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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-09-17 · 38 (17.9.1915) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
38 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 706 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 38 Außenwelt ist im Kampfgebiete abgebrochen. Die Frau hatte Fieberrosen der Angst vor Kosaken. Ich riet den Leuten, wie vielen anderen, wenn möglich nicht wegzulaufen, da sie nicht weit kommen können, im Straßenkote stecken bleiben, wo sie der Feind, der ihr Haus indessen vernichtet, sie einhölen kann, vor eventuellen Geschossen, wie es alle übrigen tun, sich im Keller \zu bergen. Der Mann stimmte mir bei, die verängstigte Frau floh aber am selben Tage mit den Kindern nach Radomysl. Abends machten wir Minjan im Hause. Das Zimmer wurde ein wenig gescheuert, der Tisch zwischen den zwei Betten wurde der Vorbetertisclr, auf welchen ich aus meinem Vorräte ein paar Kerzen stellte. Auch die Mannschaft der in der Nähe liegenden Stabskompagnie wollte ich zum Gebete verständigen, aber ich irrte im Wagen vergeblich auf den elenden Wegen des sumpfigen Geländes, ohne das Divisionskommando zu finden. Später tröstete ich mich, daß es sämtlicher dortiger Mannschaft aus Dienstesgründen ohnehin nicht möglich gewesen wäre zu kommen. Der Hausherr ließ für mich und für die Soldaten in Radomysl etwas Geflügel schachten. Als richtiger Trainsoldat hatte unser Vorbeter eine Baal Agolo-Stimme, mit der er verhältnismäßig gut vorbetete. Das Minjan bestand zumeist aus Sanitätssoldaten und einigen Ulanen, von denen einer kurz vorher im scharfen Patrouillenkampfe einen Kosakenleutnant gefangen nahm. Dann hielt ich eine kurze Ansprache, in der ich auf die Bibelstelle, daß Gott allein das Verborgene sieht, hinwies, da niemand am Anfänge des alten Jahres geahnt hätte, hier ein neues Jahr zu feiern, welches wie der Bote Gottes vor Josua vor uns mit geschliffenem Schwerte steht und an welches wir gleich Josua die Frage richten, ob es uns oder unseren Feinden angehören wolle. Ich segnete dann die Soldaten und setzte mich mit ihnen zur Abendmahlzeit: ein Stückchen Fisch, Huhn und Hühnersuppe. Das karge Mahl mundete;uns köstlich, denn wir erfuhren, daß wir hier zwei Tage rasten werden, also ein glückliches Neujahr im Felde. In der Nacht mochte mancher wachen, nicht nur weil er ernste Gedanken am Beginne eines neuen Jahres brütete, sondern weil die Heeresscharen der Flöhe das Lager heiß machten. Morgens beteten wir andächtig, aber ohne Machsorim und ohne Schofar. Auch der gütige Kommandant, unser Herr Stabsarzt, war zugegen. Das Mittagessen hatten die Soldaten so recht und schlecht zubereitet, wie sie konnten. Daß auch in dasselbe ein Floh einzudringen verstand, tangierte weiter nicht. Nur das schmerzte einzelne, daß der köstliche Sliwowitz, den einer in Radomysl für Geld requiriert hatte, leergetrunken war. Böse Blicke begleiteten die polnische Dienstmagd, die man verdächtigte. Abends nach' Maariw kamen Flüchtlinge aus dem Meierhofe Ruda, jammerten man hätte ihnen Heu genommen in Riesenmengen; ich' beruhigte sie mit der Gewißheit, daß sie es sicher bezahlt bekommen werden und gab ihnen einen Zettel an den mir bekannten Auditor beim Kommando. Zu meiner Verwunderung war ihnen Rosch-Haschono ziemlich gleichgültig. Denn ich hätte Mühe sie vom Notieren der ihnen wichtigen Daten abzulialten, um sie von einem christlichen Soldaten niederschreiben zu lassen. Da ich die Feiertage, zumeist die Abende, auch außerhalb des Gottesdienstes nach Dienstzulässigkeit unter der Mannschaft verlebte, lernte ich ihre Ansichten, Sorgen und "Wünsche kennen. In der Liebe zu unserem Kommandanten Dr. R., Stabsarzt, waren sie alle einig. Am zweiten Neujahrstage mußte ich selbst den gleichmütigen Vorbeter antreiben, sich kürzer zu fassen, denn es hieß, daß wir abmarschieren müssen und ich wollte nicht Mißmut im Kommando erwecken, um uns die Gunst für die kommenden Feiertage zu erhalten. Bald nach dem Gottesdienste bediente schön der fromme Vorbeter seine Pferde. Wir marschierten aber erst nachmittags ab und zwar auf entsetzlichem Terrain, so daß es kein vergnünglicher Spaziergang war. Umso angenehmer war die Kürze des Marsches, aber noch mehr die Rast in einem großen Meierhofe mit geräumigen schönen Zimmern. Hier war auch die Divisionsbäckerei einquartiert und ein Teil der Artillerie. Alle Zimmer voll Offiziere, einer von ihnen spielte prächtig Klavier und sang wunderbar dazu. Auch viel polnische Lektüre fanden wir im Bibliothekskasten. Ein einziges deutsches Buch, das ich hier fand, Wallensteins Lager und Tod, war in dieser Umgebung für mich eine besonders anziehende, aktuelle Lektüre. Auch vom Hause erhielt ich Nachrichten, die sich während einiger Tage in der Feldpost aufgestaut hatten, Zeitungen, darunter auch die „Wochenschrift“, lauter Dinge, nach denen man im Felde gierig greift. Und so schloß der Neujahrstag friedlich und befriedigend. (Fortsetzung folgt.) IKorrespondenzen. Die Schlußfolgerung meiner UeujaHrsandacht. nna m:\x 2^2 iwjn Alle mögen zu einem Bunde gemacht werden. Dieser inhaltsreiche Satz bildet die Quintessenz des ganzen Gebetes. Wohlgemerkt! Nachdem den Völkern das Verständnis fehlt, sich selbst zu verbinden, müssen jene Rechtsfürsten, die nicht nur in Friedensperioden, sondern auch in Kriegszeiten dem herrlichsten und praktischesten Weltideale — der VolksverbrüderWg — die Wege ebnen, die Nationen durch Aufklärung für das gemeinsame hohe Ziel reif machen. In ähnlichem Sinne kennzeichnet König David den wahren Gottesdienst durch drei erhabene Worte: ins-HI DÄtP Suche den Frieden und jage ihm nach (Psalm 34). In schreiendem Widerspruche jedoch stehen Kaufleute, die ihre Geschäftslokale durch die Aufschrift: „Gott strafe England!" entwürdigen, ohne zu ahnen, daß die Zwietrachtförderung der Gotteslästerung gleicht und daß die Leiden eines Volkes die des anderen nach sich ziehen, dagegen die Segnungen einer Nation auch der anderen zugute kommen. Deshalb zog ich aus den Neujahrsgebeten und der königlichen Lehre den Schluß, nachstehend gottgefälligen Satz in meinem Bureau zu affichieren und der nächsten Schrift anzufügen, deren ganzes Erträgnis zur Hälfte unseren erblindeten Soldaten und zur Hälfte dem türkischen Roten Kreuz gewidmet wird: „Der Schöpfer alles Seienden verleihe sein sonnigesLicht den Machthabern Englands und allen finsteren Friedensfeinden und sie werden sich zu Menschen läutern und zu unseren besten Freunden." Elias Lehr. Zur Lage der Juden in Galizien i schreibt man der „Wiener Morgenzeitung": Es ist schwer, den ganzen Umfang des Elends, in dem sich derzeit die galizischen Juden befinden, wahrheitsgemäße zu schildern. Sie leiden nicht nur materiell, weil die Russen ihre Häuser zerstört und alles bewegliche Vermögen ausgeraubt haben, sondern die russischen Methoden, mit Juden umzugehen, sind nach der Vertreibung der Russen im Lande zurückgeblieben. Jetzt heißt es, „nach Hause" fahren, in die Heimat zurückkehren! Wo aber ist unser „Heim"? Unsere Häuser samt Einrichtung sind verbrannt, unsere Waren ausgeraubt, das bißchen Vermögen, was der Einzelne sich gerettet haben mag, ist aufgezehrt. Wie und wovon soll man sich ernähren? In den kleinen Städtchen kann die Rückkehr der Flüchtlinge gar böse Folgen haben. Wo sollen sie auch nur Wohnung und Obdach erhalten? Dabei herrscht eine schreckliche Teuerung. Deswegen ist es vor allem notwendig, die Regierung auf diese Zustände aufmerksam zu machen. Sie soll sich zunächst Informationen verschaffen, wohin ein Rücktransport der Flüchtlinge möglich und ratsam ist, und dann auch Verfügungen treffen, daß den Flüchtlingen Erwerb und Nahrung in diesen Ortschaften gesichert werden. Krakau. Der neue Statthalter von Galizien, General der Infanterie v. C o l l a r d, empfing gelegentlich seiner jüngsten Anwesenheit in Lemberg unter den übrigen Deputationen eine Abordnung der Kultusgemeinde, be-

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