Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 39 (28.9.1915)
- Date
- 1915-09-28
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 733 er mein Deutsch nicht recht verstand. Der arme Mensch gab uns zu essen, was er besaß: Erdäpfel, ein wenig Suppe im Glas), Gerstel, Tee. Widerwillig aß ich etwas und kaute an einem vertrockneten Gansknochen, den ich von Kazmiecz- Welka noch hatte. Von Reinlichkeit konnte nicht viel die Rede sein. Mich wollte der Hausherr mehr als die übrigen Soldaten ehren, indem er für mich ein Resteck herauskramte, allerdings aus verrostetem Blech. Da beschloß ich, lieber mit dem Rasten schon am Vorabend anzufangen und das widerwillige Herumkauen an den wenig kulinarischen Genüssen aufzugeben. Minjan, ein allerdings knappes, hatten wir. Der äußerst vornehme Kommandant der Landwehrbrigade, Generalmajor v. U., hatte seinen beiden jüdischen Ordonnan; jn Urlaub über Jom Kippur gegeben, damit sie an unserem Gottesdienste teilnehmen können. Nachdem die Frömmsten unter den Soldaten Tefilo Sakko und andere Gebete heruntergemurmelt hatten, befahl ich die Stube wenigstens ein wenig auszukehren und die Hühner hinauszuexpedieren. Dann begann unser Vorbeter vom Neujahrstage Kol Nidre mit den üblichen ojojoj dowdowdow-Melodien zu singen. Die Hausfrau fiel wie auf Kommando mit einem ungeheuren Heulen ein. Die Kinder, die die Mutter schreien hörten, folgten im Jammern. Aber auch die Mehrzahl der Soldaten weinte. Den gedämpft schluchzenden Männern liefen helle Tränen über die Backen. Sie mochten auch an ihre Lieben daheim gedacht haben. Vor Borechu hielt ich eine kurze Ansprache an die Soldaten, wobei ich vom Weibe mehrmals unterbrochen wurde. Abwechselnd, trotz alles Hinaustreibens, besuchten uns Hund, Katze und Hühner. Sie betrachteten sich hier bodenständiger als uns. Das sahen wir schließlich ein und gaben das Hinaustreiben auf. Im Ganzen und Großen war aber doch die Stimmung eine sehr ernste, der Situation und dem Tage entsprechend. Die Mannschaft schlief teilweise bei dem Juden,—wo und wie, ist mir ein Rätsel—und in einigen Stallungen. Da ich weder in Stimmung war, in den Meierhof mich unterhalten zu gehen, noch der Weg zu Nachtzeiten hinauf bequem war, schlief ich mit dem bewaffneten Diener, außer der Lagerwache, der einzige auf der Wiese, wo nachts vorher Kosaken waren, im Blessiertenwagen. Gegen 7 Uhr früh wurden wir allarmiert. Obwohl ich es vom rituellen Standpunkte als richtiger befunden hätte, im Wagen in dem ich geschlafen hätte, auch während der Fahrt zu bleiben, stieg ich doch mit Rücksicht auf clie am Jom Kippur marschierende jüdische Mannschaft ab und legte mit ihr den II Kilometer langen Marsch auf entsetzlichen Wegen und über Hügel ab. Nach fünf Stunden anstrengendem Marschierens kamen wir wieder zu einem Meierhoie, namens Terezov, an welchem ein Forsthaus angeschlossen war. Auch hier entdeckten wir einen jüdischen Pächter, eine ziemlich bessere Ausgabe des gestrigen. Mit ihm teilte er auch die hier charakteristische Riesenangst vor dem Goj\ Denn als ich den gestrigen bat, er möge der armsöligen Häuslerin, die seine Lehmhütte teilte, sagen, sie möge mir mit einem Fetzen die in Kot versunkenen Schuhe abwischen, versetzte er diese Bitte ins Reich der Unmöglichkeit, weil heute „der letzte Goj a größerer Poriz ist, wie der erste Jüd“ in Rußland; In der ersten Nachmittagsstunde wollten wir uns wieder als Minjan konstituieren, da hatte der Wachtmeister unserem frommen Vorbeter die Pferde zu putzen befohlen. So verrann wieder eine Stunde, bevor ich zum Forsthause hinaufkam, wo der Stabsarzt den Wachtmeister holte und den Soldaten selbstverständlich vom Dienste enthob, so daß ich ihn vom Stalle, wo er die Füße der Pferde heftig bearbeitete, zum Vorbetertisch abholte. Es war 1 Uhr nachmittags, da wir unseren Gottesdienst mit Thoravorlesen begannen. Unsere Betstube war ein wenig besser als die gestrige. Nichtsdestoweniger stank es dort wegen eines angrenzenden Alkovens mit wer weiß was für Inhalt und eines kleinen Kindes ganz tüchtig. Das Kätzlein lief ziemlich regelmäßig über das Machsor des Vorbeters. Dagegen besuchten uns Hund und Hühner heute nur vorübergehend. So beteten wir in der stickigen Luft der niedrigen Stube ununterbrochen in mich wenig ansprechenden Weisen — ich betete Neila vor —■ bis zum Ausgang des heiligsten Tages, den das Judentum besitzt. Auch unsere Mahlzeit nach dem Fasten war keine fürstliche: ein wenig Kartoffel, Aepfel, saure Milch, Tee, schwarzer Kaffee. Das Fasten war trotzdem sehr leicht überwunden. Eher spürte man die vom Vormittagsmarsche herrührende Müdigkeit aller Glieder. Dafür gab es am Tage nach Jom Kippur eine angenehme Abwechslung in dem Städtchen Bosk, das ein nettes russisches Militärspital besitzt. Dort übernachtete ich bei lieben, gastfreundlichen, auch jüdisches Wissen nebst Vermögen besitzenden Leuten, und zwar königlich, denn ich schlief in einem veritablen Bette mit Seidendecke!!! Einfach glänzend! Ich konnte mich nicht satt freuen. Dort las ich auch die russische Jargonzeitung »Hajnt«. die natürlich unsere Kriegsoperationen von ihrem Standpunkte beleuchtete und außerdem recht viel Blödsinn über Oesterreich und Deutschland enthielt. Die Leute fragten eifrig und ließen sich gerne von meiner Tätigkeit, besonders an Hilfs- und Verbandplätzen erzählen. Während der bisherigen jüdischen Feiertage war unsere Sanitätsanstalt aber nicht etabliert, sondern wir waren ununterbrochen in Marschformation, in welcher die Verwundeten in geringem Maße aufgenommen werden. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Synagoge» vom XI. bis Anfang des XIX. Jahrhunderts (Deutsche, böhmische und polnische) von Prof. Dr.-Jng. Alfred Grotte. Mit 24 Tafeln und 60 Abbildungen. Verlag: „Der Zirkel", Architektur-Verlag, G. M. b. H., Berlin, W. 66. Preis Mk. 5.—. Was über diesen Gegenstand bis jetzt geschrieben wurde, ist meist in Gestalt kleiner Aufsätze erschienen, meistens von Laien, Theologen. RunstschriftftG ern herrsch end, verstreut in jüdischen Zeitschriften, vielfach in polnischer Sprache. Die Betei igung von Architekten an diesen Forschungen kam über gewisse Ansätze nicht hinaus,' auch diese wertvollen Arbeiten blieben bezüglich der behandelten Gebiete räumlich, bezw. zeitlich beschränkt. Nicht weniger als 37 alte Synagogen hak der Verfasser ganz oder — soweit es interessant erschien — teilweise aufgemessen; im Terte selbst sind 151 alte Synagogen behandelt, die sich auf 142 Orte beziehen. Er hat dieses Material gesichtet, in Gruppen geteilt und die Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen, die vielfach örtlich und ziilich auseinanderliegen, zu ergründen gesucht, architektonisch sowohl als auch historisch. Jn 24 Tafeln und 60 Handskizzen bezw. Photographien ist das aufgenommene Material dargestellt: es wird dem Architekten sowohl wie dem Kunsthistoriker viel Neues und Interessantes bieten: nicht minder den Theologen aller Bekenntnisse, die hier Aufklärung für manche Wechselbeziehungen in Kult und Sakralbau finden dürften. Einen besonderen Wert erhält die Arbeit dadurch, das; infolge der Rriegsereignisse manches aufgenommene Objekt jetzt vernichtet sein dürfte. So haben die Aufnahmen aus den Ortschaften des Lemberger Bezirkes heute vielleicht nur noch historisches Interesse; gerade diese aber zeigen die bisher kaum gewürdigte spezifisch alt-jüdische Runst in ihrer mindestens beachtenswerten Malerei und Ornamentik. Die in den „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde" veröffentlichten Arbeiten über polnische Holzsynagogen, über Ezieschowa, Rurnik usw., sowie Grunwalds Aufsatz: „Wie baut man Synagogen?" (,,AUg. Zeitung des Judentums". 1901) find fleißig benützt. Der Aufsatz von S. Rraus über die gäliläifchen Synagogen hat dem Verfasser noch nicht Vorgelegen, ebensowenig das Prachtwerk über die neue Essener Synagoge. Eine wichtige Ergänzung dürfte in kurzem die Arbeit B r e i n e r s über die polnischen Holzsynagogen bringen. Ebenso lehrreich, wie diese Veröffentlichung, ist desselben Verfassers Studie „Ein neues Synagogen-Bauprogramm in „Die Rirche", Heft 5, 1915 (Verlag A Ziemfen, Wittenberg). Die Wiener Gemeinde, die sich ja längst mit dem Plan eines Synagogenbaues im ersten Bezirke trügt, wird aus dieser Literatur manchen wertvollen Wink schöpfen können. N. Reden aus ernster Zeit von Rabbiner Dr. M. L e w i n in Wreschen (1915). Der Autor des Werkes „Aramäische Sprichwörter" und bekannte Mitarbeiter des „Israelit" bietet in den vorliegenden neun Rriegspredigten ein Bild seiner rabbinischen Tätigkeit. Wer die allwöchentlichen aktuellen Aufsätze Dr. Lewins im „Israelit" der letzten Monate gelesen, dem wird es nicht entgangen fein, daß es dem Verfasser gelungen ist, sich weit über die Grenzen seines engeren Wirkungskreises einen treuen Anhang zu schaffen. Denn eine große Gemeinde von Lesern hält erwartungsvoll auf sein geschriebenes Wort den Blick gerichtet. Hier aber zeigt der Schriftsteller, daß er auch ein Redner ist. Jn glänzender Beredsamkeit kündet er seiner lauschenden Gemeinde zu Beginn des gewaltigen Rrieges: Wie im Leben der Völker das eherne Sittengesetz Gottes die Herrschaft übt (e-ab. Ekew); wie der alte Gott den Frevelmut der Völker vor seinen Richterthron fordert (zur Jahreswende); wie der Ewige die Enden der Erde, aber auch jeden Einzelnen durch Lohn und Strafe richtet (zum 1. Neujahrstag): wie der Tag des Herrn anbrechen mutz, der Tag des Lichts und Heils (zum 2. Neujahrstag): wie Gott es ist, der mit uns geht, um gegen -unsere Feinde;u kämpfen (Rolnidre); wie wir ringen sollen nach dem Lichte, bis der Sieg unser Mühen krönt (z. Jomk.); wie unser Glaubensbekenntnis zur Betätigung des Judentums verpflichtet (Neila); wie die von der Religion gebotene Festesfreude jeden Rrämergeist verbannt (Hüttenfest) : und endlich wie wir dem Himmel zu danken haben für das Manna, das er uns im sabbatlichen Monat herniedersendet (Schlutzf.). — An einer Stelle ruft Lew in aus: „Zu uns, ach, redet kein Priester mehr — aber das Priesterwort ist uns geblieben!" Und wirklich, tadellos führt er selbst dieses Priesterwort. Wer