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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-10-15 · 41 (15.10.1915) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
41 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 760 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 41 Präsident Dr. Alfred Stern. Misped godol w’chowed me’ot: Ein großes schweres Trauergeleite! Ewel kowed seif: Es ist eine große schwere Trauer, die uns umfängt. Wie soll ich Ausdruck geben dem Leide, dem Schmerze, der unsere Herzen erfüllt, der Klage um den unersetzlichen Verlust für unsere Gemeinde. Was Dr. Gustav Kohn unserer Gemeinde war? Alles! Ueber 30 Jahre dem Vorstande angehörend, war ihm keine der weitverzweigten Agenden der Gemeinde fremd geblieben, keine derselben, sie mochte von größter Bedeutung oder geringfügig sein, der er seine Aufmerksamkeit versagt hätte, daher auch selbstverständlich seine Meinungsäußerung im Vertieter-Kollegium, sowie im Plenum entscheidende Bedeutung hatte. Die Leitung des Schulwesens, eines der mühevollsten Belange der Gemeindeverwaltung, war — man kann fast sagen ausschließlich — in seine Hand gegeben, wie er auch im Landesschulrate mehr als ein Vierteljahrhundert als Vertreter der Gemeinde fungierte. Als Obmann des Bethausvorstandes hatte er die Obsorge nicht allein für die klaglose Durchführung des Gottesdienstes in unseren Gemeindebethäusern, sondern auch für die anderweitigen gottesdienstlichen Versammlungen, für welche beispielsweise in den letzten Feiertagen für viele Zehntausende unserer Glaubensbrüder Ordnung und Raum geschaffen werden mußte. Wenn schon diese Belange solche sind, daß sie bei der Sorgsamkeit mit der der Dahingeschiedene ihnen nachkam, die umfassendste Tätigkeit eines Mannes voll in Anspruch nehmen, so waren es hei seiner hingebungsvollen Arbeitsfreude in seiner nie erlahmenden Pflichttreue überhaupt alle Angelegenheiten der großen Kultusgemeinde Wien, wie auch darüber hinausgehend der angestrebten Vereinigung zu dem alle Kultusgemeinden Oester, reichs umfassenden Gemeindebunde, welchen er Studium und Arbeit nicht etwa bloß vorübergehend, sondern intensiv widmete. Den,, väterlichen Freund und Berater“ nennt die Beamtenschaft in der Todesanzeige. Der väterliche Freuet' und Berater war er nicht allein den Beamten, sondern allen, allen Hilfesuchenden, die sich an ihn wandten und denen er in seiner wahrhaft unerschöpflichen Güte und Milde aufopferungsvoll mit Rat und Tat an die Hand ging. Hilfebringen, alle seine Kraft in den Dienst der Hilfesuchenden stellen, Wohltätigkeit üben, das war ihm Herzensfreude, da war er unerschöpflich. Und mochte auch hie und da seine Vertrauensseligkeit getäuscht werden, nichts, nichts vermochte ihn davon abzubringen, daß er den Bittenden seine segenspendende Hand reichte. Güte, Wohlwollen, wahrhaft aus dem Herzen quellende Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit, aufopfernde Menschenliebe, all das verkörperte sich in dem Dahingeschiedenen in einer Weise, wie sie kaum noch zu finden sein mag. Mir stand er in meinem Amte hilfreich zur Seite. Gab es hie und da Gegensätze, sie wurden ausgeglichen. Mir persönlich war er ein lieber, treuer Freund. In tiefer, tiefster Erschütterung stehe ich vor Ihnen. Sein liebes Wort, sein Andenken wird mir treu und heilig sein bis an mein, wohl nicht allzufernes Lebensende. Es sprachen sodann seitens der Advokatenkammer der Präsident Dr. Ritter v. Feistmantel; für die Ohewn Kadischa (Fromme Bruderschaft) Präsident Salo Cohn; für den Bethausvorstand Dr. Markus SpiHer. Der Vertreter des Bethausvorstandes, Herr phil. und jur. Dr. Markus Spitze r führt aus, daß er an der Bahre des ausgezeichneten, hervorragenden, unvergleichlichen Mannes in der Stunde, in welcher die Seele durchzittert ist vom na-, menlosen Schmerze und unsagbarer Trauer, alle Gedanken und Empfindungen erfüllt sind von dem Bewußtsein des unersetzlichen Verlustes den unsere Gemeinde erlitten, nur einige Züge aus dem herrlichen Gesamtbilde des reichen, gottbegnadeten, segenerfüllten Lebens, das sich uns als kostbares Kunstwerk, in allen seinen Teilen Einfachheit und Größe kündend, darbot, zum Preise und zur Ehre des edlen Dahingeschiedenen hervorheben wolle, in dem sich der Spruch' der Bibel „Gott erschuf den Manschen in seinem Ebenbilde“ verkörperte, der zu den höchsten Idealen der Menschheit, zu der alles beglückenden Humanität emporstrebte und den Spuren des göttlichen Wesens folgend, Barmherzigkeit, Gnade, Milde und Menschenfreundlichkeit in reichem Maße spendete. Auf allen Gebieten des jüdischen Gemeindelebens, auf dem Gebiete des Kultus-, des Unterrichtes und der Wohltätigkeit hat er Großes, Unvergleichliches geleistet, reiche Saaten ausgestreut, deren Früchte noch die spätesten Ge-> schlechter genießen werden, und sein Wirken und Schaffen, seine Werke und Leistungen gestalten sich zu einer hohen, idealen Einheit. Sind sie ja alle aus einer Wurzel empor-; gewachsen, aus der unendlichen Liebe zu seinem Volke und dessen Glauben, entströmten sie ja einer kristallhellen, unversiegbaren Quelle, welche in den geheimnisvollen Tiefen eines unerforsclilichen Herzens rauschte, eines Herzens, das der Davidsharfe glich, welche in den herrlichsten Tönen erklang, wenn der eisige Hauch der Kot, des Elends und der Armut durch deren Saiten strich. Der Verewigte entsprang dem Stamme der Priester. Das Priestertum ist, seitdem der Tempel auf Zion zerstört und in Trümmer gesunken ist, eine historische Erinnerung an längst entschwundene Zeiten. Allein von Zeit zu Zeit sendet uns eine gütige Vorsehung Männer, in denen der alte Priestergeist erwacht, deren Leben ein Gottesdienst ist, welche sich dem allgemeinen Wolile und Heile weihen. Einer dieser Auserwählten war unser Dr. Gustav Ivohn. Er hat in dem Tempel der Menschenfreundlichkeit und der Nächstenliebe, den er sich errichtet, seines Priesteramtes gewaltet. Er entzündete das Licht, dessen Strahlen in die Hütten der Armen und Elenden drangen und das Düstere erhellten. Er unterhielt das ewige Feuer der Liebe und Güte, das alle Stürme nicht verlöschen konnten und brachte Tag für Tag Opfer um Opfer, angenehm Gott und Menschen. Der Tisch wurde reichlichst gedeckt, damit die Armen und Dürftigen gespeist und gesättigt werden. Er war ein Schützer und Schirmer der heiligen Bundeslade mit ihren ehernen Gesetzestafeln und aus vollen Kräften war er bemüht, daß die ewigen Wahrheiten des Judentums und dessen von Menschenliebe durchglühten Gesetze schon in das Herz der Jugend eingepflanzt werden. Noch eine merkwürdige Mission hatte der Priester Israels. Wenn jemand an seinem Hause einen Schaden, Risse und Spf’ünge bemerkte, so ging er *zum Priester. Dieser untersuchte, durchforschte das Haus und wenn nach einigen Tagen diese Risse und Sprünge sich nicht erweiterten, so erklärte er das Haus für rein. 'Unzählig sind die Familie Ui väter, die im Kampfe ums Dasein erlahmt, die den Verlust ihrer Existenz, ihres Familienglückes, den Zusammenbruch ihres Hauses befürchteten, die zu diesem Priester gekommen mit dem Ausrufe n'nr nx~3und da untersuchte und durchforschte der Verewigte dieses Haus und mit unermüdlichem Eifer, Aufopferung seiner Zeit und seiner Interessen gelang es ihm oft und oft, nach wenigen Tagen die fröhliche Bot, schaft zu überbringen n*^n rx jren daß das Haus rein sei, daß der Schaden behoben, die Existenz gerettet sei. Diese seine Priesterschaft stellte er auch in den Dienst unseres Kultus, der an Stelle des Opferdienstes getreten. In dem Bethausvorstande, dessen Präsident er war, waren alle seine Bestrebungen darauf gerichtet, unseren gottesdienstlichen Einrichtungen ihren alten Glanz zu bewahren. Er fand Ruhe und Erholung im Kreise seiner Kollegen. Er wußte jene Atmosphäre zu schaffen, in der allein die zarten Blüten des Zusammenwirkens und der Harmonie sich entfalten. Er erschloß uns sein liebenswürdiges Wesen, wir erquickten uns an seinem Humor, der nur laus einem gesunden Herzen kommt, und an der Jugendfrische, die er sich bis ins hohe Alter bewahrte. Wir liebten und verehrten ihn und sahen zu ihm als zu unserem Führer empor. Wir ge-, loben, in seinem Geiste zu wirken und dieser wird uns stets bei unseren Beratungen umschweben. Auch die Bethausvereine, deren ersprießliches, segensreiches Wirken in unserer Gemeinde er mit den höchsten Worten des Lobes stets anerkannt und an deren Aufschwung und Emporblühen er regsten Anteil nahm, sprechen ihm den tiefgefühlten Dank aus. In der Geschichte der Juden Wiens, dem g oldenen Ehrenbuche sind die Namen von Männern verzeichnet, die durch Charakter, Reichtum, Unerschrockenheit, Wissenschaft und Begeisterung für das Judentum unsere Gemeinde von den kleinsten Anfängen bis zu der heutigen Höhe emporgetragen haben. Der Name Dr. Gustav Kohn wird in diesem goldenen Ehrenbuche in unverlöschlichen Zügen einen Ehrenplatz finden und umflossen vom unvergänglichen Glanze bis in die späteste Zukunft strahlen, den kommenden Geschlechtern als ein hehres Vorbild wahren priesterlichen Lebens, als ein großer Sohn unserer Gemeinde, als eine Zierde des Menschengeschlechtes voranleuchtend. Und so wie er im Leben ein Segen ward, so wird das Andenken an ihn stets ein Segen sein und bleiben. pH3f nsr Das Andenken des Gerechten ist gesegnet. Sekretär Dr. Emil Adler. Namens der Beamten unserer Gemeinde bringe ich unserem so jäh dahingeschiedenen, treu geliebten ersten Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n den letzten Gruß. Tieftrauernd stehen wir alle an der Bahre des Mannes, dessen warmes Herz bis zur letzten Stunde seines arbeitsreichen Lebens für den Schwachen, den Armen und den Hilfsbedürftigen schlug. Und wir, die wir das Glück genossen, ihn Tag für Tag an der Arbeit zu sehen, und an dieser nach unseren

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