Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 32 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 596 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 32 Das Komiteemitglied Kantor I. Löwit nahm hieraus das Wort und schilderte in begeisternder Weise das Einigkeits- und Zusammengehörigkeitsgefühl, welches alle Völker Oesterreichs in diesen schweren Zeiten innig verbindet und pries die Fürsorge unseres allgeliebten Monarchen, Seiner Majestät des Kaisers, der mit gleicher Liebe alle Untertanen des Reiches umfaßt und auch die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina in ihrer Not unter seine Obhut nahm und für sie nach Möglichkeit sorgte. In ein begeistertes dreifaches Hoch klang die Rede aus, in das alle Anwesenden unter frenetischem Jubel einstimmten. Erster Kantor und Komiteemitglied M. B. Kaufmann begrüßte hieraus die Erschienenen herzlich namens des Komitees und gab eine kurze Schilderung des Werdens und Wachsens der Aktion. Aus den kleinsten Anfängen hob sich dieselbe, nach und nach, einerseits durch die stets wachsende Zahl der Bittsteller bedingt, anderseits durch die unermüdliche und aufopfernde Tätigkeit des Obmannes Don Fuchs zu einer solchen Höhe, daß heute, bereits über 15.000 Kronen an die flüchtigen Kantoren und ihre Familien zur Verteilung kommen konnten, während es jetzt die dringendste Aufgabe des Komitees fei, einen Reservefonds zu gründen, um für die Zeit der Rückkehr der Kollegen in ihre Heimat ihnen beispringcn zu können, damit dieselben nicht mit leeren Händen in ihre, zumeist verwüsteten, Heimstätten kommen müßten. Er erhob sein Glas auf den selbstlos und unentwegt im Interesse der Kollegen wirkenden Obmann Don Fuchs, dem ein donnerndes Hoch gebracht wurde. In launiger Weise forderte dann das Mitglied des Komitees, erster Kantor I. Schleifer, die anwesenden Kollegen aus Galizien auf, sie mögen, da er nicht voraussetzen könne, daß Kantoren zum Reden da seien, zur Freude aller Anwesenden etwas von ihren beliebten Gesängen zum Besten geben. Sogleich erhob sich der Oberkantor S. Pinkasiewicz aus Czernowitz und brachte einen improvisierten Mischeberach auf den Obmann Don Fuchs mit kräftiger, wohllautender und weittragender Tenorstimme aus, der den jubelnden Beifall der ganzen Versammlung fand. Auch Kantor Simon H e i l p e r n, Oberkantor Isidor Udelsmann aus Tarnopol, Oberkantor Samuel Bernstein gaben Proben ihrer hervorragenden Eesangskunst und wurden allseits beglückwünscht. Einen bejubelten Spezialersolg holte sich Oberkantor Pinkas Spektor aus Bojan mit dem Vortrage des Se mirosliedes Eliohu-Hanowi Eliohu-Hatischbi, das überaus melodisch vorgetragen, in einen Refrain, der von allen Anwesenden im Brummchor begleitet wurde, ausklang. Reichen Beifall fand auch Herr Kantor Jakob K o st r o w aus Ezernowitz, von dem noch viel zu erwarten steht. Den eigentlichen Zweck der Zusamenkunst berührte Kantor Aron Picker, der in klaren einfachen Worten seinen Kollegen auseinandersetzte, daß es ja ganz begreiflich und .gewiß ein gutes Recht des Kantorenvereines sei, wenn derselbe seine Wohltätigkeitsaktion abschließe, zumal wenn ihm kein Geld mehr für die Unterstützung zufließe; aber unrecht sei es von ihm, diese Einstellung damit zu begründen, daß wir Kantoren in unsere Heimat zurückkehren können, denn dies müsse in der Oesfentlichkeit den Glauben Hervorrufen, es seien Unterstützungen für uns nicht mehr nötig und wir befänden uns schon auf dem Wege in unsere Heimat oder seien eben im Begriffe, abzureisen. Wie gerne würde jeder von uns mit seiner Familie seine alte Wohnstätte wieder aufsuchen, aber leider sei dies, wie ja die überaus ^zahlreiche Beteiligung an dem heutigen Abende klar beweise, derzeit noch nicht möglich. Wir müssen vielmehr warten, bis wieder geordnete Verhältnisse und die Fürsorge der Regierung es uns möglich machen, unsere Tätigkeit in unserer Heimat wieder aufzunehmen. Allseitige Zustimmung folgte diesen Worten und nur um diese odiose Sache nicht in die Oeffentlichkeii zu tragen, wurde von der Abfassung einer Resolution in diesem Sinne abgesehen. Der biedere und ehrenwerte Kantor Ehaim Rappaport absolvierte dann unter allseitigem Beifall das Benschen. Zum Schlüsse nahm Obmann Don Fuchs nochmals das Wort und allen seinen Kollegen ein kräftiges Chasak und ein al tiro awdi' Jakob zu and bat sie, nicht zu verzagen, es lebe doch der alte Gott, der noch immer geholfen, auch in dieser schweren Zeit sie stütze und ihnen gewiß auch weiter helfen werde; auf ihn allein mögen sie bauen und vertrauen. In sichtlich gehobener Stimmung verlief dieser schöne Abend, allen eine bleibende, angenehme Erinnerung, die gewiß viel dazu beitragen wird, das Solidaritätsgefühl unter den Kollegen zu kräftigen, zu heben und neu zu beleben. Aus dem rviedereroßerten Tysmenica. Zum erstenmal rückten die Russen, von Stanislau kommend, am 3. September vorigen Jahres in Tysmenica ein und verblieben daselbst bis Anfang März. Während dieses siebenmonatlichen Aufenthaltes gaben sie sich zwar nicht als „Befreier ihrer unterdrückten Brüder", verhielten sich jedoch, jm Vergleiche zu ihrem Regime in anderen Städten leidlich. Bis auf die Plünderung mehrerer Geschäfte hatten die Einwohner keinen besonderen Schaden zu erleiden. Dieses Verhalten änderte sich jedoch mit einem Schlage, als die Russen Wiederkamen, nachdem unsere Truppen im März aus strategischen Gründen ihren Aktionsradius derart verlegten, daß Tysmenica geräumt werden mußte. Kaum zurückgekehrt, riesen die Feinde alle Juden in das Gemeindeamt, von wo sie mit ihren Familien, Frauen, Kinder, Greise und Kranke nicht ausgenommen, vor die russische Verteidigungslinie gegen das Feuer unserer Truppen getrieben wurden. Die Verzweiflung der Leute, unter denen sich auch die den besseren Ständen angehörigen Personen und der Rabbiner befanden, das Weinen der Frauen und Kinder, das Wimmern der Kranken, lassen sich nicht mit Worten schildern. Die Russen blieben dabei ungerührt. Trotz der damals noch herrschenden grimmigen Kälte mußten die Unglücklichen, dem Tode ins Auge sehend, den meilenlangen Weg bis zu den Stellungen unserer Truppen zurücklegen. Erst als der Kommandierende unserer Truppen den Russen erklären ließ, daß er ohne Rücksicht aus dieses, aller Kriegssitte und Kultur hohnsprechende Vorgehen von den Waffen Gebrauch machen werde, ließen die Russen von ihrem Vorhaben ab und die unglücklichen Opfer, die stundenlang in Todesangst geschwebt hatten, konnten in die Stadt zurückkehren. Als unsere Truppen ^zum zweitenmal zur Entsetzung von Tysmenica heranrückten, wurden fast sämtliche in der Stadt verbliebenen Einwohner als Geiseln in das Innere Rußlands verschleppt. Auf dem Wege starben mehrere infolge Mangels an Nahrungsmitteln an Erschöpfung, andere brachen vor Müdigkeit zusammen, wurden aber trotzdem zur Fortsetzung des Marsches angetrieben. Als vor dem Abmarsche eine m'tleidige Frau dem vor Kälte und durch das lange Stehen erstarrten greisen Rabbiner einen Stuhl hinstclite und ihm e.n Glas Tee reichte, warfen die russischen Soldaten den Stuhl um, schütteten den Tee aus und bedrohten die Umstehenden mit Peitschenhieben. Sämtliche von Juden bewohnten Häuser wurden geplündert, die Magazine, in denen die nach Kriegsausbruch geflüchteten Einwohner ihre Habe versorgt hatten, erbrochen und ihres Inhalts beraubt. Die yor dem Kriege blühende Stadt, Sitz einer ausgedehnten Kürschnerindustrie, macht jetzt den Eindruck eines Friedhofes. _ Baden bei Wien Als Antwort auf die seinerzeit anläßlich der Wiedereroberung von Lemberg vom jüdischen Flüchtlingskomitee in Baden an Allerhöchster Stelle abgesandte Huldigungsdepesche Mesterreichische Wochenschrift, Nr. 27, vom 2. Juli 1915, Seite 499) langte am 2. August ein Schreiben herab: K. k. BezirtshauptNWNNschast Badm. Z. 80 V.-Pr. am 31. Juli 1915. An das Jüdische Flüchtlinstskomitee in Baden bei Wien, zu Händen des Herrn Dr. phil. Samuel Rappaport in Baden, Weilburgstraße Nr. l. Seine Exzellenz der Herr Statthalter in Niederösterreich gibt dem Indischen .Flüchtlingskomitee in Baden bei Wien im Allerhöchsten Aufträge für die anläßlich der Wiedereroberung von Lemberg an Allerhöchster Stelle telegraphisch zum Ansdrucke gebrachte Loyalitütskund-- gebung den Allerhöchsten Dank bekannt. Hiervon beehre ich mich Euer Hochwohlgeboren zufolge Erlasses des k. k. n.-ö. Statthalterei-Präsivinins vom 27../7. 1915, Pr.-sZ. 1039/1, Hiemit in Kenntllis zu setzen. In Vertretung des Bezirkshauptmannes: Drchatta m. p., k. k. Bezirkskommissär. Are Leiden der Stadl Sniatyn durch die Missen Ter Buchhalter der Sniatyner Sparkasse, Herr Artur Maß ler, entwirft folgende Schilderung der Schicksale, von denen die Bevölkerung unter der Russenherrschast betroffen wurde: Die etwa 15.000 Einwohner zählende Stadt Sniatyn an der Grenze der Bukowina wurde durch die Kriegsereignisse besonders hart getroffen. Als sich unsere Truppen vom Dnjestr an den Pruth zurückzogen, wurde Sniatyn, das am linken Ufer des Pruth liegt, am 13. Mai von 6000 Kosaken besetzt. Sie drangen sofort in die Wohnungen ein, was nur transportfähig war, wurde auf Wagen verladen und fortgeschafft, was nicht verschleppt werden konnte, wurde zerstört und die Trümmer auf die Straße geworfen. In der Nacht wurden Brande gelegt. Die Kosaken behaupteten, die Juden hätten die Brandstiftungen vorgenommen, um unserem Militär, das am rechten Pruthufer stand, verabredete Zeichen zu geben. Die Juden wurden aus den Betten gezerrt, mit Gewehrkolben und Nagaiken geschlagen und einige standrechtlich erschossen. Diese Vorgänge wiederholten sich durch fünf Nächte hindurch. Ganze Stadtteile sind dabei in Flammen aufgegangen. Am 18. Mai wurde der Auftrag gegeben, sämtliche jüdischen Einwohner aus der Stadt wegzu-