Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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feite 638 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 3b besaß, verließ Habe und Gut, ja viele jüdische Familien, denen die Kosten eines Wagens unerschwinglich waren, machten den Weg nach dem Westen zu Fuß, um nur nicht unter die Herrschaft der Knute zu gelangen. Hier blieben die Aermstcn zurück, die Kranken, die Schwachen, hilflose Rcservistenfamilien, Kinder, Flüchtlinge, ein geringer Kreis von Kausleuten und einige mutigere Herren von der jüdischen Intelligenz. Mit sehr geringen Ausnahmen war das Elend unter den hier Zurückgebliebenen geradezu grenzenlos. Tausende von Menschen in Lumpen gehüllt, die Kinder buchstäblich nackt, die Weiber irre vor 2£ugft und Hunger, die Männer in stummer Verzweiflung, die lauernden Spürhunde der Polizei und die Nagaika — das Symbol der Russenherrschaft, der blutgierigen Kosakenhorden —: das ist das Sujet der Zustände unter der jüdischen Bevölkerung aus der Zeit der Invasion in Lemberg. Auf der Provinz war die Lage noch eine viel traurigere. Die Härtesten, welche oft Gelegenheit hatten, der blanken galizischen Nor in die Augen zu schauen, konnten nicht ohne Grauen auf das Bild des Jammers uird der Not blicken, welches die jüdische Bevölkerung in Lemberg und im allgemeinen in Galizien bot. Ein amerikanischer Journalist, der während der Zeit der Invasion hier anwesend war, und sich mit den jüdischen Verhältnissen hierzulande vertraut machen wollte, sagte seinem Begleiter, der ihn in die Judengasse in Lemberg geführt hatte, nach dem Besuche einiger Häuser, in welchen sich die Flüchtlinge aushieiten: „Eilen wir rasch aus dieser Hölle, ich will nicht bis ans den Grund schauen, denn "sonst müßte ich Selbstmord begehen." Wer sollte angesichts dieser schrecklichen Zustände hier helfend eingrcisen? Die jüdische Kultusgcmeinde Lembergs, welche aus dem Gebiete der Philanthropie rühmliche Traditionen hinter sich hat, stand vor einem noch nie dagcwesenen Problem, übrigens fehlten hier die bewährten Führer und großzügigen Leiter, und was das Wichtigste ist, die nötigen Hilfsmittel. Sie mußte selbst um die Erhaltung ihrer eigenen administrativen und humanitären Institutionen hart ringen und strikte Oekonomie halten, so konnte sie denn auch nur in den allerbescheidenften Grenzen helfend eingreisen. Andere wohltätige Vereine uno jüdische Institutionen bestanden überhaupt nicht. Es war die höchste Verzweiflung. Da trat der providenzielle Präsident der Stadtgemeinde Lemberg. Tr. R u t o w s k i, aus den Plan. Er war der einzige, der der Situation vollständig gewachsen war, und cs bleibt ein schönes Ruhmesblatt in dem tatenreichen Leben dieses großen Mannes, daß er in die allgemeine großzügige Aktion, welche er zur Linderung der allgemeinen Not unternahm, die Juden mit cinschloß. Fünf Küchen wurden ausschließlich der jüdischen Bevölkerung zugemiesen, mehr denn 7000 Mittagmahle wurden ausschließlich in jüdischen Küchen für jüdische Armen verabreicht, und auch sonst suchte der gute Bürgermeister seinen Juden mit Rat und Lat beizustehen, doch das alles reichte bei weitem noch nicht. Die Mittel der jüdischen Kultusgemcindc, die im Kleinen mithalf, wurden immer geringer, die letzten Sparpfennige der Armen wurden ausgezehrt, und je weiter die Feinde nach dem Westen und Süden vordrangen, desto stärker nahm die Zahl der nach Lemberg.Zuwandernden zu, desto größer wurde der Jammer in der Provinz. Der grausame Winter stellte sich überdies ein; der gefährliche Geselle des Hungers und des Krieges. Die Not war aufs Höchste gestiegen. Da entschloß sich ein ganz kleiner Kreis von hier verbliebenen Glaubensgenossen, die private Wohltätigkeit unserer Glaubensgenossen inner- und außerhalb Galiziens anzurusen und der zielbewußten und rastlosen Arbeit des Dr. Haus-ner gelang es, einen Kreis edelgesinnter und hochherziger Glaubensgenossen für das jüdische Hilsswerk in Galizien zu gewinnen. Trotz der größten äußeren und der noch größeren innerlichen Schwierigkeiten, die zu bewältigen waren, gelang es, ein „Jüdisches Rettungskomitee für Galizien"' ins Leben zu rufen, dessen Aufgabe die materielle Unterstützung der durch den Krieg arg mitgenommenen Glaubensgenossen sein sollte. An dieser stelle soll eines Mannes gedacht werden, der um das galizische Judentum sich unendliche Verdienste erworben hat; eines Mannes, der fern von jedem Ehrgeiz, trotz seiner 75 Jahre, keine Mühe und keine Arbeit gescheut hat, sondern alles aufbot, was in seiner Kraft lag, um seinen Glaubensbrüdern in der Not beizustehcn. Dieser Mann heißt David Feinberg. 'Was in Galizien zur Linderung des Elends unter den Juden geschah, ist sein Verdienst, welches umso höher anzusetzen ist, als daß er dabei keinen anderen Zweck verband, sondern sich von Gefühlen reinster Philanthropie und edelster Menschenliebe bestimmen ließ. David Feinberg hat seinem tatenreichen Leben und unermüdlichen Eifer um das Wohl seiner Glaubensgenossen durch die Instandsetzung des jüdischen Hilfswerkes in Galizien die Krone aufgesetzt. Seinen Bestand, den größten Teil seiner Hilfsmittel verdankt das Komitee diesem edlen Manne. Das können und werden die galizischen Juden ihm und seinen eifrigen Mitarbeitern niemals vergessen. In Umrissen wurde schon gesagt, was das Komitee geleistet hat. Zur näheren Illustrierung sei noch angeführt, daß von dem Komitee 6000 jüdische Familien Barunterstützungen bezogen in einer einmaligen Höhe von 4 bis 40 Kronen, wobei hauptsächlich die Familien unserer braven 'Reservisten und Soldaten berücksichtigt wurden. Jüdische Lehrer, Beamten, Rabbiner und sonstige mittellose Staats- und Kultusgemeindefunktionäre, die ohne Gehalt blieben, bezogen monatliche stabile Unterstützungen in der Höhe von 40 Kronen. Die Pessachunterstützungen, Subventionen von Gemeindeküchen und die Erhaltung einer eigenen Küche, wie die Herbeistellung der nötigen Mazzo's und Verpflegung für Internierte und Gefangene kostete das Komitee 25.760 Kronen. Das Großartigste aber, was das Komitee leistete, war die Unterstützungsaktion der Provinz. 105 Städte und Städtchen wurden mit namhaften Beträgen unterstützt. Delegierte des Komitees drangen in die entferntesten Gegenden Galiziens, um dortselbst Hilfe zu leisten. Bon Tarnow bis Ulaszkowce, von Dabrowa bis Gorlice und Lutowiska besuchten Delegierte des Komitees die von Feindeshand verwüsteten Städte, um daselbst, so gut es ging, helfend einzugreisen. Die Beträge, welche das Komitee diesen Orten zur Verfügung stellte, variierten in der Höhe zwischen 1000 (Komarno, Jaryczow, Saiow, Szczerzec^usw.) bis 20.000 (Stanislau) Kronen. In manchen Städten, wie Cieszanow, Buczacz, Zloczow und Magierow, unterhielt das Komitee eigene Küchen und leitete dortselbst das gesamte Hilsswerk ausschließlich aus eigenen Mitteln, in Jezierzany-Pilatkowce und Ulaszkowce erhielt das Komitee aus eigenen Mitteln einige Gemeinden, welche von den Russen evakuiert worden sind und nach diesen Städtchen verschleppt wurden, so die Gemeinde Zaleszczyki und Tluste. In Magierow, Cieszanow, Ratyarusk'a, Narol wurden medizinische Ambulatorien mit -Hilfe' des Komitees errichtet.. Wieviel Leid durch diese Art von Hilfe das Komitee gemindert, welcher Not es abgeholfen har, darüber erzählen Tausende von Dankesschreiben unserer