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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-09-10 · 37 (10.9.1915) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
37 (10.9.1915)
Date
1915-09-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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9K 37 Dr. Blüch's Wochenschrift Seite 68b eines der fünfzehn Kinder eines angesehenen Landarztes geboren. Diese echt ungarische Pußtenlandschaft mit dem schönen Hause und dem auch in den Ferien studierenden Jüngling als Staffage hat Pettenkofer in einem kleinen Meisterwerke festgehalten. Gleich fern von beengender Not und erstickendem Lurus wuchs er unter vielfacher geistiger Anregung, auch seitens eines musikalischen Cousinchens auf, mit der er sich noch jung gu jetzt über 50jährigen glücklichsten Ehe verband. Wie sein an Jahren älterer Jünger, Landsmann und engerer Kollege Josef (Stüber, schwankte er zwischen bildender Kunst und Medizin als Beruf, und noch den Fünfzigjährigen konnte man in Rom am Tiberufer reizende Aquarelle malen sehen, wie seine äußere Erscheinung und Kleidung noch heute mehr einen Künstler als Gelehrten zeigt. Diese Begabung hat aber auch sein wissenschaftliches schaffen dauernd befruchtet in seiner reichen Präparatensammlung, die nach Philadelphia gewandert ist und seinen Wandtafeln, die wohl jeden Ohrenhörsaal auf der Welt schmücken; scheint doch eine gewisse künstlerische Begabung zu schöpferischer Tätigkeit auf dem schwer anzufassenden Gebiete der Ohrenheilkunde fast unerläßlich. Politzer wandte sich, wie damals alle jungen medizinischen Talente Ungarns, zum Studium nach Wien, wo er Oppolzers Förderung im besonderen Maße, aber auch den Spott seiner Kollegen erfuhr, weil er wegen der paar Tauben Ohrenarzt werden wolle. Therapeutisch und wissenschaftlich war die Ohrenheilkunde in Wien vollkommen Neuland. Im Jahre des Völkermordens sei betont, daß sebst der geniale Politzer nicht Wien zum Mekka der Ohrenärzte und Ohrenkranken hätte machen können, wenn er als sprachen- und weltgewandter junger Arzt nicht bei Toynbee in London, in dem Taubstnmmeninstilute des damals schon toten Meuniere und bei Claude Bernard in Paris und in Würzburg bei Tröltsch Anregungen empfangen hätte, die er dann in über hundert Abhandlungen und Büchern zum histiologischen-anatomischen Aufbau der modernen Ohrenheilkunde verwertete, der selbst einem Hyrtl Bewunderung entlockte. Seine enorme, der heutigen Generation meist abhanden gekommene allgemeine Bildung und seine von ihr vielfach verschmähte literarische Fachkenntnis befähigten ihn für das in sieben Sprachen übersetzte meistgelesene Lehrbuch, das je ein Oesterreichrr verfaßte, und noch als Zweiundfiebzigjährigen, wo andere in minder günstigen Verhältnissen längst feiern, zur Herausgabe der Geschichte der mit zahlreichen Porträts aus seiner Sammlung geschmückten Ohrenheilkunde, die nach Urteil von Fachhistorikern ein Muster wissenschaftlicher Geschichtsschreibung und Würdigung aller Völker und Zeiten ist. Siebentausend Schüler airs allen Weltteilen, von denen freilich schon viele der berühmtesten dahin sind, haben Politzers und Wiens Ruhm hinausgetragen und ihre Anhänglichkeit bei verschiedenen Anlässen auf das rührendste bekundet, wie in dem Zimmer fast jeden Ohrenarztes sein Bild zu finden ist. Politzer hat unter den unwürdigsten äußeren Verhältnissen in zwei ihm von Oppolzer 1861 überlassenen dumpsen Stuben die Ambulatorium, Operationsraum, Hörsaal wa.en und die er mit G r u b e r teilen mußte — er chatte die w.Glichen, jener die männlichen Patienten — 600.003 Frauen behaneelr und seine Leistungen vollbracht; er sollte erst später die Err.chtung einer Ohrenklinik, gar nicht die Aufnahme seines Faches als Prüfuugsgegenstand erleben, wodurch namentlich die Landbevölkerung mangels geschulter Ohrenärzte schwer leidet. Dafür verlieh ihm Bürgermeister Baron Seiller 1862 die unbesoldete Stele eines Armenarztes im städtischen Versorgungshause, welches mühsame Amt Politzer auf der Höhe seiner Weltpraris ausübte und wodurch erst die anatomische Begründung seiner W ssenschaft geschaffen werden konnte. Sein Lohn war bekanntlich ein unerhörter Angriff im Wiener Gemeinderat, wie ihm überhaupt die Ehrungen in der Heimat nur verspätet und wie zögernd zuflossrn (.1870 Ertraordinarius, 1390 Ordinarius, 1893 Vertreter der Regierung tu Chicago, Ueberreichung eines Ehrendiplomes durch Rektor Hoskaplan S w ob o d a, Hofrat 1902). Hingegen hat sich 1864 der Altmeister der Ohrenheilkunde Tröltsch das P o I i tz e r'sche Verfahren (Eintreibung der Lust in die Nasenhöhle) als eine der größten von der Medizin der Menschheit geleisteten Wohltaten bezeichnet, weil dadurch selbst Landärzte und Laien Ertaubung verhüten können; von Politzers anderen wisfchenfchafll chen und therapeuti'choperativen Leistungen zu schweigen, wie denn seine wichtige Entdeckung, daß die Eehörknöchel sich bei der Fortleitung des Schalles milschwingen, 1861 lang unter H e l m h o l z' Namen gingen. Als Arzt war er besonders in materieller Beziehung äußerst human, geduldig bei schmerzlichen Behandlungen, er hat die reichsten Kreise beider Weltteile nach Wien gezogen. Die Mutter des Königs von Bulgarien und das spanische Königshaus wählten ihn zum Arzt. Daß in dem Lande, das die Juden ausstieß, Politzer und des berühmten Juden M o u r e t Name unter einem die Thronfolge regelnden Staatsakt steht, daß er im intimen Kreise des etikettvollsten Hofes empfangen wurde, hat ihn bei seiner unglaublichen Bescheidenheit nicht für sich, sondern für das Judentum gefreut. Er ist nämlich eine der wenigen Welt zelebritäten, die sich innig mit dem angestammten Volke verwandt fühlt; Jahre lang war er im Vorstand der Kultusgemeinde, noch heute ist er Präsident des Jüdischen Museums, das eine der Hauptfreuden feines Alters ausmacht. Daß fast die ganze Wiener Ohrenschule aus dem Judentum hervorgegangen ist, was ohne das liberalste Entgegenkommen seines nichtjüdischen Fachmannes und Nachfolgers U r b a n t s ch i t s ch für jüdische Talente unmöglich gewesen wäre, hat er diesem nicht hoch genug anrechnen können, wie es als Glück für die Wiener Schule zu bezeichnen ist, daß dieser die Ohrenheilkunde grundlegend wieder nach anderer physiologisch-psychologischer Seite, gleichfalls mit Weltruf ausbauen durste. Auf Vorschlag tlrbantschitsch ist Politzer zeitlebens Ehrenpräsident der Otologischen Gesellschaft, wie sein bescheidenes konziliantes Wesen, das zu den unzähligsten formalen Liebenswürdigkeiten Zeit findet, ihm keinen Feind erstehen lieh, eine Seltenheit bei Politzers äußeren Erfolgen. Trotzdem ist ihm Kummer und Leid nicht fern geblieben; feine einzige Tochter Alice, die Gailin des ersten deutschen Musikhistorikers Friedländer s, die durch ihr musikalisches Talent schon oft in der Oeffentlichkeit und am deutschen Kaiserhofe glänzte, mußte den 17jährigen Sohn Walter, d es Großvaters Liebling, in dem alle Talente von drei Generationen zusammenzufließen schienen, durch einen Bergunfall verlieren; für die übrigen zwei hochbegabten Jungens müssen die Großeltern im Weltkrieg zittern. Möchte auch diesem großen Gelehrten, wie uns allen, ein baldiger Friede beschieden sein, denn Politzer, der ein Bindeglied zwischen den Nationen, ein Mehrer österreichischen Ruhmes war, der gerade Engländer und Italiener zu seine treuesten Schülern zählt, leidet doppelt unter der Barbarei dieses Unterganges gemeinsamer geistigen Arbeit. Möchten ihm an der Seite seiner Gattin und Enkel, seiner anhänglichen Schüler, Verwandten und Freunde noch ungezählte Jahre in seinem kunstgeschmückten Heim im Cottage, in seinen Arbeitsräumen in der Stadt noch manche wissenschaftliche Entdeckung beschieden sein. _ Sommeraktionen der Kmdersürsorge (Sektion der „Weiblichen Fürsorge"). Schon lange habe ich es als schädlich und beklagenswert bezeichnet, daß. die meisten Wiener Frauenoereine im Sommer schließen. Die Kriegszeit hat auch hier wohltätigen Wandel geschaffen, so amtiert Frau kaiserl. Rat S ch u l z mit großer Aufopferung in der Kriegsnähstube, der Brigittenauer Verein, dessen Präsidentin Frau Doktor Weiß eine überaus wohltätige Heimnäherinnenaktion, wodurch einigen vierzig Frauen Sommerarbeit geschaffen wurde, ins Leben rief, so Frau Ella Z i r n e r - Z w i e b a ck in ihrem Kinderheim, Frau Kadis ch in der Mittelstandsausspeisung, der „Frauenhort" unterbrach seine Tätigkeit ebensowenig wie der Verein im 1. Bezirk. Aber eigentlich ist der Sommer ja die Arbeitszeit der Ferienvereine, die sonst im Winter ruhen, aber im Kriegsjahre auchWinteransspeisungsvereine geworden find für Flüchtlinge und Einheimische. „Mit vereinten Kräften" ist mich hier der Wahlspruch,' die „Fürsorge" hat schon im ersten Jahre erreicht, was mir lange als unerreichbares Ideal vorgeschwebt, wofür Frau Dr. Grünfeld, ich und andere manche Lanze an dieser Stelle gebrochen. „Ferienheim", „Pestalozzi" und „Gute Herzen", unterstützt durch Geldspenden find Arbeitskräfte des Kaiser Franz Josefs-Kinderhortes, Döblinger und Hietzinger Frauenvereines, haben trotz des Kriegssommers und anderer ungünstiger Verhältnisse, aber unterstützt durch das liberalste Entgegenkommen des Bürgermeisters Dr. W e i s k i r ch n e r, ein schönes Fusionierungswerk vollendet. Wohl ivar Grado im Kriegslärm versunken, wohl ist Tischnowitz ein Berwundetenspital geworden, da sprang der Verein „Gute Herzen" und Frau Dr. Tischler ein — großmütige Anerbieten anderer Damen und Herren, namentlich der Frau Jda Beer in Grinzing, konnten mangels an Geld und Arbeitskräften nicht berücksichtigt werden — und die Kinder des Ferienheims, zumeist Insassen des 20. und 2. Bezirkes werden auf einen der schönsten Punkte des Wienerwaldes, in das mit modernem Komfort ausgestattete Heim der „Guten Herzen" in Neu-Lengbach, entsendet, wo dreimal 88 Kinder unter der vorzüglichen pädagogischen Leitung des Frl. Koranyi, unter der mütterlichen freiwilligen Pflege des Frl. Zins (Ferienheim ' und der Frau Marie Schleiffer (Gute Herzen) sich tummeln und gedeihen. Zwei Herzen und ein Schlag, zum Besten der Kinder, die soldatisch, musikalisch (durch

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