Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 40 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 746 Nr. 40 Dr. Bloch's Wochenschrift Karlsruhe. Arthur Hahn erhielt die silberne Badische Verdienstmedaille, die militärische Karl Friedrich-Verdienstmedaille. Frankfurt a. M. Die Hessische Tapferkeitsmedaille erhielt Leopold Feist (R.d.E.K.). Dresden. Das Ritterkreuz 1. Kl. des Sächsischen Albrechtsordens erhielt Bankdirektor, Kommerzienrat Mar Frank. Frankfurt a. M. Die Rote Kreuzmedaille erhielten Dr. Richard S e l i g m a n n; Dr. Theodor Rothschild; Alfred Mayer; Hermann Marx; Moritz Simon; sämtliche Krank.npfleger des Vereinslazarettzuges M. Oftrowo. Die Rote Kreuzmedaille 3. Klasse erhielten Heymann Jaskuliewicz und Bruno Schwarz, Krankenträger auf dem östlichen Kriegsschauplätze. Münchweiler (Pfalz). Das Bayerische Militär-Verdienstkreuz 3. Klasse erhielt D. Beitmann, Kaufmann. UussengreueL in der Bukowina. Aus dem Kriegspresscquartier wird gemeldet: Amtliche Berichte aus der Bukowina melden neuerliche russische Greueltaten. Bei ihrem letzten Vorstoß über den galizischen Sereth haben die Russen in Tluste neun Juden, darunter den 90 Jahre alten Breche r, grundlos mißhandelt und sodann ausgehängt. In der Nähe von Z'aleszczyki wurden der dortige jüdische Gutspächter Rubel und sein Sohn von russischen Soldaten ermordet. Drei andere Juden, darunter ein Gutsverwalter und Aufseher der Herrschaft C y r a w k a, wurden erschossen. In Bojan haben russische Soldaten die 30jährigc Lea Lehr in ein Haus hineingeschleppt, sie dort nach Schlägereien unter furchtbaren Martern vergewaltigt und hernach das Haus angezündet, so daß das arme Geschöpf darinnen verbrannte. Die Not der galizischen Juden in Siöirien. Die Not der galizischen Juden in Sibirien ist unbeschreiblich groß. Dem „Djen" zufolge hat die jüdische Gemeinde in Toinsk eine Bittschrift an das Jrkutsker Hilfskomitee gesandt, die wie nachstehend lautet: „Es leben hier nicht Hunderte, sondern Tausende von Judeil, die man auf administrativem Wege aus Galizien und Russisch-Polen vertrieben hat, und die bis zum 'Kriegsende hier interniert bleiben. Die größte Zahl dieser Unglücklichen sind mittellos, ohne Hoffnung, etwas aus ihrer Heimat zu erhalten. Nach langer Reise halb bekleidet und halb beschuht in Tomsk angekommen, mit der Verzweiflung im Herzen und flehenden Bitten um Hilfe auf den Lippen Ihäben diese Tausende Toinsk passiert. Was konnten wir mit unseren kleinen Mitteln tun? Man müßte viele tausend Rubel haben, wir haben kaum Hunderte. Unbefriedigt mußten wir sie weiterziehen lassen, kaum daß wir ihnen die nötige Wäsche für eine Woche verschaffen konnten. Diese Tausende von Unglücklichen flehen um Hilfe. Es kommt der strenge sibirische Winter, und sie haben nichts, womit sie sich nachts bedecken können." Ahasver. Herr Dr. W. Strifower schreibt d^r „Neuen Freien Presse": Es war letzthin, bei unserem Vormarsch in Ostgalizien. Wir hielten vor dem Dorfe Z., das noch von starker russischer Vorhut besetzt war. Die Batterie sollte eine Stellung auf den Höhen westlich von Z. beziehen. Ich erhielt den Befehl, die gegen diesen Ort führenden Wege zu rekognoszieren. Da es bereits zu dunkeln anfing, trieb ich das Pferd zur Eile an, und war nach anderthalb Stunden auf dem Rückweg begriffen, als hinter einem Stratzenknie laute Hilferufe hörbar wurden. Ich galoppierte zur Biegung heran und blickte plötzlich auf ein mit armseligen Wohngeräten beladenes Fuhrwerk, das sich in Kot und Dunkelheit mühsam den Weg bahnte. Ein alter Jude trieb unausgesetzt das magere, keuchende Pferd an; eine Frau stützte mit der einen Hand den Wagen, während sie mit der anderen mit aller Gewalt ein junges Mädchen festzuhalten versuchte. Das Mädchen tobte und schlug mit den Armen um sich und weinte jenes seelenlose, tränenlose Weinen, das den Irrsinnigen eigen. Sein Widerstand wurde noch heftiger, als es mich erblickt hatte; es ritz sich los und schrie und jammerte mich an: „Nehmen Sie mich mit! Ich bitt' Sie ... ich bitt' Sie, retten Sie mich! Nehmen Sie mich aufs Pferd mit!" Auf meine Frage erzählte mir der Alte mit hastigen Worten, er sei aus Z., und dies fei seine Tochter Zipre, welche Kosaken geschändet hätten und die darüber irrsinnig geworden sei. Es wäre ihm endlich bei der Verwirrung, die jetzt bei den Russen herrsche, gelungen, die Flucht zu ergreifen, und nun führe er sein krankes Kind mit Gewalt fort, da es in seinem Irrsinn sich von den Russen entführt wähnt und nach Z. zurück will. Ich hatte wenig Zeit zu verlieren. Nachdem ich mich also mit einigen Fragen von der Richtigkeit dieser Erzählung überzeugt und über dir mulmatzlich: Stärke der feindlichen Nachhut informiert hatte, gab ich meinem Pferde die Sporen und ritt davon. Spät abends fand ich zur Batterie heim. In der Nacht gab's nur Vorpostengeplänkel. Auch die Artillerie hatte noch nicht eingegriffen und so blieb Z. noch in russischem Besitz. Zeitlich früh mutzte ich als Aufklärer in die Schwarmlinie und bald war über der Aufgabe, die meiner harrte, und dem strahlend schönen Herbsttag das peinliche Erlebnis von gestern vergessen. Golden hob sich vom Stahlblau des frühen Morgens das vergilbte Grün ab, und wie ein Nachglanz der Sommertage und eine Vorahnung des Winters strich eine laue, aber schon kühlende Luft über F:ld und Acker. . . ."■ Sie gehen zurück 2 Das als Russennummer erschienene Heft der „Front" (der Kriegsausgabe von „Licht und Schatten") bringt u. a. einen Feldpostbrief von F. W. Schmidt, der unterm 7. Juni einen „Abmarsch von Stanislau" (in Galizien) schildert. Der Verfasser erzählt: „Wir hatten das Glück, in die Stadt hinein zu dürfen, weil wir unser Telephon legen mutzten, ^ie Batterie blieb streng bewacht vor der Stadt. Auf dem Rathausturm hatten wir unseren Mcobachterstand. Es war zum erstenmal, datz wir Leitung durch eine Stadt legten. Wir kletterten auf Balkons und Haustürsimse, aus allen Fenstern von eifrigen Mädchenhänden unterstützt. Die Stadt war von einer ungeheuren Freude erfüllt. Man hielt uns an, man beglückwünschte uns, man erzählte, was an Schrecklichem die Tage der Russen gebracht hatten . . . Kurz nach Tisch ^wurden wir auf der Stratze angehälten. Ein junges - Mädchen ' in Trauer' und ihre Mutter: „'Ist Das wahr, Sie gehen zurück?" Tränen, geradezu versteinerte Angst in den Gesichtern. Sofort stehen drei, vier, zehn Leute um uns herum, Herren, Damen, alle elegant, alles Juden, alle in tödlicher Aufregung. Wir .sind sprachlos, wir lachen — „Ja, ja, sie gehen zurück, da sehen Sie, die Kolonnen fahren ja in entgegengesetzter Richtung, und da hinten, die Dragoner . . ." Wir beruhigen, sind selbst erstaunt, machen uns frei, gehen weiter — eine Kolonne nach der anderen fährt in der Richtung Kalusz zurück, jetzt Infanterie, die Divisions-Telegraphenleitung wird ausgenommen — wir sind schon wieder angehalten, umlagert: „Herr Korporal, bitte, sagen Sie, o bitte, verheimlichen Sie uns nichts, was ist geschehen?" Die - Erregung wogt, ungezählte Augen sehen uns an. Ein eleganter Herr stellt sich vor: „Ich sehe, Sie sind Akademiker, ich bitte Sie bei Ihrem Ehrenwort, es gilt mir, um meine Familie, sagen Sie die Wahrheit. Ich habe bis vorgestern im Gefängnis gesessen, mein Bruder ist von den Russen mitgenommen, mein Vater geschlagen, völlig beraubt. Wenn Sie gurückgehen, müss.n wir mit," wir hatten heute für Sie beflaggt; sind die Russen da, dann werden wir alle erschossen — —" Ich kann nichts sagen, ich weitz nichts, der Mann verfolgt mich, wir gehen zurück, immer durch fragende Gesichter, die Stadt ist plötzlich verwandelt, sie ist schweigsam, verängstigt, i n, , sagt der Franzose. Wir sehen zugleich, datz autzer den ziehenden Truppen kein Militär mehr rumläuft, wir gehen eiligst zum Beobachterstand und finden den Befehl: „Leitung aufnehmen, Batterie ist zurückgezogen." Unten steht wieder der Herr, er hat gewartet. Wir zucken die Achseln. Er fleht: ,,Ein Wort! Raten Sie mir, es geht um meine Familie, sollen wir flüchten?." Cr erzählt fieberhaft: „Sehen Sie den Herrn dort, er ist Eymnasialdirektor, hat gehn Monate gefangen gesessen, sein kleiner Sohn, elf Jahre, ist in Sibirien. Sein älterer Sohn erhängt, sehen Sie die Dame da, ihr Mann in Sibirien, schwer reiche Leute, jetzt haben sie nicht mehr, als was sie am Leibe tragen." Eine elegante Frau kommt mit zwei Kindern: „Herr Korporal, Sie nehmen den Draht auf, mein Gott, Sie gehen zurück, sagen Sie, sagen Sie! Ich bin die Frau e'nes Offiziers, eines deutschen Offiziers, ich mützte fort, ich habe einen Spion angezcigt, um Gottes willen, sagen Sie —" Ueberall Gruppen in Tränen, österreichische Soldaten, die düster vorbeiziehen, eiw paar von ihnen weinen. Wir geben grobe Antworten, sind wütend, beruhigen, lachen, je nachdem.