Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-10-15 · 41 (15.10.1915) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
41 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022142-3022184--24554-3049808
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 774 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr« 41 nison Przemysl stattgefunden, welchem neben mehreren Offizieren auch offizielle Vertreter der Militärbehörden beiwohnten.- Die Leräumige Synagoge konnte alle Erschienenen nicht fassen, so daß vielen die Galerien Angewiesen werden mußten. Die Festpredigt hielt der Feldrabbiner des Przemysler Militärkommandos Dr. Josef Mieses. Jüdisches Rettungskomitee in Przemysl. Am 3. Oktober l. I. ist in Przemysl ein unpolitisches Jüdisches Rettungskomitee entstanden, in welches 36 Bürger aller Parteischattierungen gewählt wurden, und welches in nächster Zukunft bereits seine Tätigkeit aufzunehmen gedenkt. Feuilleton. Me Heiden der Inden in Sadagora unter der Krrffercherrschaft (Ein Feldpostbrief.) Der Einj.-Freiw. Korporal beim k. u. k. Feldkan.- Regiment Laab, Regimentsstab richtet an seinen Vater Herrn Simon R o s n e r, Kantor in der Wessely a. d. March (Mähren), einen interessanten Feldpostbrief, dem wir nachstehende Mitteilungen über die Russengreuel in Sadagora entnehmen: Standort, 27. September 1915 Teuerste Elter.i! Euren lieben Brief vom 22. d. M. habe ich erhalten, und tut es mir leid, daß Ihr meine Berichte in letzter Zeit nicht regelmäßig erhalten habet. Ich bekomme jetzt pünktlich Eure lieben Nachrichten. Auch ich bin glücklich gesund und da ich heute gerade 24stündigen Dienst habe, benütze i«h die Zeit und die Gelegenheit, Euch etwas mehr zu schreiben Ich habe Euch von Czernowitz geschrieben, daß ich mit meinem Leutnant durch Sadagora gefahren bin, wo wir uns aufhielten, ebenso wie wir seinerzeit auf der Herreise im letzten Städtchen nächtigten. Ihr habet doch auch damals meine Ansichtskarte von dem Palais des Wunderrabbi erhalten? Ich habe in Sadagora so viel gesehen und gehört, daß ich Euch gerne etwas, aber nur etwas davon erzählen will. Sadagora macht einen niederschmetternden Eindruck. »Wenn jemand lebend begraben sein würde und wenn die Würmer in der Gruft an seinem Fleische nagen würden, könnte er nicht so viel leiden, als wir unter der Russenherrschart gelitten haben.« Dies sind ungefähr die Worte eines Bürgers aus Sadagora, mit dem ich unter ander'm gesprochen habe. Es ist ein grausames Gleichnis, daß der Jude macht, aber man muß ihm Recht geben, wenn man die Straßen des Städtchens durchwandert und einzelne Leute nach ihren Erlebnissen befragt. Es ist kein Haus, das ganz geblieben ist, kein Gegenstand, der nicht von den rohen Händen der russischen Soldaten vernichtet oder weggeschleppt wurde. Sadagora ist im Zentrum nur von Juden bewohnt. Es hat dort den Charakter eir.es reinen Judenstädtchens, während sich an der Peripherie viele Nichtjuaen, ruthenische und polnische Bauern und Gewerbetreibende angesiedelt haben. Aber nicht nur die innere Stadl, auch die Bewohner der Umgebung hatten unter den russischen Soldaten viel zu leiden. Sadagora war damals der Sitz des russischen Kommandos. Wenn die Juden hinkamen und sich zu beklagen wagten, wurde ihnen, wenn sie nicht mit den Bajonetten zurückgetrieben wurden, die Antwort zuteil: »Juden verdienen keine bessere Behandlung.« Wenn Nichtjuden sich beschweren wollten, wurden sie mit der Antwort abgespeist: »Vojna lak maji soboju« (so ist eben der Krieg) und die russischen Soldaten verübten weiter ihre Greueltaten. Daß die Soldaten vor Meuchelmord nicht zurückschrecken, ist bekannt und so mußten auch hier angesehene jüdische Bürger ihr Leben lassen. Zu dem hochachtbaren Juden Retter, es ist ein Zufall daß ich mit seinem Sohne in Preßburg gedient habe,, kam eine Offizierspatrouille und verlangte Geld. Als Retter erklärte, er könne nichts geben, da er gegenwärtig selbst nichts besitze, ließ der Offizier den armen Mann so lange prügeln, bis ihm das Blut kam, dann erst ließen sie von ihrem Opfer ab. Retter glaubte seine Quälgeister befriedigt und wollte fortgeben. Er hatte sich aber kaum einige Schritte von seinem Hause entfeint, als ihm die Soldaten nacheilten und ihn erstachen. Zum Weinhändler Lisornik kamen Soldaten und verlangten seine Weinvorräte. Er führte die Patrouille in den Keller, dort soffen sie bis spät in die Nacht und Lisornik wurde genötigt, mitzutrinken. Als sie ihrer Sinne nicht mehr mächtig waren, schickten sie ihn fort, damit er seine Frau herbringe. Lisornik glaubte seinen Peinigern entfliehen zu können und unter dem Yorwande, seine Frau zu holen, eilte er auf die Straße. Die Kosaken aber warteten nicht bis zu seiner Rückkehr. Als er wenige Schritte entfernt war, sandten sie ihm einige Kugeln nach. Lisornik blieb sofort liegen. Die Kosaken li ßen ihn auf der Straße liegen und niemand durfte sich an ihn heranwagen zwei Tage lang. Eine Abordnung sprach schließlich beim Stadtkommandanten vor, der es nunmehr gestattete, daß die Leiche von der Straße fort^ebracht wurde. Die Roheit dieser vertierten Menschen hatte aber damit noch lange nicht den Höhepunkt erreicht. Als der Tote in seiner Wohnung aufgebahrt wurde, kamen Nachts die Kosaken, trieben die Leichenwächter fort, nahmen die Leiche aus dem Sarge und zerstampften sie mit den Füßen. Nachdem die Kosaken in dem Laden des Papierhändlers Hermann genug geplündert hatten, verlangten sie von ihm seine Frau. Hermann weigerte sich natürlich, ihrem Verlangen Folge zu leisten und während er versuchte, die Soldaten von ihrem rohen Vorhaben abzubringen, stürzten sich diese schon auf seine Frau, welche durch den Lärm in das Geschäft herbeigeeilt kam. Hermann wollte nun sein Weib vor den Unholden schützen, diese wurden darüber wild und schlugen so lange auf ihn los, bis er kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Die arme Frau blieb in den besudelten Händen der Kosaken. Den Kaufmann Wagschal töteten sie auf dem Felde, unweit von Sadagora. Sie verlangten von ihm Getreide und als er beteuerte, daß er keines habe, stachm sie ihn nieder. Einige Tage später fand seine Frau die Leiche auf dem Felde. Es versteht sich von selbst, daß insbesondere die Mädchen zu leiden hatten und taten sie am besten, indem sie sich überhaupt nicht auf der Straße zeigten. Teilweise befanden sie sich in Kellern, ein großer Teil von Frauen und Mädchen hatte sich in einem einstöckigen Hause in dem sich die Apotheke befindet, verborgen. Dort wohnten dann mehr als 100 Personen in einem einzigen kleinen Raume. Auf dem Hause wehte eine Fahne mit weiß-rotem Kreuz und den Kosaken wurde erklärt, es sei ein Spital. Da gingen sie auch nicht hinein. Im Laufe der Zeit war aber das Simulieren nicht mehr notwendig. Die armen Geschöpfe, welche in dem engen, nicht gelüfteten Raum fünf Wochen verbringen mußten, wurden wirklich krank, bei einigen schälte sich die Haut von den Wangen, andere bekamen Fieber etc. Das Rote Kreuz war keine Irreführung mehr. Großen Schaden richteten sie auch an dem Hof des Wunderrabbi von Sadagora, des Rabbiners Friedmann an. Das Palais dieses merkwürdigen Rabbi ist ein größerer Häuserkomplex, welcher aus zwei Bethäusern, dem Wohnraum des Rabbiners und jenen des Personals besteht. Von all diesen Gebäuden ist nur die »Klaus«, das Bethaus des Rabbiners, wo an den Feiertagen seine Anhänger aus allen Weltgegenden Zusammenkommen, verhältnismäßig intakt geblieben. Und das ist nur dem Umstande zu verdanken, daß der russische Geistliche, welcher den in Sadagora einziehenden General begleitete, diesen davon abzureden verstand, die »Klaus« in eine Stallung umzuwandeln. Der Geistliche erklärte, daß man schließlich nicht wissen könne, wessen Gott in diesen Zeiten der Stärkere sei, und daß man den Gott der Chassidim nicht erzürnen dürfe. Trotzdem ist die »Klaus« nicht ganz unversehrt, wenigstens die Scheiben glaubten die Kosakenhorden ausschlagen zu müssen. Hingegen wurde aus dem zweiten Bethaus gleich nach dem Einzug eine Pferdestallung gemacht. Das Mobilar der Wohnungen ist total vernichtet, alle Gegenstände weggerommen, oder kleingeschlagen worden. Auf dem Boden befindet sich ein Chaos von Fetzen, Büchern und Briefen, die Kassen sind zertrümmert, der Inhalt fortgeschleppt, die Vorhänge von den Fenstern, die Tapeten von den Wänden heruntergerissen, kostbare Kleider in Fetzen gerissen, der Plüsch von den Stühlen zerschnitten. Das gleiche traurige Bild bietet sich einem beim Betreten aller anderen Wohnungen, dieses sonst so friedlichen Städtchens. Die Russen haben hier überall wie Wandalen gehaust. Sie sind hei Tag und Nacht in die Häuser eingebrochen, haben den Leuten das Brot aus den Schränken herausgenommen und auf die Straße geworfen, Teller und Kochgeschirre in rohester Weise verunreinigt. Kostbare Dinge hingegen, derer sie hier nicht allzuviel habhaft werden konnten, nahmen sie nach Rußland mit. Und wehe, wenn es jemand wagte, sich den Plünderern zü widersetzen. Er wurde mit Rutenhieben so lange gebaut, bis er sich nicht mehr rühren konnte. Sehr viele Häuser wurden nach der Ausplünderung niedergebrannt. Die Leute in Sadagora waren seit jeher arme Leute, aber jetzt sind sie zu Bettlern geworden, denn das Wenige, was sie besaßen, ist nun auch dahin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.