ersuchen wir das löbl. Komitee, uns auch jetzt hilfreich beizustehen und uns zu ermöglichen, die Volksküche wieder zu eröfjnen, dadurch, daß das löbl. Komitee durch Geldunterstützung den Beweis seiner Humanität liefert. Wir ersuchen um gütige Aufnahme dieser Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte und danken Ihnen bestens. Hochachtungsvoll Markus Rohtenberg,_ als Leiter der jüd. Volksküche in Buczaez (Galizien). Konstituierung des ungarischen Palästina-Komitees. Bekanntlich wurde in der großen Palästinaversammlung, welche vor einiger Zeit in Wien stattgefunden hat, der ungarische Ministerialrat a. D. Dr. Alexander Lederer damit betraut, die Palästina-Hilfsaktion in Ungarn zu organisieren, und der seinerzeit gleichfalls hier anwesende Redakteur des „Egyenlöseg" Dr. Ludwig S z ab o l c s y ersucht, diese Aktion in seinem Blatte zu fördern. Vorige Woche fand nun, wie „Egyenlöseg" meldet, im Sitzungssaale der Budapester Religionsgemeinde eine Sitzung statt, an welcher außer dem Vorsitzenden Dr. Alexander Lederer die Rabbiner Dr. Elias Adler, Dr. Simon H e v e s y, Dr. Moses F e l d m a n n, ferner die Ofner Rabbiner Dr. Arnold Kiß und Dr. Berthold Edelstein, sowie der Nyiregyhazaer Rabbiner Doktor Bela Bernstein und der Präsident des Religionslehrkörpers der Budapester Kultusgemeinde Religionsfachinfpektor Dr. Max Weiß, Tempelvorsteher Arnold Kohn, Präsident des Leopoldstädter Bethansvereines Rudolf Kramer und Redakteur Dr. Ludwig Szabolcsy teilnahmen. Nach eingehender Debatte wurde die Konstituierung des ZmtralkomÜees ausgesprochen und beschlossen, sich . urch Mitglieder aus den verschiedenen Teilen des Landcs zu ergänzen. Im weiteren Verlaufe der Beratungen wurde beschlossen, von den bereits eingelaufenen Spendenbeträgen Kr. 3000.— durch das Wiener Bankhaus Rothschild nach Palästina gelangen zu lassen, um zunächst diesen Betrag unter den im Heiligen Lande notleidenden ungarischen Glaubensgenossen ohne Rücksicht auf ihre Parteirichtung gemäß den Intentionen der Spender zu verleiten. Weiters wurde der Vorsitzende bevollmächtigt, auch die künftig einlangenden Spenden auf dieselbe Weise in das Heilige Land gelangen zu lassen und schließlich die nötigen Schritte zu unternehmen, um womöglich noch während des Kriegesdem ungarischen Palästina-Hilfskomitee geeignete, rnüglichft offizielle (Konsul-)Vertreter in Jerusalem zu gewinnen, welche die Eignung besitzen, diese neue und edle Unternehmung des ungarischen Komitees zu unterstützen und zu fördern. Die Tragung der austauchenden Kosten der Aktion übernahm der Präsident derselben Dr. Alexander Lederer aus eigenen Mitteln. Diese Erklärung wurde dankend zur Kenntnis genommen, ebenso diejenige des anwesenden Redakteurs des „Egyenlöseg", daß er die bei dem Blatte einlaufenden Betrüge für Palästina-Hilfszwecke auch in Zukunft den Zwecken dieses Komitees zur Verfügung stellen werde. Prof. Moriz v. Karman. 1813-1015. Der Meister der ungarischen Pädagogik, der Reformator Ungarns Mittelschulwesens, der Schöpfer des Mustergymnasiums, der ausgezeichnete Gelehrte und Ph.losoph Universi^ätsprosessor Moriz v. Karman ist in Budapest im 72. Lebensjahre gestorben. Datz heute die ungarische Mittelschule auf europäischem Niveau steht, datz unsere Gymnasial- und Realschulprofessoren den Vergleich mit jenen Oesterreichs und Deutschlands bestehen können, datz unsere Schul- und Lehrbücher vom Guten das Beste geben, das alles ist ein Verdienst Moriz st a r m a n's. Baron Josef Eö 1 oös entdeckte ihn, der — vor mehr als v'.erzig Jahren — ein einfacher jüdischer Religionslehrer war, und er sandte ihn ins Ausland, damit er dort die neuesten Errungenschaften der Pädagogik studiere und dann in seinem Vaterlande verwerte. Und Karman — damals noch Kleinmann — erfüllte alle Erwartungen seines Gönners und ward „zum Bildner und Vorbild zweier Generationen". Moriz Karman wurde am 25. Dezember 1843 in Szegedin geboren. Nach Absolvierung seiner Studien in seiner Geburtsstadt und in Pest betrieb er 1352 bis 1865 an der Wiener Universität philosophische und philologische Studien. 1866 erwarb er an der Budapester Universität das Doktordiplom. 1858 unterrichtete er in den Budapester Mittelschulen und an der Handelsakademie israelitische Religionslehre. 1869 entsandte ihn Unterrichtsminister Baron E ö t v ö s nach Leipzig, um dort die praktische Professorenbildung zu studieren. 1371 kehrte er heim und im folgenden Jahre wurde er als Privaidozent für Pädagogik, Ethik und Psychologie an der Budapester Universität habilitiert. Im Aufträge des Direktors der Lehrerpräparandie arbeitete er den Entwurf des von ihm kontemplierten Uebungsgymnasiums (Mustergymnasiums) aus. Der Entwurf wurde von der Universität und dem Unterrichtsminister genehmigt und am 16. Mai 1872 der Gedanke der Gymnasial-Uebungsschule verwirklicht. Karman wurde zum Professor der Philosophie und Pädagogik an der Prosessorenbildungsanstalt und zum ordentlichen Professor und pädagogischen Leiter des Mustergymnasiums ernannt. Er war es — so schreibt das „Neue Pester Journal" — der die Grundsätze der wissenschaftlichen Pädagogik in unserem Gymnasialunterricht eingeführt hat. Das Hauptgewicht seiner Wirksamkeit fällt nebst seiner Lehrtätigkeit in der Mittelschule und an der Universität auf die Reorganisierung unseres Mittelschulunterrichtes. Seine bedeutendste Schöpfung auf diesem Gebiete sind der 1879er-Lehrplan für Gymnasien und die dazu gehörenden Instruktionen, deren allgemeiner Teil auch in der von Frick redigierten „Sammlung pädagogischer Abhandlungen" unter dem Titel „Beispiel eines rationellen Lehrplanes für Gymnasien" erschienen ist und in der deutschen Presse großem Lob begegnete. 1879 mutzte er wegen einer schweren Krankheit vom Uebungsgymnasium scheiden. Nach seiner Genesung wurde er zur Dienstleistung dem Unterrichtsministerium zugeteilt. 1907 wurde ihm der ungarische Adel, 1903 das Prädikat „von Szöllöskislak" und im folgenden Jahre der Titel eines öffentlichen ordentlichen Universitätsprofessors verliehen. Er hat eine große Altzahl von Lehrbüchern und pädagogischen Schriften verfatzt und 1873—1382 die Zeitschrift „Magyar Tanügy" (Ungarisches Unterrichtswesen) redigiert. Seine gesammelten pädagogischen Arbeiten wurden von der Akademie mit dem Marczibanyi'schen Nebenpreise prämiiert. Am Sonntag fand in Budapest unter außerordentlich grotzer Teilnahme das Leichenbegängnis des Universitätsprofessors Doktor Moriz von Karman statt. Die Trauerzeremonis fand im Festsaale des Mustergymnasiums statt. Es hatten sich eingefunden: Staatssekretär Ludwig I l o s v a y, Ministerialrat Ludwig T o t h, der Vizepräsident des Abgeordnetenhauses Karl S z a tz, die Geheimräte Albert Berzeviczy, Franz Csatho, Baron Lorand Eötvös und Julius W l a s s i c s, die Rektoren Zsolt B e ö 1 h y und Aladar Kovacs-Sebestyen, zahlreiche Un versitäisprofessoren, der Professorenkörper des Mustergymnasiums korporativ.