Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 85 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 639 unglücklichen Glaubensbrüder und die offiziellen Berichte der jüdischen Gemeinden. Als im Monate April die gesamte jüdische Bevölkerung aus Przemysl ausgewiesen wurde, da wurde Lemberg die Zufluchtsstätte des größten Teiles dieser Unglücklichen. Innerhalb des Komitees wurde sofort eine Sektion gebildet für die Unterbringung, Verpflegung und sonstige Unterstiitzung dieser Ausgewiesenen. 595 hierher zugewairderte Familien ans Przemysl fanden auf Kosten des Komitees ihre vollständige, allerdings kärgliche Versorgung. Bei diesem Teile der Arbeit standen dem Komitee einige Bürger aus Przemysl treu zur Seite, besonders der dortige Rabbiner Herr Gedalje Sch me lck es, der dortige Advokat Jakob Me st er und Dr. Ignatz Maus. Doch auch Dauerndes hat das Komitee geschaffen. Unter kundiger Leitung der Frauen Dr. Reich enstein und Dr. Kl asten arbeiten noch heute auf Kosten des Komitees 160 jüdische Mädchen in Arbeitswerkstätten und verdienen ans ehrlichste und anständigste Weise ihren Lebensunterhalt und bilden sich in praktischen Berufen zu Weißnäherinnen, Schneiderinnen, Hutmacherinnen und Trikotagearbeiterinnen heran. 400 Kinder finden außerdem in den vom Komitee erhaltenen Kinderheimen gesunde Nahrung und liebevolle Behandlung unter der kundigen Leitung bewährter Lehrerinnen. Jetzt ist es die Repatriierungsaktion, welcher hauptsächlich die Aufmerksamkeit des Komitees zugewendet ist. Von der Ueberzeugung ausgehend, daß die Aermsten selbst auf den Brandstätten der eigenen Liegenschaften sich besser einzurichten verstehen werden, als von Almosen zu leben, sucht das Komitee die Repatriierungsaktion im größeren Stile durchzuführen. Es ist geradezu rührend zu sehen, wie eilig es die ihrer Habe und ihres Gutes beraubten armen Juden haben, in ihre Heimatstätten zurückzukehren, um mindestens den Staub und die Asche ihrer Gehöfte, so rasch als möglich mit Tränen befeuchten zu können, um die Ruinen sich anzusehen, in lvelche der grausame Feind die Arbeit ihres ganzen Lebens verwandelt hat. Es übersteigt den Rahmen eines Artikels, all das zu schildern, was das Komitee in der schnlerzensreichen Zeit der Russeninvasion hier geleistet hat. Lreinc weitere Existenz ist ein Gebot der Notwendigkeit, so lange nicht normale Verhältnisse eingetreten sind. Bis dahin werden die Mitarbeiter dieser historisch gewordenen Institution auf ihrem Posten ausharren müssen gleich unseren tapferen Streitern, die solange nicht das Schwert in die Scheide stecken werden, bis nicht unserem Vatcrlande der ruhmreiche Friede gesichert sein wird. B. Lemberg, im August 1915. Paul Ehrlich. Ein Fürst der Wissenschaft ist dahingegangen, ein vielst itiges Genie, das die Entwicklung der modernen Medizin so reich befruchtet hat, wie kein zweiter Lebender im letzten Jahrhundert. Die Samen, die Ehrlich s ungemein produktive Eeniali'ät ausgesät hat, haben auf den verschiedensten Gebieten ärztlicher Wissenschaft und Kunst so anregend gewirkt, daß wahrscheinlich noch für Jahrzehnte daraus neue Ernten ersprießen werden. „Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun." Für niemand hat sich der Satz zutreffender erwiesen als für die Lebensarbeit Ehrlichs. Jede seiner zahlreichen Entdeckungen und Erfindungen hat die wissenschaftliche Welt in Bewegung gesetzt und eine Flut von Ergänzungen und Erweiterungen hrrvorgerufen. Die Leistungen Ehrlichs sind um so höher zu bewerten, als sie — ein Zeichen des 'wahren Genies! — insgesamt von einem einzigen großen Grundgedanken ausgingen und durchzogen waren, den er mit unerschütterlicher Folgerichtigkeit und Energie mehr als drei Jahrzehnte lang verfolgt hat, und zwar durch die mannigfachsten Gebiete der Biochemie hindurch, auf -inem jeden neue weit ausschauende Gesichtspunkte zu Tage fördernd. Dieser Grundgedanke war die Auffassung, daß alle lebenden Zellen des Organismus eine chemische Verwandtschaft zu gewissen Stoffen besitzen, die er!als Affinität oder Avidität b^eichnete. Dieser Grundgedanke leitete Ehrlich in all seinen Studien zur Pharmakologie, mikroftopischen, physiologischen und pathologischen Chemie, Bakteriologie, Jmmunitätstheorie, Protozoenkunde und Geschwulstlehre. Wie ein roter Faden zieht sich dieses Prinzip durch Ehrlichs Forschungen vom Thallin bis zum Salvarsan — dem Anfangs- und Endpunkte seiner Lebensarbeit. Am 14. Marz 1854 zu Strehlen in Schlesien als Sohn jüdischer Ellern geboren, studierte Ehrlich an den Universitäten Breslau, Straßburg, Freiburg und Leipzig und wurde kurz nach seinen im Jahre 1878 beendeten Studien Assistent bei dem berühmten Kliniker v. F r e r i ch s in Berlin, wo die erste Epoche seiner schöpferischen Arbeiten begann, die seinen Namen in aller Welt bekannt machten. In Berlin entstanden seine grundlegenden Arbeiten über die Histologie und Pathologie des Blutes; er schuf damit das Fundament eines großen Gebietes, welches dasselbe heute noch erfolgreich trägt. Eng verbunden mit diesen Leistungen waren Ehrlichs Studien über die färberische Darstellung der Zellelemente, wodurch er die mikroskopisch-histologische Wissenschaft vielseitig bereicherte, und in die gleiche Zeit fallen bereits zahlreiche «tudien, welche insbesondere den Zusammenhang zwischen Verteilung, chemischer Konstitution und Wirkung betreffen, ein Leitmotiv, das in den späteren Forschungen Ehrlichs immer von neuem als fruchtbringende Saat wiederkehrt. Die zahlreichen bedeutsamen Arbeiten des jungen Forschers seien hier nur kurz angeführt, so die Entdeckungen über die Säurefestigkeit des Tuberkelbazillus, die Tuberkelbazillenfärbung, die Diazoreaktion des Harns, die Methylenblaureaktion der lebenden Nervensubstanz. Schon im Jahre 1885 erschien als überaus reife Frucht des genialen Jüngers ärztlicher Wissenschaff die grundlegende Monographie: „Das Sauerstoffbedürfnis des Organismus", welche durch die Fülle neuartiger Anschauungen über die Physiologie und Pathologie des Zellebens gewaltiges Aufsehen erregte und noch heute eine Fundgrube für die Forschung bildet. Als Ehrlich später die Klinik verließ — als treuer Jude konnte er keine Professur erlangen — bot sich ihnr nach längeren privaten Studien an dem von Robert Koch geleiteten Institut für Infektionskrankheiten in Berlin eine Stätte wissenschaftlichen Wirkens, in der er Gelegenheit zu weiterer großzügiger Tätigkeit fand. Hier entstanden seine Arbeiten über Immunität und im Anschluß an Behrings Entdeckung des Diphtherieheilserums seine grundlegenden Forschungen über die Serumtherapie und über die Wertbemessung der Heilsera, welche die unmittelbare Ursache wurden für die Errichtung des Kgl. Instituts für Serumforschung und Serumprüfung in Steglitz (1896), aus dem die berühmte „Seitenkettentheorie" hervorging, und das im Jahre 1899 unter Erweiterung seiner Ausgaben als Institut für experimentelle Therapie nach Frankfurt a. M. verlegt wurde. In Franffurt galten die ersten Jahre seines Schaffens der weiteren Erforschung der Serumwirkungen, die er in meisterhafter Art zu analysieren und in ihren maßgebenden Prinzipien zu ergründen vermochte. Aber schon zu der Zeit, als er noch mit diesen umfassenden Studien beschäftigt war, wandte er sich einem neuen Gebiete der Wissenschaft zu, der erperimentellen Erforschung der Geschwülste, und auch hier entstanden grundlegende Ergebnisse, die wiederum der Forschung neue, erfolgreiche Richtlinien wiesen. Aber durch all diese Leistungen, die das Leben zahlreicher Forscher auszufüllen genügt hätten, war der nie rastende Geist Paul Ehrlichs nicht erschöpft. Es folgten als neue und für die Allgemeinheit glänzendste Aera seiner wissenschaftlichen Tätigkeit die chemotherapeutischen Studien und damit zugleich die Begründung der erperimentellen Chemotherapie als neuer Wissenschaft. Am die Bedeutung dieser langjährigen Arbeiten, die den Verblichenen bis in die letzten Tage seines Lebens beschäftigten, zu würdigen dafür genügt es, auf die Großtat hinzuweisen, die den Namen Paul Ehrlichs nicht nur in der wissenschaftlichen Welt, sondern in der gesamten Menschheit berühmt gemacht hat, die Entdeckung des Salvarsans. Damit war ein Heilmittel von vorher nicht gekannter Wirkung ausgesunden worden, aber nicht durch Zufall, sondern auf Grund langjähriger, tiefgründiger Forschungsarbeit. Die Möglichkeit zu so ausgedehnten Studien war Ehrlich dadurch gegeben, daß neben dem kgl. Institut für experimentelle Therapie unter Ehrlichs Leitung durch die verständnisvolle Stiftung von Frau Franziska Speyer ein neues Forschungsheim, das Georg Speyer-Haus, entstand, in dem die chemotherapeutischen Arbeiten Ehrlich-, die schletzlich zur Auffindung des Salvackans führten, ausgeführt wurden. Den glänzenden Entdeckungen und Leistungen gebührten die äußeren Ehren, an denen es Ehrlich nicht gefehlt hat. Er war der Träger des Nobelpreises und wurde im Jahre 1911 zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt. An der neugegründeten Universität in Frankfurt war er ordentlicher Professor. Nun hat ihn, den großen Forscher, den Meister medizinischbiologischer und chemischer Wissenschaft, der Tod hinweggerafst. Die Menschheit betrauert einen ihrer Wohltäter, das jüdische Volk einen seiner größten Söhne.