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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-10-22 · 42 (22.10.1915) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
42 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. LS Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 779 Allsdehnung an und an eine VermindernNZ der bisher für das Land g e l e i st e t e n, ohnehin sehr knappen Hilfe k a n n g a r it i ch t ged a ch t w erde n. S ch o n j e tz t b c g i n n t m a n inPalä st i n a auf die h ierzulande ins Leben gerufene „P alästi-na-Hilfskommission 1915" die v o l l st e tl Hoffnungen zu setzen. Demgemäß muß es auch das Be./treben aller hiesigen streife fein, dem einheimischen Hilfswerk die Mittel z u e i n e r groß z ü g i g e n H i l f s a k t i o ll i ll reicher Weise d a r z u b i e t e n. A m e r i k a soll das Vorbild s e i n! Dr. Gustav Kohrr. Die Tranersitzung des Knllnsvorstandes. Der sollst so freundlich-helle Fest- und Ahnensaal der Gemeinde prangte in düsterer Trauer. Schweres, schwarzes Tuch drapierte das Bildnis des verstorbenen Erstell Vizepräsidenten, dessen heitere, lebensfrohe Züge das Dunkel der Hülle nicht trüben und verwychen konnte. Weiß der Himmel; seine Augen waren die einzigen, die in dieser Trauergemeinde munter um sich blickten. Und ringsum in dichten Reihen scharten sich die Bielen, die gekommen waren, Dr. Gustav Kohn an jener Stätte zu verehren, an der er durch nahezu drei Dezennien Sitz und Stimme illnehatte, an der er viele Jahre in leitender Stellung und Geltung für die jüdische Gellleinde und die Glaubensgenossen gewirkt hat. Hier in Schmerz versunken die Glieder seiner Familie, deren Krolle er war; hier mit bekümmerter Miene die Mitglieder des Kultus- und Bethausvorstandes, die der Verlust einer Zierde getroffen hat; hier die Referenten mid Beamten, die eilten väterlichen Freund und Helfer beklagen. Und hier -am Pulte der Präsident, der greise Führer, zur Seite der Zweite Stellvertreter, und das ehrwürdige geistliche Oberhaupt; der Präsident, den länger als ein Bierteljahrhnndert gemeinsame Arbeit im Dienste der Gemeinde mit dem Entschlafenen verbunden hat. Aller Augen sind auf diesen seltenen Mann gerichtet, der im Angesichte des herben Verlustes, welcher der Gemeinde beschieden war. ihr noch unentbehrlicher erscheint. Wird er der Aufgabe dieser schweren, feierlichen Stunde gewachsen sein, wird er die Kraft aufbringell, das Lebensbild des Genossen auszurollen, es iu jene eindrucksvollen Farben und Tinten zu tauchen, die der Größe und dem Werte seiner Persönlichkeit entsprechen? Fort mit dieser zaghaften Frage; der Meister hat sich übertroffen. Der Schliff des Wortes ist nicht stumpf geworden, die Fülle der Gedanken nicht versiegt, die Kunst der Dialektik gleich gewandt wie nur je zuvor. Deutlich und plastisch trat das öffentliche Leben und Weben des Verstorbenen vor unser seelisches Auge, bald in kräftigen, seststrasfierten Konturen, wenn es galt, die Verteidigerstellung nach außen und gegen fremde Unbill zu zeichnen, bald in weichen, zartverschlungenen Linien, wenn es hieß, die Hingabe und Aufopferung für die Größe und Entwicklung des Gemeinwesens zu schildern. Es war ein breites, anschauliches Mosaik geeinter Tätigkeit, kunstvoll und liebevoll Steinchen zu Steinchen getragen, das Ganze umflossen von dem Glanze, den die bestrickenden Eigenschaften des Entschlafenen, gepaart mit Leutseligkeit und Bescheidenheit, ausgestrahlt hatten. Zuletzt erst, da .das fesselnde Gebilde vollendet vor uns stand, da sank in gesteigerter Erregung die Gestalt des Vierundachtzigjährigen wehmütig in sich, zusammen, die Stimme überfchlug sich, in Rührung übermannt, und schluchzend kam das Bekenntnis aus treuer Brust: So wie ich weiß, wie gut er mir war, so war auch ich ihm zugetan.-Damit war die denkwürdige Sitzung geschlossen, einfach und geschäftlich geschlossen. Verklungen und verrauscht war das hohe Lieo an die Mannen eines Allverehrten; doch aufgeklappt bleibt das Buch dauernden Erinnerns, aufgesch agen das ruhmvolle Blatt, das der sichere Griffel des Gefährten dein edlen Sproß dieser großen Gemeinde als unvergängliche) Denlmal de schrieben hatte. Wien, 17. Oktober 1915. D r. H e i n r i ch S ch reib e r. Ungewifte Zukunft. (Aus der „Arbeiter-Zeitung" vom 7. Oktober 1915.) (Vom Kriegsberichterstatter Wilhelm Düwell.) Ostpressequartier, Ende September. Wie ersehnte Befreier von drückender Pein wurden die in Wilna einziph enden Truppen begrüßt. In reicher Fülle spendeten die Frohbewegten den Solüawn Blumen. Irr ihren Hof,nungen und Jnteresteu gehen Litauern Juden und :,>olen jeooch nicht konform. Pown schwärmen" von einem neuen, vollständig selbständigen polnischen Reiche, dessen Macht,phäre sogar Litauen umschließen soll. Die Vorstellung einer solchen Möglichkeit erweckt bei den Litauern und vor allem bei beu Juden Verstimmungen und Befürchtungen. Alle Juden, mir denen ich darüber sprach, erklärten mir unumwunden, sie würden lieber unter russischer Herrschaft bleiben, als Angehörige eines selbständigen Polen werden. Ueberhaupt, für die Russen als Menschen hat man sehr viel Sympathie. Der eigentliche Russe zeichne sich durch Herzensgute aus; der Pole sei härter und unduldsamer als der Russe-. Man betrachtet die russische Herrschaft sozusagen als Fegefeuer, mit einer polnischen Herrschaft fürchcen die „Juden m die Hölle zu geraten. WaS man in Rußland als Qual empfindet, ist das herrschende System; für die Nichtrussen sind danlit Bedrückungen aller Ar, und moralische Martern verbunden. Diese lasten auch auf solchen Familien, deren soziale Lage über sonstige russische Eigentümlichkeiten leicht hinweghilft. Mil dem Rubel kau»! man Vorteile erlaufen, sich gegen Strafen schützen, der Militärpflicht entgehen, mancherlei andere Wünsche erfüllen lassen und Uebel ablenken. Aber man kann sich nicht der verächtlichen Behandlung entziehen, nicht oder doch nur in ganz beschränktem Maße aus den Niederungen der Rechtlosigkeit zu der Höhe der Gleichberechtigung h'.nauftlettern. Eine Mutter, die empört war, weil ihre Kinder „mit anschlägigem Kopf" als Juden vom Besuch des Gymnasiums ausgeschlossen sind, erklärte mit absoluter Bestimmtheit, sie und ihre Familien würden Hab und Gut im Stiche lassen und mir dem deutschen Heere marschieren, falls die Russen wieder nach Wilna znrückkümen. Trotz ihrer sonst auseinandergehenden Wünsche und des gespannten Verhältnisses untereinander sind Juden, Polen und Litauer jetzt in einem Punkte einig: nämlich über das Verschwinden der russischen Polizei. Die Russen haben ihre Regierungsbüttel, die Quälgeister der "Bevölkerung, mitgenommen. Es war das Gerücht verbreitet worden, die Deutschen hätten die russische Polizei nachher weggefangen. Darob herrschte Jubel überall, die Gesichter strahlten ordentlich vor Freude, wenn man von diesen Gerüchten sprach. Dieser Jubel läßt darauf schließen, daß es der russische Polizist verstanden hat, sich gründlich verhaßt zu machen. Man bezeichnete ihn mir als einen systematischen Erpresser. Je nachdem ward er Engel oder Teufel. Der scharfäugigste Polizist wurde für fünf Rubel blind und der feinhörigste für zehn

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