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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-09-28 · 39 (28.9.1915) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
39 (28.9.1915)
Date
1915-09-28
Page
– (sequence 20)
Language
German
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E eite 732 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 36 Samüor. Ueber Einschreiten des Oberrabbiners kais. Rates Aron Lew in hat das k. u. k. Militärstationskommando der hier garnisonierenden jüdischen Mannschaft während der hohen Feiertage in bereitlvilligster Weise Dienstfreiheit gewährt. Auf Anordnung des Oberrabbiners wurden auch — uni den. jüdischen Soldaten die Teilnahme an den Festgottesdiensten zu ermöglichen — in allen Bethäusern spezielle Sitzreihen für dieselben reserviert. Besonders zahlreich jedoch gruppierten sich die jüdischen Soldaten in der Hauptsynagoge, wo ihnen auch der Oberrabbiner in.seiner üblichen Neujahrsansprache wanne Worte der Zuversicht und der Ermunterung widmete, die auf die^ überaus zahlreichen Andächtigen tiefen Eindruck machten. — Aus Veranlassung des Oberrabbiners kais. Rates Lew in bildete sich auch aus der Mitte der Gemeindemitglieder unter dessen Vorsitz ein Komitee, das sich zur Ausgabe machte, 'den jüdischen Soldaten während der hohen Jeiertage rituelle Kost zu verabreichen. Ueber 450 jüdische Soldaten wurden während der Neujahrstage und des darauffolgenden Samstags rituell bespeist. Auch für die rituelle Verpflegung am Vortage des Versöhnungstages wurde gesorgt. Bei dieser Aktion stand dem Oberrabbiner tatkräftig zur Seite der Präsident der hiesigen isr. Kultusgemeinde Herr Meilech Goldberg, der sich viel Mühe um das Gelingen der guten Sache gab. Wer weiß? Infanterist Samuel Silberstein vom 28. Landwehr-Infanterieregiment aus Krakau, derzeit in Pflege im Vereins-Reservespital Nr. 11 in Wien, 2. Bez., -Malzgasse 7, sucht seine Mutter Rosalie Silberstein aus Krakau, Breitegasse Nr. 18. Feuilleton. „Feiertage im Felde.“ „Aus Briefen“ des Feldrabbiners Dr. Sicher mitgeteilt von Dr. Rosenmann in Mähr. Schönberg. (Fortsetzung.) Nach einigen Nachtfahrten, welche in dem berüchtigten Terrain für Mannschaft und Pferde gleich qualvoll waren, kamen wir am Freitag, 25. September, am Vorabend des Sabbat Teschüba in Zabno an und wurden in der Baron Hirsch-Schule und deren Umgebung einquartiert. Ich bewohnte ein Zimmer eines Herrn 8alp, welches auf 'Wohlhabenheit und dabei gut jüdischen Sinn des Besitzers deutete, denn alles in der Wohnung war gediegen, nichts ordinäres, wenn man auch allerdings die Spuren des Kampfgebietes deutlich merkte. Die verängstigten armen Juden in Zabno — die reichen, so erzählten sie vorwurfsvoll, waren geflüchtet — zitterten vor den Russen und jammerten, sie würden von ihnen erschlagen werden. Das Neujahrsfest hätten sie auch nicht vorschriftsmäßig feiern können, denn die Kriegsnot forderte die Straßenarbeiten am heiligen Festtage. Ein überaus mannigfaltiges, interessantes Bild, bot sich durch die riesigen Trains, welche alle die Aufgabe hatten, den Dunajec zu überschreiten, ‘um die Brücke später abzunehmen. In jedem Falle betrachtete ich es als meine heiligste Pflicht, bezüglich des herannahenden Jom Kippur etwas zu veranlassen. Glücklicherweise war fast die ganze Division in und um Zabno kantoniert und so hatte ich nicht weit zum Kommandanten. Der schneidige General, an welchem die Mannschaft als echtem Soldaten noch heute mit Verehrung hängt, sagte mir: „Wenn kantoniert wird, können die Soldaten beten, nicht aber wenn gekämpft wird. Im Kriege jgibts keine Feiertage, da heißt es den Feind schlagen!“ Hin Herr des Generalstabes sagte mir sodann, auf Se. Exzellenz hätte das schriftliche Ansuchen, durch welches ich mich um meine Soldaten bezüglich der Feiertage kümmere, einen sehr angenehmen Eindruck gemacht. Der Generalstäbler sei selbst ein über-. zeugter Katholik, darum fühle er auch den anderen Konfessionen ihre religiösen Bedürfnisse lebhaft nach. So wurde auch der Zusatz zum Divisionskommandobefehl gemacht: Die israelitische Mannschaft hat, wenn sich dieselbe am 29. und 30. September in Kantonage befindet, einem Gottesdienste nach Anordnung des Feldrabbiners Dr. Sicher beizuwohnen. Dabei spendete jener Herr den Juden wegen der vielen jüdischen Soldaten, Fähnrichen etc. der Division, die sich ausgezeichnet hatten, das höchste Lob. Um 4 Uhr früh marschierten wir wiederum auf einem Terrain weiter, welches so voizüglicli war, daß einer unserer schweren Packwagen einfach in seiner Mitte auseinanderflog. Den „Buße“- sabbat verbrachte ich betend und schlafend im netten Stüblein einer alten Schweinehirtin auf einem Meierhofe eines Barons in Borzencyn. Abends saß ich mit den übrigen Offizieren und Aerzten in dem kühlen, großen Saale des Herrn Barons und seines Sohnes beim Tee, wo wir, da wir nicht mehr weit von Krakau waren, herumrieten, wohin Wir eigentlich marschieren. Als ich sagte, ich hätte 'gehört, daß wir nach Rußland gehen, lehnten die Herren die Vermutung ab. Aber um 3 Uhr nachts wurden wir allarmiert, und zwar nordwärts, also doch wieder nach Russisch-Polen. Es gab wiederum einen hochinteressanten Anblick, da die mannigfachen Trains, Geschütze, Munitionswagen auf der elastischen Pontonbrücke über die "Weichsel nach Rußland hinüberpolterten. "Wir überfuhren Riesenwiesen, dann knisterten die "Wagen aufwärts. Ein nebliger, kühl-windiger Tag mit fahl-grauem Himmel war dieser unser erste Tag auf wiederum russischen Boden. Hier erfuhren wir aus alten Zeitungen die uns betrübende Nachricht, daß der vorzügliche und aufopfernde Wiener Arzt eines unserer Hilfsplätze, Doktor Grünfeld, der vor einigen Wochen als Ruhrkranker von uns sich verabschiedet hatte, voll Ueberzeugung, daß er uns bald wieder sehen werde, sein Ziel — Wien — gar nicht erreicht habe. Wir kamen vorerst in ein kleines Städtchen Koszyce. Die Freude der Juden dort über meine Ankunft war herzlich, wie sie denn überaus die Freude über die Ankunft unserer Soldaten nicht verbargen. Sie luden mich ein, boten mir gute Wohnung, Lektüre, Tee, Verköstigung in der ehrerbietigsten Weise an. Wir durchfuhren aber nur das Städtchen, so konnte ich mich nur bei einem Kaufmanne eine Viertelstunde aufhalten, um dann mit dem Stück Bratfleisch und Weißbrot, für welches er durchaus nichts annahm, in der Hand, im Galopp unsere Wagen einzuholen. Ich fand die Juden dieser Gegend als Viel besser, wohlhabender und sauberer als die in der Gegend von Krasnik und Zaklykow. Es war für einen warmfühlenden Juden erquickend, nach den Bildern voll tiefster Tragik, die man vom Flüchten der Juden vor den Russen in Galizien mitgenommen, hier zu sehen, wie die Juden voll Zuversicht unserem Militär entgegensahen. Hier brachte auch unser Oberleutnant vom Korpskommando einige Hundert Kriegsgebetbüchlein, die das Kriegsministerium geschickt, und die von der Wiener Kultusgemeinde verlegt waren. Die Nacht verbrachten wir auf einer Wiese vor dem Gemieindehüuse irgend eines Dorfes, Dobie Slawice, woselbst wir ein äußerst seltenes Getränk — Bier — mit großer Feierlichkeit einnalimen, kamen am zweiten Tage in Kazmierz Welka an, wo 'wir in einer prächtigen Zuckerfabrik lagerten. Auch hier hatten die Juden eine herzliche Freude und kamen mich besuchen. Ich hörte, wie oft früher, auch hier von den Juden die Ansicht, daß sie viel lieber unter österreichischer Herrschaft wären, obwohl sie ökonomisch sich in Rußland gut stünden. Von unserem Kaiser sprachen sie natürlich wie die Juden auf 'der ganzen Welt Voll Liebe und Verehrung. Ein gewiß nicht wohlhabender Feldscher (Barbier und Wundarzt) ehrte mich mit einem vorzüglichen Mittagessen und nahm um keinen Preis etwas an. Alle bedauerten, daß wir den Jom Kippur, der morgen abends anfängt, nicht mit ihnen feiern können. Am Jom-Kippur wurde gekämpft. So konnten wir von der Wohltat unseres Divisionskommandobefehles keinen Gebrauch machen. Am 29. September, Erew Jom Kippur, fuhrenwir zeitlich ab und landeten nachmittags in einer elenden Gegend. Die Herren unserer Sanitätsanstalt wurden in den netten Zimmern des Meierhofes Cizlice. der liier dominierte, einquartiert. Ich fragte den jungen polnischen Besitzer oder Verwalter1, ob er nicht ein Zimmer für einen Gottesdienst frei hätte, da wir den höchsten Feiertag heute abends begehen. Er antwortete mit dem hier üblichen „niema“. Da reagierte ich nicht mehr und ging daran, in der Wohnung, wenn es diesen Namen verdient!, des einzigen Juden, der zirka eine Viertelstunde unterhalb des Meierhofes hauste, einen Gottesdienst zu etablieren. Er war einer jener arnri seligen Wichte), die als Pächter, zumeist Milchpächter des Meierhofesi, in Dörfern und Einöden vegetieren dürfen. Die Stube war elend. Ein Stall in Westösterreich sieht eleganter aus. Der Jude samt seiner Gattin — (das Paar sah eigentlich Juden gar nicht ähnlich — war ein 'Bild total verbauerter und ungebildeter Menschen. Ich merkte ihm nicht einmal die rechte Freude an, die ich erwartet hätte, über das unvermutete Minjanf, daß ihm an einem so heiligen Tage in solch’ bedrohlichen Zeiten ins Haus geflogen kam. Vor mir schien er sogar einen ängstlichen Respekt zu haben, zumal

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