Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 42 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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otr. 42 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 787 Röcke der Mütter, alles schrie und weinte. Da legten die Männer Thewillen und Tallis an und schickten Klagelieder zum Himmel. Erbarmungslos gingen die Kosaken vor und heute noch weinen die Frauen, wenn sie an diese Tage erinnert werden. Den Russen scheint es aber bange geworden zu sein, als sie die große Zahl der Juden sahen, und so entschlossen sie sich nach vielen Stunden der Angst und Plage, die Juden wieder zurück- Wschicken. Zu Hause angelangt, fanden sie die Wohnungen erbrochen, die Kästen durchsuche das Vieh weggeschleppt, eine Räuberbande hauste während ihrer Abwesenheit und was der in die Hände siel, nahm sie einfach mit. Endlich, nach unbeschreiblichen Leiden, kam der Tag der Befreiung. Versteckt im Keller, warteten die Menschen den Rückzug der Russen ab. Als sich das Gerücht verbreitete, die österreichischen Patrouillen sind in der Stadt gesehen worden, sprangen sie wie kleine, lustige Kinder auf der Straße den Soldaten entgegen. Dies war am 28. August 1915. Freude, Jubel herrschten in der Stadt, die bald Fahnenschmuck aufwies. In den Gotteshäusern wurden Dankgebete ver¬ An derselben nahmen die Familie des Verstorbenen, sämtliche Vorstandsmitglieder der Knltusgemeinde, die Mitglieder der Bethausvorstände, der Bezirkskommissionen, Vertreter zahlreicher Vereine, sowie viele angesehene Gemeindemitglieder teil. Der Präsident Herr Dr. Alfred Stern würdigte in seiner Trauerrede in eingehendster Weise die großen Verdienste, die sich der Verewigte um die Gemeinde, in welcher Redner mit dem Verstorbenen seit mehr als einem Vierteljahrhundert als Vorstandsmitglied und in den letzten zwei Dezennien auch im Präsidium gemeinsam tätig war, sowie um die gesamte Judenschast erworben hat. Nach Verlesung der eingelangten, überaus zahlreichen Kondolenzen von Behörden, Kultusgemeinden, Korporationen, Vereinen und Persönlichkeiten wurde die Sitzung zum Zeichen der Trauer geschlossen. Rede des Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern anläßlich der Trauerkundgebung für weil. Dr. Gustav Kochl am 17. Oktober 1915. Zu einer öffentlichen Sitzung des Vorstandes sind ie, meine Herren, heute eingeladen worden. Zu einer richtet. Man umarmte sich und weinte Freudentränen. M öffentlichen Sitmng, in welcher wir eine Trauerkund- Noch ehe die Rußen.abzogen, zerstörten sie den Bahn-Hebung veranstalten für den besten, edelsten, hochverdienhof, den Meierhm, die Kunstmühle, die zwei Spiritusfesten 'Mann, der je an meiner Seite in diesem Saalie brennereien und die Brauerei zur Gänze. Heute ist wieder altes Leben. Man geht den Geschäften wieder nach und kommt Samstag, sitzt man ruhig vor der Tür und erzählt sich aus vergangenen Tagen. Die Juden in der Türkei. Gründung einer Osmanisch-Jsraelitischen Union. Die jüdischen Gemeinden Deutschlands haben als Zeichen ihrer Sympathie der türkischen Armee mehrere Waggons Sanitätsmaterial zukommen lassen. Dr. Alfred N o s s i g, der zwecks Uebergabe der Spende an die Behörden in Konstantinopel eintraf, wurde vom Sultan, dem Thronfolger I u s s u f I z z e d i n, Enver Pascha, Talaat Bei und Halil Bei empfangen. Die Vertreter der Regierung sprachen sich in sehr anerkennender Weise über die jüdische Bevölkerung aus, der ihr Wohlwollen gesichert sei. Dr. Nossig und Kommerzienrat Simon wurden durch Verleihung des Medschidije-Ordens ausgezeichnet. Während des Aufenthaltes Dr. N o s s i g s lit Konstantinopel gründete ein Kreis von angesehenen, türkischen Juden mit Einwilligung der Regierung eine Vereinigung ,Osmanisch-Jsraelitische Union". Die Vereinigung, an.deren Spitze der Deputierte Carasso steht, strebt die festere Angliederung der Juden an die anderen Bevölkerungsgruppen der Türkei an. Sie gedenkt ferner, mit den die ostjüdifche Bevölkerung betreffenden Fragen gelegentlich der internationalen Verhandlungen nach Beendigung des Krieges sich zu befassen. In dieser Angelegenheit fand auch zwischen der türkischen Regierung und der deutschen Botschaft ein Meinungsaustausch statt, der ergab, daß die türkische Regierung ebenso wie die deutsche und die österreichisch-ungarische den Bestrebungen zur Besserung des Loses der Juden des Ostens durchaus wohlwollend gegenüberstehen. Am 17. Oktober, 11 Uhr vormittags, fand in öffentlicher Plenarsitzung des Kultusvorstandes im Sitzungssaale der israel. Kultusgemeinde eine Trauerkundgebung für den am 8. d. M. verblichenen Ersten Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav Kohn statt. Platz genommen hat. Als ich am Sarge des Verewigten das Wort sprach: ,,Er war der Kültusgemeinde Alles," so lag in diesem Worte keine Ueberschwenglichkeit des Gefühles, wie sie bei solchen Anlässen ganz natürlich ist. Es lag darin die volle Wahrheit, das volle Bekenntnis dessen, was der Verstorbene für uns, für den Vorstand, für die Gemeinde und ich möchte sagen, für die gesamte österreichische Judenschast war. Und so möchte ich heute diese an der Bahre gesprochenen Worte rechtfertigen und möchte sagen, daß wir uns heute nicht zu einer Totenklage hier versammelten, sondern zur Anhörung eines 'Rechenschaftsberichtes. Zur Anhörung delsen, was der Verstorbene geleistet hat in seinem segensreichen Wirken. Es sind 26 Jahre her, daß ich zum erstenmale in diesem Saale als Mitglied des Knltusvorstandes erschien, inmitten von zwanzig Kollegen — das war die Zahl der damaligen Vorstandsmitglieder — und von den zwanzig Herren, die damals hier fungierten, waren bis vor kurzem nur noch zwei und heute ist nur noch einer — ich — am Leben. Dr. Gustav Kohn und ich waren von jenen zwanzig Mitgliedern des Vorstandes die letzten Ueberlebenden. Und da ist es denn begreiflich, daß ich, nachdem wir 26 Jahre hindurch gemeinsam wirkten und sonach Zeuge alles dessen war, was in dieser Zeit geleistet wurde, wohl am ehesten, weil ich aus eigenem Wahrnehmen berufen bin, über das Wirken dieses Mannes Rechenschaft zu geben. Wenn ich dabei auch nicht umhin werde können, manches von mir und über mich zu sprechen, so wollen Sie das dem Umstande zugute schreiben, daß unser Wirken ein gemeinsames war. Als ein Zeugnis dessen liegen hier vor mir zwei Briefe des Verstorbenen, noch wenige Tage vor seinem Tode geschrieben, in welchen er mir Bericht erstattete über verschiedene "Angelegenheiten der Gemeinde und worin er mir seinen baldigen Besuch zur Beratung über wichtigs» Gemeindeangelegenheiten in Aussicht stellte. Damals — vor 26 Jahren — galt es als unerschütterliche Regel, daß der .Kultusvorstand sich strenge an seinen statutarischen Wirkungskreis haltend, sich ausschließlich mit den Angelegenheiten des Kultus, des Unterrichtes und der Pflege der Ritualien zu beschäftigen