Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Site 6L6 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 35 Rußlands. Mehrere Reichsratsmitglieder beantragten abermals die Aufnahme einer auswärtigen Anleihe. Der bekannte russische Nationalökonomist Professor O p e r o w führte aus, das einzige Land, das gegenwärtig für eine Anleihe in Frage käme, sei Amerika, da dort ein Ueberfluß an Gold vorhanden sei: Amerika hat aber seinerzeit für die Gewährung einer Anleihe die Bedingung gestellt, daß Rußland den Juden Gleichberechtigung gewähre. Bevor deshalb eine russische Anleihe erfolgen könne, fei eine Lösung der Judenfrage in Rußland erforderlich. Leutnant War Kesser. „Jewish Chronicle" in London bringt aus einem Briefe des Majors Rathbone an seinen Bruder folgende Stelle: „Ich war 24 Stunden lang im Schützengraben, mit einer Stunde Ruhepause. Wir fingen einen deutschen Offizier, Leutnant Max S e l l e r, von einem bayerischen Kavallerieregiment. Er und fünfzig Mann griffen uns mit Handbomben an, und der Offizier wurde mit dem Bajonett getötet. Ich hals, ihn mit unseren eigenen Mannschaften zu begraben. Er war ein Jude, so daß ich den Gottesdienst durch den Kaplan ändern ließ. Vielleicht werden feine Angehörigen sich freuen, dies zu hören, und Du kannst den „Jewish Chronicle" und die „Jewish World" ersuchen, es zu erwähnen, damit jene davon in Kenntnis gesetzt werden. Er war ein tollkühner Bursche^ und meine Leute konnten nicht umhin, seinen Versuchen, uns zu bombardieren, Bewunderung zu zollen." Ungerechte Behandlung der Znden in Italien. Nach dem „Secolo" hat sich ein Komitee gebildet, das sich mit einem Aufruf an das italienische Volk wendet, in dem dieses aufgefordert wird, eine Aktion gegen die ungerechte Behandlung einzuleitcn, der die in Italien ansässigen Juden unterworfen sind. Der Aufruf ist unter anderen von dem bekannten Schriftsteller Sabbatino Lopez unterzeichnet. Protektor dieser Bewegung in Italien ist der Exminister Luigi Luzzatti. Kenrr Worgenthau Dr. h. c. der Konstantinopeter Universttät. Der amerikanische Botschafter Henri Morgent h a u ist von der Universität in Konstantinovel zun; Doktor der Rechte honoris causa promoviert worden. Der englische WeftaM öei Marschass Irench. Der Chiefrabbi von England, Dr. Hertz, der sich in Frankreich zum Besuche der jüdischen Soldaten befindet, wurde vom Kommandanten der englischen Armee Marschall French empfangen. Indische Iranen beim Lavedienlle. Aus Krakau wird uns berichtet: Am hiesigen Hauptbahnhof regen sich seit Beginn des Krieges viel edle Frauenhände, um unseren braven Kriegern, sowohl den an' die Front ziehenden, als auch den Kranken und Verwundeten, die ins Hinterland abgeschoben wurden, mit Speise und Trank zu versehen. Neben dem katholischpolnischen Frauenkomitee ist auch ein aus 16 Damen bestehendes jüdisches Labekomitee tätig, das ununterbrochen auch die. Nacht über diese schwere Arbeit leistet, wobei ihnen die jüdischen Pfadfinder (Schenaim) wacker zur Seite stehen. Die Kosten werden aus freiwilligen Beiträgen gedeckt, einige Kauflcute widmen auch Spenden u uatnra Allerdings ist es traurig, daß selbst in so ernster Zeit, da die Bekenner verschiedener Konfessionen Schulter an Schulter siegen und sterben, diese Liebestätigkeit im Zeichen des konfessionellen Separatismus vonstatten gehen muß. Es ist jedoch am allerwenigsten die Schuld der Juden, daß dem so ist. Während in den übrigen -Provinzen der Monarchie jüdische Frauen und Mädchen an der Tätigkeit des Roten Kreuzes regen Anteil nehmen, wurden die Juden seitens der Leitung des Roten Kreuzes in Galizien so ziemlich zurückgedrängt. Auch das jüdische Frauenkomitee in Krakau stieß diesbezüglich auf große Schwierigkeiten, die erst durch Intervention bei der militärischen Behörde beseitigt wurden. Umso anerkennenswerter ist die edle Tätigkeit der Damen, die jetzt zum großen Teile auch den in ihre Wohnorte zurückkehrenden Flüchtlingsfamilieu zugute kommt. Jakob B . . . . Wien. Frau Johanna Grünberger hat für ihre Verdienste um den Labedienst die silberne Tapferkeitsmedaille bekommen. Uobert Flernak. Am 26. Juli war der hundertjährige Geburtstag des genialen medizinischen Gelehrten Robert Remak. Auf persönliche Verwendung Alexander von Humboldts benn König wurde er 1847 als erster Jude in den Lehrkörper der Berliner Universität ausgenommen. Trotz seiner bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen konnte er jedochals Jude kein Ordinariat erlangen, und so starb er, verbittert durch materielle Sorgen, bereits im Alter von 50 Jahren. R e m a k sind u. a. die Entdeckung des Achsenzylinders, die Anwendung des konstanten Stromes bei Nervenkrankheiten und die Entdeckung der seinen Namen führenden Nervenfasern zu verdanken. Die Wervissen (Oevelriemen). Es gehört zu den alten Sitten und Gebräuchen, daß man, wenn man in die Fremde zieht, einen Talisman mitnimmt. Di:s kleine Ding, welches einem vor jeder Gefahr schützt, ist p nach der Ansicht der Betreffenden, verschieden. Bei uns Juden sind es die Thewillen, die einem nicht nur an den Glauben und die Plagen Egyptens erinnern, sondern die wir auch gerne als Talisman in unserem Ränzchen wissen. Niemals vergißt Mütterlrin den Thewillenbeutel beim Verlassen des Elternhauses mit einzupacken. Und dies tut wohl, im Schützengraben sich täglich erinnern zu können, daß man Jude sei. Bei allen Kämpfen und Sturmangriffen trägt man die Thewillen im Rucksack mit. Ist der tobende Kampf vorüber und beginnt ein neuer Tag, so legt man die Thewillen wieder an und dankt so Gott für die überstandene Gefahr. Bei einem furchtbaren, fast die ganz» Nacht andauernden Kampf, zeigten sich die Thewillen als wahrer Talisman. Es war eine finstere Nacht, als unser Bataillon zum Angriffe überging. Die Russen ließen uns bis an ihre Drahtverhaue herankommen, uni dann uns mit Handgranaten, Eewchrfeuer und Schrapnellen zu empfangen. Trotz Verluste warfen wir die Russen zurück. Eine Schrapnellkugel traf einen am Boden liegenden Soldaten, zerriß die Bluse an der linken Schulter und nahm ihren Weg in den Rucksack. Der Ausschuß mußte unbedingt die Lunge durchbohren, wenn nicht im Rucksack die Thewillen den Lauf der Kugel geändert hätte und dadurch in einem Schuhe stecken geblieben wäre. Am Hilfsplatz wunderte sich jedermann über das Glück, denn nach ärztlichem Gutachten müßte ein Lungenschuß mit tätlichen Ausgang erfolgen. Nur der Umstand, daß die Thewillen der Kugel ein anderes Ziel gab, verdankte der Held so sein Leben. NB. Der Getroffene heißt Abraham T r a s s e r. Korrespondenzen. Kaisers KeSurlstag. Aus Anlaß des'85. Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers fanden heute in sämtlichen Synagogen Wiens Festgottesdienste statt.