Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 40 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 754 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 40 von den Füßen gezogen, die einzige Kuh haben sie uns wcggenominen; fünf Hühner habeil wir gehabt, weg sind sie." Die Alte weinte: „Alles, alles." Ich trete ans Fenster. Sonderbar! Die flciiteu Fenster der niedrigen Stube, deren Wände so leer, deren Einrichtung so spärlich, die kleinen Fenster sind blank geputzt und davor sind schimmerndreine, feine Spitzenvorhänge. Die Alte fährt liebkosend mit der Hand darüber, siird scheinbar ihr Stolz. „Die Hab' ich gerettet und heute Hab' ich sie hergenommen, weil Freitag-Abend ist. Feiertag." Sie tveiß nicht, daß auch ich meinen Freitag- Abend habe. Freitag-Abend . . . Irgendwo serne ein altes Mütterlcin hebt segnend die Hände über zwei Lichter, irgendwo ferne eine junge Mutter, ein Kindlein im Arme vor drei brennenden Kerzen .... Freitag-Abend, Freitag- Abend. „Warum zündet Ihr keine Schabbeskerzen?" frage ich plötzlich. Sie schauen mich staunend an. Dann.schluchzt der alte Mairn, der Greis mit denr weißen Barte, laut auf, wie ein Kind weint er der alte Mann. ./Das sind sie ja, das —" schluchzt er und zeigt aus die fast erlöschenden Kerzen im Ziullmer und in der Küche. „ES darf ja nicht sein, aber. . ." Was sind dies für Menschen? Daß man ihm sein Heim zerstörte, sein mühselig zusammengerackertes Hab und Gut vernichtete, seine Einzige Kuh Raubte, feine Stiefel ihm voll den Füßen zog, den Polster ihm von: .Kopf hervorriß — was tat es ihm?! Wer daß er am Freitag- Abend keine Sabüathkerzen zünden konnte, daß er seinem Gotte nicht dienen und ihn nicht ehren koilnte, lvie es in der Heiligen Schrift geschrieben — darob weinte er bitterlich. Und was sind das für Menschen? Sie lassen sich ausplündern, sie lassen sich morden und in Knechtschaft schleppen — aber Verrat, nein, das kennen sie nicht! Alles können sie ihnen nehmen die wilden Kosaken, ihr Gut und ihr Leben, aber nicht den Glaubett, nicht die Treue! Auch sie sind Helden, «sie sind Märtyrer, das schmerzlichste in der Welt sind Tränen eines alten Mannes. Und dennoch, was ich da empfand, war nur Bewunderung. Ich winke meinen Burschen heran und gebe ihm einen Befehl. Nach einer Weile kehrt er zurück. Zwei Kerzen und eirw Flasche Wein bringt er, lch ließ äus deril SanitätSkorb kommen. Für Verwuildete waren sie bestimnit, ich gab sie schwer Verwundeten. Und sie haben ihre Schmerzen gelindert. Ich reiche es dem Alten: „Zünden Sie an und machen Sie Kiddusch." Ich weiß nicht, was der Alte dachte; sie blickten nrich an, als ob der Prophet zu ihnen herniedergestiegen tiäre, sie zu erlösen. Vielleicht habe ich ihnen den Glauben an die Wunder Gottes zurückgegeben, die Ueberzeuguna, daß Elijah einst komnlen wird, ihreil Leiden ein Ende zu machen und sic zu führen in das Land, daß Gott ihren Vätern verheißen. Wenn daheim am Freitag-Abend die Mutter ihren milden Blick zum Himmel hob und segnend die guten Häilde hob und wir Kinder andachtsvoll zu ihr emporschauten — es war so schön. Wenn daheim das blühendschöne Weib am Freitag-Wend mit leuchtenden Äugen vor den drei Lichtern das Gebet sprach — für mich, für sicki. für unser Kind — es war so schön. Da setzt die alte Frau mit Tränen in den Wgen die .Kerzen entzündete und der Wte weinend den Kiddusch sprach — es war, als ob alter Friede und neuer Reichtum in die kahle Stube gezogen wäre, es war so unendlich schön, es war mein schönster Freitag-Wend. Literatur. Juden und Deutsche. Von Davies T r i e t s ch. (Verlag von R. Sl ö ui i t.) Vor einigen Jahren ließ der weitgereiste Verfasser, der das Studium des Judentums im Orient sich zur ersprießlichen Lebensaufgabe gemacht, in den V erteljahrshefien für das Dcu'.schium im Ausland, also einer christlichen, für deutschnationalistische Kreise, die selbst eines gewissen reinvölklichen Anstriches nicht entbehren und dem Judentum nicht immer gerade günstig gesinnt sind, eine Reihe von Studien erscheinen, die die Grundlage der heutigen Publikation sind. Sie riefen in weiten reindeutschen Kreisen damals das größte Aufsehen hervor und sind Hauptsächlich an unsere Nachbarn und Freundesmonarchie gerichtet und gewinnen mit jedem Schritt, die wir und die Türkei unseren Feinden abringen, mehr Aktualität. Der Haupttrumps des Buches ist, daß immer wieder Regierungs- und andere Kreise daraus gewiesen werden, daß das Deutschtum in 121/;? Millionen Juden, welche Deutsch oder Jiddisch als Muttersprache reden, einen ausgestreüten Fühler zur Weltmacht und Weltherrschaft besitzt, dessen Einfluß es bisher unterschätzt und nicht beachtet hat, obwohl alle Publ.kationen der Kreise, die sich mit Verbreitung des Deutschtums beschäftigen, immer wieder hervorheben, daß die deutsche Sprache stets deutschen Einfluß, Handel, Macht, Reichtum nach sich zieht. Daß nun einmal von 14V:> Millionen Juden 12XV Deutsch oder Jiddisch ihre Muttersprache nennen, ist eigentlich ein nicht ganz geklärter Faktor, denn daß die Wissenschaft des Judentums, ob christlicher. oder jüdischer Herkunft sich zum größten Teil der Sprache Mendelssohns bedient und deutsch ist, kann nur 'ein Teilfaktor dieser Erscheinung sein, die einmal da ist und mit der gerechnet werden mutz von Freund und Feind des Deutschtums und des Judentums. Wenn Deutsch als Weltsprache im Jahre 1801 an zweiter Stelle stand, 1901 aber ^wieder, nur daß diesmal 'England, nicht Frankreich, an erster stelle steht, so hat dabei der Antisemitismus seine Rolle gespielt, indem das Judentum langsam 2'Z> Millionen deutschredender Glaubensbrüder aus Rußland und Rumänien in das englische Lager abgebnn mußte. Diese Bevölkerung von 12V'o Millionen Deutschen jüdischen Glaubens, die üb r die ganze Welt zerstreut sind, so viel wie die Kauze Hälfte der deutschen Katholiken, hat nachweisbar überall zur Gründung deu'.scher Spitäler, deutscher Schulen, zur Beschäftigung deutscher Aerzte, Lehrer, Künstler, zur Errichtung deutscher Theater, Klubs rc. geführt. Daß die Juden noch mehr als die Deutschen überhaupt ein Volk des Buches sind, gibt dieser deutschen Auswanderung besonderen Stützpunkt und Halt, während der christliche deutsche Auswanderer, dieser tüchtige, bewundernswerte Arbeiter und Landmann, als.nicht Literaturmensch vielmehr der Entnationalisierung erliegt (viie besonders Ungarn), wenigstens wie in Amerika weit weniger Werbekraft aufbringt, wie der deutschjüdische Kaufmann, Fabrikant, Journalist. Das sehen wir heute an den Deutschen Rußlands, wie hochkonservative deutsche Blätter zu berichten wissen, da nur der deutschjüdische Russe den deutschen Soldaten mit Jubel als seinen Bruder empfängt, der deutsche Bauer glrichgiltig bleibt. Daß das deutsche Großkapital in Amerika fast ausschließlich jüdisch ist, wird der deutschen Regierung und dem deutschen Volke auf das eindringlichste predigen, wie wichtig ist, diese dem Deutschen Reich, aber nicht der Anhänglichkeit an Deutschland verloren gegangenen Brüder durch gute Behandlung ihrer Glaubensgenossen bei guter Laune zu erhalten. In der Tat erweist sich heute das deutschjüdische Kapital spröde gegen die Ententeanleihe, ein Zug von solcher Bedeutung wie mehrere gefallene Festungen. Daß die jüdische Encyclopädle Englisch, und zwar zu dreiviertrl Ilebersetzung aus dem Deutschen, geschrieben, noch mehr, daß die Schulen der Allianz Jsraelite im treuen .Festhalten und echt jüdischer Dankbarkeit für Frankreichs leider nunmehr gewesene Gastfreundschaft überall noch französisch sind, ist gewiß nicht im Interesse des Deutschtums als solchen. Wenn Loti sagen durfte, leider sei die Levante nicht mehr ein französischer See, dieser Umstand war mit einer der Gründe zum Weltkrieg mit dem Revanchegedanken, so ist es zum Teil das Verdienst der massenhaft nach dem Orient gewanderten russisch-, rumänisch- und deutschredenden Juden, sodaß Jerusalem ein Klein-Jiddisch-Berlin wird, wie mit der Zeit Newyork (20 Prozent Englisch-Irisch-Wallisisch, 49 Prozent Jiddischredender). Auch daß die Zionisten, so lange das Hebräisch nicht lebende Sprache ist, auf die Sprache Herzls als Kongreßünd Vereinssprache geeinigt haben, ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für Verbreitung des Deutschtums. Uns Oesterreicher mag freuen, daß der Verfasser unserer Monarchie der deutschen, mehrfach zum Muster aufstellen darf, daß unsere Regierung weit liberaler in der Anstellung jüdischer Konsularbeamter, Arrzte ic. ist, daß das k. u. k. Postamt in Jerusalem sich nur von dem russischen an Judenfreundlichkeit überbieten läßt, das mit echt russischer Schlauheit einen jüdischen Postdirekior hatte. Obwohl erst einige Monate alt, ist das Buch des Verfassers darin überholt, daß die deutsche Regierung im Osten überall das Judentum und dem Jiddisch das größte Entgegenkommen zeigt, daß, wie mir Augenzeugen aus dem Felde berichten, man den preußischen Junker mit dem Kaftanjuden eingehängt sehen kann, eine unglaubliche Wandlung der Nation, aus der noch vor zwei Jahren das Drama „Ketten" entstehen konnte. Als zur Zeit der Reformation eine Abwanderung