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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-10-22 · 42 (22.10.1915) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
42 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 788 Dr. Bloch's Wochenschrift M. 42 habe, und das; er nicht berechtigt sei, die Gemeinde, die Judenschaft auch in politischen Angelegenheiten nach rußen hin zu vertreten. Ich habe damals, als ich in den Kultusvorstaud eintrat und schon vorher, angeregt, das; der Borstand, als die einzige öffentliche autoritative Revräsentanz der Judenschaft, sich auch mit jenen Angelegenheiten beschäftigen müsse, welche mehr oder weniger in das politische Gebiet übergreifen. Es war die antisemitische Bewegung, die schon damals mächtig einherbrauste und unter welcher die Juden viel zu leiden hatten und. noch heute leiden. Ich wußte, daß ich mit dieser Anregung niemals Erfolg haben könnte, wenn ich im Kreise der Borstandstollegen keine Stütze fände. Und da war es der Dahingeschiedene, der sich meiner Anschauung bezüglich der (Geltendmachung unserer Rechte nach außenhin anschloß. Der Erwlg war der, das; wenige Wochen _ später das Vertreterkollegium und Plenum den Beschluß faßte, daß das Präsidium deputativ vor den Ministern erscheinen ' möge, um über die öffentlichen Zustände und die Bedrückung, welche unsere GlaubeuSbrüder erdulden mußten, Klage zu führen. Ich will Ihnen auS dieser Zeit eine kleine Episode erzählen. ES war einmal in einer wichtigen Angelegenheit, daß wir beide bei einer hochgestellten, entscheidenden Persönlichkeit vorsprachen und dort Hilfe suchten, sie baten, ein Machtwort zu sprechen. Bon der betreffenden Persönlichkeit wurden wir sehr freundlich empfangen. aber an einen anderen gewiesen. Voll Entrüstung erhob sich da mein Freund Dr. Kohn und erklärte: „Daun hätten wir hier nichts mehr zu suchen!" Und wir ginget; fort. Seither hat sich der Verstorbene in der Bertretuug der Rechte unserer Glaubensbrüder nicht nur mir ang'efchlossen, sondern selbständig in vielen Fällen, häufig auch 'mit Erfolg,' interveniert." Und wenn heute' ' der Eine und der Andere, der zu Amt und Stellung gelangt ist, sagt: „.Meine Kraft, meine Verdienste allein haben mir alles verschafft." so mag es mit der , Kraft und'den Verdiensten" seine volle Richtigkeit haben, dennoch hätte derselbe ohne Opfer an seinem Charakter sein Ziel nicht erreicht, wenn eben nicht der dahingeschiedenc Vizepräsident der Kultusgemeinde für ihn eingetreten und wirkungsvoll interveniert hätte. Meine Herren, man weiß es nicht, man kann es nicht genug schildern, wie und in welcher Weise sich unser dahingefchiedener Freund aller Agendetr angenommen hat. Und wenn eine Arbeitsteilung stattgefunden hatte, so rvar das Allgemeine meine Sache, das Persönliche, das viel mühevollere und viel mehr Arbeit verursachende, die seinige. Das allein würde ihm den unaussprechlichen Dank, das andauernde Gedächtnis unser aller in uns sichern. Aber wir wissen ja alle, daß das nicht alles war. Die Schulangelegenheiten, die Schule war, man könnte säst sagen, seine ausschließliche Domäne int Vorstand. Diese Angelegenheit ist eine gar mühevolle und arbeitsvolle und es gab mancherlei Kämpfe gegenüber den Behörden und Kämpfe gegenüber den eiaenen Glaubensgenossen, von welchen die einen der Meinung tvaren, das; in der Schule zu wenig, und die anderen — eine nicht geringe Anzahl — der Ansicht waren, das; Religion überhaupt nicht Sache der Schule, sondert: Sache des Gewissens, des Hauses, der Familie, der Erziehung sei, und nietnals i« der Schule auch nur annähernd suppliert werden könne. Der Gottesdienst, mit dessen Einrichtungen er sich auch nls Obmann des Bethausvorstandes zu befassen hatte, nahm eitten Teil seiner Zeit in Anspruch uttb er schrieb mir in einem dieser letzten Briefe, wie sich der Gottesdienst an dem Jomim nauroim abtvickelte uttb wie es gelungen sei, für die vielen Tauseudet: der Wiener jüdischen Bevölkerung, der Flüchtlinge, Soldaten usw.' Gelegenheit, Raum und Ordnung für gottesdienstliche Veranstaltungett zu schaffen. Und so gab es keine Angelegenheit, keine Sache, welche die Gemeinde beschäftigte, der keine vorherige Beratung. zwischen mir und dem Dahingeschiedenen zugrunde lag. Entweder wir sprachen darüber oder tvir kannten die Denkungsweise des anderen über die Sache. Und ich glaube wohl .sagen zu dürfen, daß in diese:: volle:: 26 Jahren, in welchen wir zusammengingen — er selbst war schon mehrere Jahre vorher Mitglied des Vorstandes — kaum je eine wesentliche Dissens zwischen unseren Anschauungen sich geltend gemacht hat, ::icht etwa, daß eine solche Dissens picht bestandet: hätte, es bestat:den wohl Meinungsverschiedenheiten, aber eit: Ausgleich war immer erfolgt, .bevor die Sache vor das Vertreter-Kollegium, bevor sie zur Entscheidung vor das Pleuuu: gebracht wurde. Ich habe bereits vorher darüber gesprochen, wie sehr der Verstorbene dem Gedanken zugänglich war, das; der Kultusvorstand auch nach außenhin, auch in anderen, nichtreligiösen Angelegenheiten unserer Glaubensbrüder, dort, wo sie zu leiden haben, hilfreich zur Seite zu stehen, sie zu vertreten berufet: ich Da war es nun eine Schöpfung, welche wir beide initierten, initieren wolltet:. Die Schöpfung einer Gesamtvertretung der österreichische:: Judenschaft, welche selbst schon von seiten der Regierung, vom Parlamente gleich bei der Beratuttg der Gesetze, betreffend Verfassung der Kultusgemeinden im Jahre 1890, ins Auge gefaßt worden ist. Er hat sich nach dieser Richtung die unglaublichste Mühe gegeben. Vereint habet: tvir alles getan, was möglich war, um eine Gesamtvertretung .der österreichischen 'Indenschaftz die wir brauch. tat und die wir heute unter den derzeitigen Verhältnissen noch viel nötiger hätten, als bisher, zustande zu bringet:. Wenn dies nicht gelungen ist oder tvenigstetts bisher tncht gelungen ist, so liegen da Hindernisse vor, über tvelche ich heute hier auszusprechen mich tncht veranlaßt finde. Aber das Eine möchte ich saget:, votr seiten unserer Staatsverwaltung, von der Regierung haben und hätten tvir in alledem das größte Entgegenkommen gefunden, wie wir es wahrscheinlich.auch hettte noch finden würden. Ich kann nicht in alle Einzelheiten entgehen, tvelche in: Laufe von mehr als eittem Vierteljahrhundert unsere Gemeinde, unsere Judenschaft beschäftigten. Tatsache ist, daß aus den: patriarchalischen Regime, welches vor fünfundzwanzig Jahren hier herrschte ui:d das gewiß seine Berechtigung, seine Vorteile hat für eine Meine Gemeinde, heute eine große, geordnete und tüchtige Verwaltung getvorden ist. Ein großes Verdienst hieran gebührt den: Verstorbenen. Und so könnte ich stunden-, tagelang fortsetzen, stunden- und tagelang, aus meinen Erinnerungen schöpfen, um Ihne:: darzustellen, tvas dieser ausgezeichnete, vortreffliche Mann geleistet hat, wie er unermüdlich tätig war. An der Bahre ist uns ein herrliches, meisterhaftes Charakterbild durch unseren ehrwürdigen Herrn Oberrabbitter vorgeführt worden. So lebendig, so anschaulich wurde uns dargestellt, tvie er die Pflichten des Familiettvaters und die Pflichten des pffentlichen Amtes in einer Weise zu vereinen tvußte, tvie tnat: es tncht leicht ivieder finden mag. Mir war er ein lieber, guter, herzlich zugetauer Freuttd. Wir haben immer das Verständnis zueinattder gefunden. Er war mir und ich war ihm in herzlicher Liebe zugetan. Sein Andenken sei gesegnet!

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