Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-10-08 · 40 (8.10.1915) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
40 (8.10.1915)
Date
1915-10-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022142-3022183--24526-3049779
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr 40 Dr. Bloch'; Es ist dunkel geworden. Wir quälen uns ab, den Draht von den Laternen, aus den Bäumen herabzuzerren, unablässig bestürmt, ironisch, angstvoll, verzerrt. Ein Paar kommt auf mich zu; eine junge Dame in dunkelblauem Seidenkostüm, ein junger Mann im Robespierrekragen, der einen kleinen Koffer trägt: __ _ - „Ich bitte, sollen wir reisen —?" — „Tun «ie, was Sie wollen, wir wissen nichts!" — „O Gott, wir gehen mit Ihnen", die junge Dame faßt mich am Arm, „wir gehen, 'wohin Sie gehen, wir können nicht bleiben, wir kommen mit —" Ich ziehe an meinem Draht, sage gar nichts. — „Sie wissen ja nicht, — ich habe eine Familie angezeigt, auf unserm Dach, sie haben den Russen Signale gegeben, ich habe es angezeigt, sie sind festgenommen, wohl schon erschossen — — wenn die Russen kommen, werde ich gehängt, ich zuerst von allen Wir haben alles dagelassen, unsere ganze Wohnung, nur drei Hemden —_ wir gehen, ich will nicht in Rußland sterben, ich will . in Deutschland sein, ich gehe mit Ihnen!" Wir verlieren die beiden im Dunkel und Gewühl der vorbnmarschierenden Truppen. Schon ziehen Gruppen von Fraueil und Männern mit den Soldaten, Bündel im Arm, Körbe aus dem Rücken. __ Wir finden die Batterie weit vorüber «ladt, wo sie wartet, bis sie sich in den vorbeiziehenden «trom cinreihen darf. Die Marschordnung ist ja genau festgelegt. Es ist schwarze Nacht. Wir siild alle verdicht, betrübt, ermüdet und verstimmt. Um zwölf Uhr ist die Reihe an uns. Wir fahren i>nd fahren. Ringsherum das Gewirrs von Privatfuhrwerken, Infanteriekolonnen, Trupps von Leuten, die flüchten. Alle möglichen Gerüchte kommen auf: Die Russen sind schon am Bahnhof. Wir sind vorne aus Verstärkungen geraten. Das Korps k. ist umzingelt uj'w. usw. Wie es hell wird, lagern wir. Ls kann mit den Russen nicht so arg sein, sonst würde hier nicht zwei 'Stunden lang friedlich gerastet. Währenddessen ziehen die unglaublichsten Gestalten rechts und links qm Wege vorbei. Juden im Kaftan mit Paketen t.nd Bündeln; Gymnasiasten und Schulmädel mit Rucksäcken; eine elegante Dame mit ihrer Mutter, eine kleine Handtasche als Reisegepäck; zwei Herren mit einer verstörten Frau am Arm; viele Damen mit Bündeln in seidenen Blusen und Lackschühchen. Cs ist trostlos und jämmerlich. Viele bekommen Kaffee aus unserer Feldküche. Wo sie hinwollen, wissen sie nicht, nur fort von den Russen! Jetzt erst erfährt man, was für die jüdischen Kreise die Russenherrschast bedeutet hat. Es ist wie eine Flucht vor der Inquisition, lwh: ein schrecklicher, unwahrscheinlicher Traum aus dem dunkelsten Mittelalter. Wir marschieren den ganzen Tag. Abends um fünf Uhr wird haltgemacht. Wir legen uns todmüde in unsere Decken, da heißt es „weiter". Nachts erreichen wir ein truppenerfülltes «tädtchen, werden in einer großen, leeren Schule einquartiert und erfahren jetzt, daß wir an einen anderen Flügel mußten, um Lücken schnell zu füllen, daß an unserer Stelle vor Stanislau zwei andere Brigaden eingesetzt sind, daß an eine Bedrohung von Stanislau nicht zu denken ist, ebensowenig wie an Rückzug. Wir sind sehr glücklich. Stanislau ist uns seit dem einen Tage ans Herz gewachsen . . . Im Organ der Allpolen „Slowo Polskie", Nr. 122, vom 14. März 1915, Morgenblatt, lesen wir an leitender Stelle unter der Ueberschrist „Stanislau" folgende charakteristische Stellen: Als die einruckende österreichische Armee in den Straßelt erschien, rief sie einen ungeheuren Auflauf der Zivilbevölkerung, hauptsächlich der I u d e n, hervor. Bon der Straße, von den Fenstern und voll den Dächern wollten die Rufe: „Hoch, Oesterreich!", „Elfen, hoch!" kein Ende nehmen; nirgends hörte man einen polnischen Ruf. Wenn sich in der Manisestauteumeuge ein Christ verirrte, verschmolz er in der Masse, die sich des Jargons oder der Sprache der oberen Donau und der Spree bediente." Die österreichische Armee verließ Stanislau am 2. Mürz 1915. Im Morgengrauen des nächsten Tages rückten Kosakenpatrouillen ein. Vor der militärischen Evakuierung erfolgte jedoch die Evakuierung der Stadt von der jüdischen Bevölkerung. Es fällt schwer, die Stimmung zu ergründen, die die Massenemigration vott mehr als der Hälfte der jüdischen Bevölkerung Stanilaus verursachte. Tatsache ist jedoch, daß man gegenwärtig fast keine Juden in den Straßen sieht. Während Wochenschrift ^eite m meines zweitägigen Aufenthaltes sah ich kaum ein Dutzend." „Der Exodus der Juden machte auf die Einwohner, die nicht zu nomadisieren beabsichtigten, einen überaus peinlichert Eindruck. Durch die Straßen in der Rich tung von Nadworna und Kolomea schleppten sich Fuhr werke, mit Betren und Flüchtlingen beladen, zogett galt,;. Massen von Familien, die auf gebeugtem Ruckes: ihr ganzes Hab und Gut forttrugen, der und der ander, taufte einen Wagen und zog darauf seine Bagagen e i n Stöhn e u u n d W einen begleit e t e die W a u d e r u n g di e s e s Volk s st a nt nt e s, welche r hinter die österreichische Armee einherzog und die schwer? Erfahrung machen mußte, daß nach der Freude o,\ bir teres Weinen kommt. Es genügt, zu erwähnen, daß kann, ein geringer Teil der Juden in der Stadt zurückblieb, und die waren zufrieden, daß sie im Augenblicke de.- Rückzuges der österreichischen Armee ihren gesunden Ver stand nicht verloren haben. I n s o l g e d e r M a s s e it c m igration d e r I u d e n e r st a r b in der Stad: Handel und Straßenverkehr, matt sieht keim. Droschke in den Straßen." Juden in der engkischen Ärmee. Aus London schreibt man der Kopellhage>ler „Jü dischen Votkszeitnng": lieber 25.000 Juden befinden sich in der eugAschen Armee. Diese Tatsache wird vou Rabbi Herz und Rabbi Adler, die vor kurzem vont bei gischen Kriegsschauplatz zurückgekehrt sind, sowie auch vom englischen Kriegsminister bestätigt. An der Front befinden sich jetzt nicht, weniger als 20.OM Inden und in den militärischen Lagern in England selbst nicht mehr als 5000 jüdische Soldaten. Wenn matt in Betracht zielst, daß es in England im ganzen 220.000 Juden gib', so stehen jetzt 10 Prozent der gesamten jüdischen Be völkernng Englands unter Waffen, eine verhältttismäßig sehr große Fahl. Ueberall gibt man zu, das; die Inden großett Patriotismus an den Tag legen. Sie waren die ersten, die dem Kriegsruf Folge geleistet haben. Auf ben Schlachtfeldern bewiesen sie seltenen Opfermut. ,Hein englischer Soldat hat bis jetzt mehr Tapferkeit und Fähig keit bewiesen als der jüdische", war die Meinung, die French öffentlich sagte. Im englischen Kriegsministerium und überall erkennt man die Ergebenheit und Opferwil ligkeit der jüdischen Soldaten an. Die Rabbis H e r z und Adler stellten eine spezielle Untersuchung an und organisierten die jüdische!! Solda'en, um für sie spezielle > Gottesdienste abzuhalten. Auf diese Weise wurde Jeu au festgestellt, wie viel Soldatert in der englischert Armee dienen. Unter den südischeu Soldaten und Offizieren befinden sich Vertreter aller Schichten des englischen In denlums, von den reichsten bis zu den ärmsten: viele Söhne von Rabbinern find schon gefallen. Die jüdischen Aristokratert, rvie die Fauiilie Rothschild und andere, schickten ihre Söhne in die Armee. Eine interessante Tat fache meldet der bekannte jüdische Schriftsteller Fangwill, daß 10 Prozent der Fuaven laus Algier' Juden feien. Korrespondenzen. Was können unsere Kinder für die Armen Palästinas leisten'? Jedes, g meinnützige öffentliche Uttternehmen darf aus anhaltende gedeihliche Entwicklung vvn dem Augenblicke an rechnen, in dem es ihm gelingt, in den Herzen der Kinder Wurzeln zu scklagen. Was einmal über die Saiten der Kindesseele, weihevoll sie rührend, gestrichen ist, das wird noch im Herzen des Greises Anklang finden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.