Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 39 (28.9.1915)
- Date
- 1915-09-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 724 Dr. Bloch's Wschenschrist Nr. 39 bis zum Eintritte ruhigerer Zeiten die Erfolge unserer Tätigkeit in vollstem Maße zeigen werden; viele unserer Schützlinge werden mittlerweile ihre Lehrzeit unter der schützenden Obhut des Vorstandes trotz Krieg und Not glücklich überdauert haben und frohgemut an die Gründung ihrer Selbständigkeit schreiten können. Lina Weiß. Bitte, nur einen Rock! Nur ein Paar Stiefel! Nur ein Hemd! So hörten wir Bittrufe bei der letzten Verteilung, zu der sich zahlreiche Wiener Arme, Flüchtlinge von der italienischen Grenze, aus Galizien, der Bukowina eingefunden. Unser Vorrat war bald erschöpft. Tief traurig verließen die Bittenden, denen wir nichts geben konnten, das Vereinslokal. Voll froher Hoffnung waren sie gekommen, wenigstens zu den Feiertagen etwas zu erhalten, das sie über die große Not der Zeit .hinwegtäuscht; umsonst! Aber noch nie hat man umsonst an das gute jüdische Herz appelliert. Edle Frauen! Gedenket derer, die hungern, darben, der notwendigsten Kleidung entbehren! Gebt von Eurem Ueberfluß, was irgend entbehrlich! Würdet Ihr die Jammergestalten sehen, die sich bei uns zur Verteilung drängen, frierend in abgetragenen Sommerkleidern, die Schuhe ohne Sohlen, Ihr würdet dem Mahnruf Eures guten Herzens folgen und, ohne viel zu Werlegen, ein Paket machen und >es der B r o ck e ninmmlung für jüdische Arme (Lerchenfelderstraße 71) senden. Nächsten Dienstag um 2 Uhr findet wieder Verteilung statt. Werden Wir recht viel zum Verteilen haben? Ich skizziere einige der Bedürftigsten, die aus Hilfe rechnen, aber bei der letzten Verteilung nicht mehr bedacht werden komtten. Nie werde ich den Jammerblick eines alten Lehrers vergessen, der um einen Rock bat, da er den seinigen versetzt hatte, um für die Kinder Brot zu schaffen; der viel zu enge Rock, den er trug, gehörte einem Leidensbruder, der chn chm geliehen. Ein Kind auf dem Arme, zwei an der Hand, sehe ich eine junge Frau, deren gramverzerrte Züge eine nur zu deutliche Sprache reden. Ihr Mann ist seit Kriegsbeginn in Feindesland; ihre fünf ältesten Kinder sollen morgen eingeschult werden; „aber," gesteht sie weinend, „ich kann sie nicht zur Schule schicken, sie haben keine Kleider; vier waren Vorzugsschüler. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich sie jetzt zurückhalten muß!" Ja, wem Me das Elend dieser armen Frau nicht auch in der Seele weh? Wer, der helfen kann, würde nicht gerne helfen wollen? Solche Fälle könnte ich in endloser Zahl nennen; aber der diesen Zeilen zugemessene Raum verbietet die Auszählung. Mögen edle Menschen es uns ermöglichen, bei "der am Dienstag stattfindenden Verteilung viel Gutes zu tun! Jda Barber. Aufruf! Spendet Bücher für jüdische Kriegsgefangene! Unser Vaterland beherbergt jetzt Tausende und Abertausende unfreiwilliger Gäste aus dem Ausland, lebendige Zeugen der großen, einzig in der Weltgeschichte dastehenden Siege der verbündeten Heere. Unter all den Kriegsgefangenen befindet sich eine recht erkleckliche Zahl von Juden, von denen ein großer Teil glücklich ist, nicht mehr gegen Oesterreich kämpfen zu müssen. Diese Opfer des Zarismus verdienen in hohem Gerade unser Mitdes Zarismus verdienen in hohem Gerade unser Mitgefühl und sind berechtigt, auch unseren Opfermut m Anspruch zu nehmen. Für das physische Wohlergehen der Kriegsgefangenen wird von den zuständigen Stellen in wohlwollendster Weise gesorgt, aber an der jüdischen Oeffentlichkeit ist es, die Pflicht zu übernehmen, wenigstens die bescheidensten geistigen Bedürfnisse der jüdischen Kriegsgefangenen zu befriedigen. Die Einsamkeit und die Abgeschiedenheit vom Heißgeliebten Familienherd verursacht unseren Glaubensgenossen in der Gefangenschaft Kummer und Sorge genug und es gibt für diese schmachtenden Seelen kein besseres Heilmittel als ein gutes Buch, welches die traurige Wirklichkeit vergessen läßt. Für uns Juden, das Volk des Buches, hat stets Lektüre und durch sie angeregtes Denken den Lebensinhalt 'bedeutet. Auch die jüdischen Kriegsgefangenen sollen in guten und anregenden Büchern Trost und Erbauung finden. Unsere bisherige Tätigkeit in dieser Richtung hat uns vielfach den Beweis erbracht, wie groß und stark das Verlangen nach geistiger Nahrung bei den jüdischen Kriegsgefangenen ist. Viele Briefe voll des Dankes sind uns zugekommen. Ein jüdischer Kriegsgefangener schreibt uns: „Heute ist ein halbes Jahr seit dem Tage verflossen, an welchem ich dank Ihrer Bemühungen die erste jüdische Zeitung, die „Wiener Morgenzeitung", bekommen habe. Ich werde nie vergessen das Licht und den Trost, welche das lebendige jüdische Wort meinem jetzigen Leben gebracht hat. Ich bin also doch nicht abgeschnitten von der Welt — von meinem Volk — in so ernster Zeit — von seinen großen Sorgen und seiner großen „Freude. . . ." Wir richten daher an alle Mitfühlenden Juden die Bitte, Möglichst viele Bücher für diesen Zweck an die Adresse des Herrn Rabbiners Dr. G r u n w a l d in Wien, 2. Bezirk, Ferdinandsstraße 23, zu senden. Komitee zur Schaffung von Bibliotheken für jüdische Krieger. Aufruf! Nach mehr denn zwölf Monate.währenden unbeschreiblichen Leiden und Qualen tritt die jüdische Bevölkerung des vom Feinde fast vollständig befreiten Galizien an die gesamte Oeffentlichkeit mit der Bitte um] Hilfe heran. Von den 840.000 Juden Galiziens sind nahezu neun Zehntel vollständig zugrunde, gerichtet. Der grausame russische Bezwinger hat in seinem blinden Wahn den Juden gegenüber eine Verfolgungstaktik eingeschlagen, wie sie barbarischer nicht gedacht werden kann. Hunderte von gesunden, arbeitsamen und wohlhabenden Männern sind hingemordet worden, viele Tausende wurden sortgeschleppt, um im Jammer und Elend zu verkümmern, während ihre Frauen und Kinder obdach-. und mittellos zurückgeblieben, dem Hungertode preisgegeben sind. Hab und Gut der Juden wurde vernichtet, selbst heilige Stätten, wie Tempel und Gottesäcker, wurden nicht verschont, Thorarollen wurden zerrissen und geschändet. Ganze jüdische Gemeinden sind vom Erdboden vollständig verschwunden, die Arbeit von Jahrzehnten wird schwerlich genügen, um all die Wunden zu heilen, welche der Krieg und ein durch Haß und Versolgungswut geblendeter Feind den galizischen Juden geschlagen .hat. Der Staat wird seinen treuen, unglücklichen Bürgern seine Hilfe sicherlich nicht versagen, doch wird die in Anbetracht der unermeßlichen Not nicht hinreichen. Vor