Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 32 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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r. Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 597 führen. Die Kosaken besetzten alle Straßen, zerrten die Juden ohne Ausnahme und ohne Rücksicht auf Krankheit und Gebrechen aus den Häusern und trieben sie unter fortwährenden Schlägen nach Zaleszczyki. Dieser 35 Kilometer weite Weg mutzte zu Fuß zurückgelegt werden. Die Kranken, Krüppel und kleinen Kinder wurden stärkeren Männern aus den Rücken gebunden, einige konnten auch in Handwagen geführt werden. Es war ein furchtbarer Leidensweg und das Jammern der Unglücklichen, das Schreien der Mißhandelten war weithin zu hören. Vier Tage lang dauerte dieser Marsch der Qualen. Von Zaleszczyki wurden die Armen nach Czortkow und dann weiter nach Rußland getrieben. Nach dem Abtransport der Juden wurden die Brandstiftungen und Zerstörungen fortgesetzt, nur brauchten die Russen jetzt keinen Grund mehr für ihren Vandalismus anzugeben. Die Leichen der Ermordeten dursten nicht begraben werden und lagen bis zum Abzüge der Russen in den Straßen und Häusern umher. Die Plünderungen fanden unter Teilnahme der Offiziere statt und bei der Beraubung eines Eifengeschästes stand sogar der kommandierende General daneben und sah zu. Ein Kosakenoffizier wollte sich an der Frau des Kaufmannes Feingold vergreifen. Als dieser seine Hausehre verteidigen wollte, wurde er niedergeschossen, das Haus in Brand gesteckt, die unglückliche Witwe mit ihren fünf Kindern wurde mit den anderen Glaubensgenossen nach Rußland getrieben. Während des Transportes durste den ärger als Vieh behandelten Leuten bei strenger Strafe keine Nahrung verabreicht werden, so daß neun Personen, darunter eine Frau, die am Wege entbunden worden war, gestorben und zwei wahnsinnig geworden sind. Der Transport wurde in drei Teile geteilt zuerst die Männer, dann die Frauen mit den kleinen Kindern uno in einer besonderen Gruppe die Mädchen damit diese immer für die Gelüste der Kosaken zur Verfügung seien. Sie wurden auch alle vergewaltigt. Die in Sniatyn nicht von den Kosaken weggeführten. Gegenstände schenkten die Russen den Bauern der Umgebung, die sich diese Geschenke mit Wagen abholen mußten. Bürgermeister Michael N i e m c z e w s k i, der als Präsident des Sokolvereines die Legionäre aus Sniatyn ausgehoben, organisiert und zur Zentralstelle geschickt hatte, mußte sich vor der Ankunft der Russen in Sicherheit bringen, denn er stand aus ihrer Proskriptionsliste. Dafür haben die Feinde ihre Rache an seinem Besitze gekühlt. .Zuerst schleppten die Offiziere aus seiner Apotheke alle Medizinalweine, Parfüms und Toilettegegenstände in mehreren Lastautomobilen fort, dann wurden die Medikamente und sonstigen Vorräte, soweit sie von den Räubern gebraucht werden konnten, fortgebracht und schließlich wurden alle Flaschen und Gläser zerschlagen, die Einrichtung zerstört und die Drogen unbrauchbar gemacht. Der Bürgermeister kehrte sofort nach der Befreiung Sniatyns aus russischer Gewalt auf seinen Posten zurück, setzte sich mit dem Bezirksobmann und Reichsratsabgeordneten Baron M o y s a sowie mit dem Ministerium des Innern und der Statthalterei in Verbindung und ist nun mit Hilfe von zwölf Gendarmen beschäftigt, das von den Russen verschleppte und an die Landbevölkerung verschenkte Gut zustande zu bringen. Zugleich organise^te er auch den H'lssdienst für die notleidende Bevölkerung. Während der Russentage hatte Sniatyn auch einen hohen Besuch: eine Rote Kreuz-Schwester, die als die Schwester des Zaren, Großfürstin Olga Feodorowna, bezeichnet und von den Offizieren mit besonderer Hochachtung behandelt wurde. Sie scheint aber mit der Großfürstin nicht identisch zu sein, denn laut einem mst Augenzeugen aufgenommenen Protokoll hat s e in Begleitung von Offizieren Streifzüge in die verlassenen Geschäfte und Wohnungen gemacht und aus dem Lokal des abwesenden Meier B i r m a n n Reißzeuge und Papiere, aus der reichhaltigen Bibliothek des Professors Baß wertvolle Bücher mitgenommen. Die rassigen Offiziere, unter deren Leitung und Anwesenheit 'die Greueltaten und Plünderungen in Sniatyn verübt wurden, sind: Kommandierender General Graf Keller, General Kniaz Muchransk i-B a g r a- 31 o n, Regimentsrittmeister Polonski v. Z y t o m i e r z, Oberleutnant Baron Engel, Artillerieoberft Anton Petrowitsch- Essau, der Rittmeister der Donschen Kosaken Wladimir Semen o w i t s ch-A r m e n o w und Körnet Nikolaj Alerandrow i t s ch^S t i r o w. Ueber die Russen in Gwozdziec, wo sie am 13. Mai ein rückten, wird uns gemeldet: Der Rest der jüdischen Bevölkerung der überfallenen Stadt, die weder Mittel noch Kraft zu flüchten hatte, die; vom Alter 'Gebeugten, die schwachen Frauen und Säüglinge blieben in der Stadt zurück und harrten mit Angst und Schauder des traurigen Schicksals. In dem Momente des Einrückens der Kosaken wurden alle jüdischen Läden geöffnet, das Rauben und Plündern begann. Auf ein gegebenes Zeichen hatten fich bald alle in der Umgebung unseres Städtchens wohnenden Bauern in Massen versammelt und zeigten den Kosaken an, wo jüdisches Hab und Gut versteckt war, und mancher dieser einheimischen Feinde übertraf noch in seiner Raubgier und Habsucht den wildesten Kosaken. Während des vierwöchentlichen Aufenthaltes der feindlichen Truppen in unserer Stadt mußten die zurückgebliebenen Einwohner sich in Kellern einmauern, auf Dachböden verstecken, im nahen Waldgebüsche ihre karge Nahrung zubereiteu, und keiner wagte die Straße zu passieren. Biele Frauen und Mädchen wurden von dieser rudidäten Horde geschändet, viele Juden wurden auf nackten Körpern gepeitscht. Ein Jude, der blitzschnell die Straße vorbei eilte, wurde von einem Kosaken überfallen, der von ihm eine gewisse Geldsumme verlangte. Als der Ueberfallene mehrmals beteuerte, er habe bei sich gar keinen Heller, spornte der wilde Russe sein Pferd und stampfte aus den Unglücklichen, der bald zu Boden siel. los. Das wiederholte er solange, bis der Getretene, vom Hufeiseil des Pferdes zerfleischt, bewußtlos in Blutlachen zusammn, brach. Dem Stadtrabbiner wurden aus offener Straße die Beinkleider ausgezogen und wie ein wildes Tier wurde er zum Schanzengrabeu gejagt. Der Rabbiner-Stellvertreter wurde ebenfalls nackt ausgezogen und mit der Nagaika gepeitscht gezwungen, die letzte ^Barschaft abzugeben. jSolche schaudernde, herzzerreißende Szenen spielten sich während vier Wochen in unserem Städtchen ab. Der Großrabbiner der Türkei beim Sultan. Aus Konstantinopel wird geschrieben: Die Wieder genesung des Sultans hat in den Kreisen der jüdischen Bevölkerung des türkischen Reiches grenzenlose Freude hervorgerufen. So wie während der Krankheit des Sultans in sämtlichen Synagogenher europäischen uud asiatischen Türkei fast ununterbrochen Gebete für die Wiederherstellung seiner Gesundheit verrichtet wurden, so erschollen bei der Kunde seiner Genesung in den jüdischen Bethäusern aller Riten Dankeshymnen. Der Großrabbiner der Türkei Chaim Rahn m erschien wiederholt im kaiserlichen Palais, um sich über den Zustand des Sultans zu erkundigen. Als er in Begleitung seines Sekretärs im Palais erschienen war, um die Freude der jüdischen Bevölkerung über die Wiederherstellung ihres kaiserlichen Herrn zu verdolmetschen, erfuhr der Sultan die Anwesenheit des Großrabbiners. Seine Majestät ließ durch beu ersten Kanzler Tewfik E b e y und dem ersten Sekretär Fuad Bey dem Großrabbiner und durch ihn der jüdischen Bevölkerung seine Grüße übermitteln und seine Freude über die Anhänglichkeit der Juden zu Thron und Vaterland aussprechen. Professor Israel in Konstantinvpel. Wie die Konstantinopler „Aurore" meldet, hat der berühmte Berliner Chirurg Professor Dr. Ich r a e l, welcher bekanntlich an das Krankenlager des Sultans berufen worden war, seine Anwesenheit in Konstantinopel dazu benützt, um auch mit den maßgebenden Persönlichkeiten des ottomanischen Judentums in Fühlung zu treten und einzelne jüdische Anstalten in Augenschein zu nehmen. Professor I s r a e l stattete auch dem Großrabbiner Chaim Nah u m einen längeren Besuch ab, Ebenso erschien er im jüdischen Spital Or-Chachajim und besichtigte alle Einrichtungen desselben. Professor Israel freute sich, erklären zu können, daß das Spital mit seinen modernen Einrichtungen auch den rigorosesten Ansprüchen zu genügen in der Lage ist, und gab dieser Meinung durch anerkennende Worte für die Leitung und die Aerzte in dem Fremdenbuch des Spitals Ausdruck. Das Spital Or-Chachajim ist auch für die Verwundetenpflege von großer Bedeutung.