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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-10-22 · 42 (22.10.1915) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
42 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 786 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 42 Are Wussenherrschast in ^odhazce. Bon Wilhelm Wilder. Am 25. August 1914 zogen die Russen in die Stadt ein, dessen Bevölkerung zu Zwei Dritteln aus Juden besteht. Die Stadt war wie ausgestorben. Hunderte jüdischer Familien haben sich den zurückgehenden österreichischen Truppen angeschlossen, während der Rest sich in die Häuser einschloß'. Die Geschäfte waren durchwegs geschlossen. Kaum daß die ersten Moskalen den Marktplatz erreichten, gingen sie darar, der Bevölkerung einen Besuch abzustatten. Gleich bei ihrem ersten Besuch, bei welchem sie Essen und Trinken erzwangen, nahmen sie allerhand Sachen mit. Die Zahl der Diebstähle, Mißhandlungen und Beschimpfungen stieg von Tag zu Tag. Es war gar keine Seltenheit, daß um Mitternacht an einem Fenster geklopft wurde und der eintretende Soldat Geld, Eßwaren verlangte. Wurde nicht gleich gcöffitef, so wurden Tür und Fenster eingeschlagen. Angekleidet lagen die Menschen in ihren Betten oder dort, wo dieses Möbelstück schon im Besitz der Russen sich befand, saßen sie beim Ofen in Schreck und Angst. Die Judenmädchen durften die Straßen nicht betreten, wollten sie Umarmungen entgehen, denn auf die hatten es die Russen abgesehen. Die polnischen Mädchen mit dem pechschwarzen Haar und feurigen Augen gesielen ihnen gar so gut. Nach Geld suchend, wurden in Stuben oder Geschäften Fußböden aufgerissen, Oefen eingeworfen, Mauern gestürzt; selbst im Garten, am Boden im Walle wurde unter fortwährendem Fluchen gesucht. Die Taschen wurden durchsucht und in schamloser Weise wurden Frauen und Mädchen abgetastet. Furchtbar warxn die Nachthilder. Wie eine geschulte Räuberbande, drei bis vier Mann stark, gingen sie, die Finsternis als Begleiterin, auf Raub aus. Da verlangte ein Soldat von einem alten Juden, er möge ihm sofort ein Freudenmädchen beschaffen. Die Verweigerung half nichts, durchs Nagaikah-ebe zwang er den am ganzen Körper zitternden Juden, nachts sich auf die Suche zu machen, während er sichs im Bette bequem machte. Sein Wunsch mußte erfüllt werden. Dort in einer finsteren Gasse hört man lautes in Verzweiflung herausgestoßenes Geschrei einer Mutter, die sich mit ihrer Tochter allein befindet und von Soldaten bedroht sieht. Viel Geld machten die Söhne des Zaren durch die Heranziehung von Menschen zu der S.chützengrabenarbcit. Dazu suchten sie sich mit Vorliebe alle zerbrechlichen Männer, junge Mädchen oder Frauen aus, weil sie hier Kopeken erhielten. Und wie ein Bettler den anderen schickt, so kanr in manchem Hause zwei- bis dreimal tagsüber ein Soldat. Es wird hier allen Ernstes behauptet — man nennt sogar Rainen — daß die siegreichen Krieger Schändungen begingen. So wurde mitten im Winter ein alter Mann gezwungen, die Stiefel auszuziehen, die ihm der Soldat abnahm und bei dieser Gelegenheit ihm die letzten 5 K. aus der Tasche stahl. Groß ist die Zahl der Plünderungen von Geschäften und Hausern, wo die Besitzer geflüchtet sind. Das Oeffnen von Schlössern war für die Russen eine Spielerei: Uebung macht den Meister! Das Geschäft des Marcus Mauer, das ein gewaltiges Lager von Schnitt- und Manufakturwaren aufwies, wurde erbrochen,' die Waren auf die Straße geworfen, die Einrichtungsgegenstände zerbrochen. Heute noch kann man so manche Bäuerin barfuß in einer Seidenbluse oder mit einem Kopftuch aus dem Geschäft Mauer sehen. Ebenso wurde das Eierlager der Firma F a l s ch b e r g, Z i m m e t u. Lieblich vernichtet, wobei ein großer Teil der Eier zerbrochen, der Rest an die Bauern verschenkt wurde. Das Geschäft wurde sodann angezündet. Anderswo wurde ein Schuhwarengeschäft geplündert, wobei Hunderte von Stiefeln fortgeschlepvt wurden. Es half keine Klage beim Kommandanten. Als Schulbeispiel der Unverschämtheit ist die Fortschaffung der ganzen E'nrichtungsgegenstände aus dem Hause Rottenbergs zu erwähnen. Das einstöckige Haus befindet sich am Ring und ist ein moderner Bau. Hier ließ der General Jwanof eines Tages vier Autos Vorfahren und in seiner Gegenwart wurde alles, was sich im Hause befand, aufge^aden und sortgeschafft. Heute stehen nur noch die Mauern. - Vom Markte führen einige schmale Gassen zum Ghettoviertel, auf einem Viereck stehen einige Häuser, die ganz wahllos aufgebaut worden sind. Mitten drin steht der Haupttempel. Vor vielen hundert Jahren soll dies ein Kloster gewesen sein. Furchtbar kahl sind die Wände, dabei haben sie eine erschreckende Höhe. An der Brustwand eine offene Galerie für Frauen. Um der Hauptsynagoge herum sind in den Häusern Nebentempel untergebracht, wobei die Abteilung für Frauen nur durch Guckfenster gekennzeichnet ist. Im Haupttempel hängen an zwölf Stricken, fast 200 Jahre alte, zahllose Kerzen fassende Messinghängeleuchter, ebenso waren zahlreiche Wandleuchter angebracht. Rechts und links vor dem Altar aus Steinpostament gewaltige Messingsiguren. Auch in ben Nebentempeln waren zahlreiche alte Beleuchtungskörper. All dies haben die Russen mitgenommen. Als Brennmaterial wurden die 'Bänke uni) Tische fortgeschleppt. Die Besucher müssen sich! jetzt kleine Kerzen mitbringen, die sie während des Gottesdienstes entweder in der Hand halten oder irgendwo ankleben. Die Stricke sehen ohne ihre Last erschreckend aus. An einem Freitag abend machten sich einige Russen an die Wegschaffung von Leuchtern aus den Judenhäusern. Sie wußten zu gut, daß zu dieser Stunde die Hausftau die Schabbeskerzen anzündet. Vom Tische weg, nicht achtend, daß durch ihre Handlungsweise das Verbrechen der Religionsstörung begangen jvurde, nahmen sie alles mit. Es war dies eine furchtbar schwere Zeit für die Juden. Aus den Häusern wurden allerlei Wohnungseinrichtungsgegenstände fortgeschlepvt, und so findet man noch heute zahlreiche Wohnhäuser, wo kein Stück Möbel vorhanden ist und die Menschen auf dem Fußboden liegen. Alles wurde Eigentum der neuen Kulturträger. Als sich das Kriegsglück wendete und es immer deutlicher wurde, daß die Herrschaft der Russen dem Ende entgegengeht, ging man daran, die Juden nach Rußland zu verschicken. Aber nicht nur Männer, sondern: Frauen und Kinder erhielten Befehl, die Stadt zu verlassen. Es waren dies die" drei Schreckenstage. So erhielten die jüdischen Bewohner von Wisniawczyk und Umgebung an einem Samstag den Befehl, sich abends auf dem Markte zu versammeln. Nichts durfte mitgenommen werden. Es erschienen Mann, Frau und Kind. Die Frauen weinten, die Kinder schrien, doch all dies nützte nichts. Die Kranken wurden auf Waoen geladen und fort ging es, dem Ungewissen entgegen. Voran Kosaken und als Bedeckung Kosaken; die ganze Nacht wurde gegangen, über Podhajce nach Brzczany. Auf einem Wagen lag eine Wöchnerin, ihren Jungen fest an die Brust drückend. Unterwegs, da der Tag der Beschneidung war, wurde Halt gemacht und mitten im Felde der Beschneidungsakt vollzogen. Wer faßt den Schmerz der Mutter? In einem anderen Dorfe sah eine Frau ihre schwere Stunde nahen. Alles Bitten, diese Frau zurückzulassen. war vergebens. Es wurde abgewartet, bis der neue Bürger das Licht der Welt erblickte, dann wurden Mutter und Kind auf einem Wagen gebettet und fort ging es. Am Sonntag gingen die Bewohner aus N. N. und Umgebung und am Montag weitere. Während aus den ersten Dörfern die Frauen bis Brzczany mitgingen, .schickte man die Frauen und Kinder aus den anderen Dörfern schon von Podjazce zurück. Es war ein nervenzerreißender Moment, die Frauen gebärdeten sich wie wahnsinnig und wollten von den Männern nicht lassen. Die Kinder klammerten sich an die

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