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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-07-30 · 31 (30.7.1915) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
31 (30.7.1915)
Date
1915-07-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 582 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 31 FeuMewn. Ins jüdische KnraürenLagrr von Krnür a K. Von Dr Heinrich Schreiber. Die Einweihung eines Tempels führte mich ins Flüchllingslager nach Bruck a. L. Es heM „K. k. Barackenlager" und dort hat die ftaattiti^e Fürsorge inmitten des Lagers eine Synagoge errichter, die am Sonntag, den 27. Juni, ihrem frommen Zwecke zuaesührt werden sollte. Die Fahrt dahin begann etwas abenteuerlich. Der Andrang zu den Sonnlagszügen war so gewaltig, daß Stunden vor Abgang des Zuges die Schalter gesperrt und die Kartenausgabe eingestellt wurde. Wer für nor * male Verhältnisse zu zeitig am Bahnhose erschien, der blieb diesmal als Säumiger zurück. Da hals kein Remonstrieren, nicht die Bedeutung und Unaufschiebbarkeit des Anlasses, auch nicht die Vorweisung der offiziellen Einladung der k. k. Bürackenverwaltung i— ich und mit mir einige andere ansehnliche Delegierte öffentlicher Körperschaften wurden nicht mitgenommen. Wollten wir nicht zurückbleiben und unverrichteter Dinge Kehrt machen, so mußten wir zu einem anderen Beförderungsmittel greifen. Gedacht, getan. Wir beschlossen die gemeinsame Miete eines Automobils und guten Mutes, ungeachtet dessen, daß das Fahrgeld jählings in die Höhe gesprungen war, sausten wir in brütender Mittagshitze über Simmering, an den Mauern der großen Toten stadt vorbei, gegen Schwechat, wo die Schornsteine der großen Brauereien die lechzende Sehnsucht nach einem frischen Trünke weckten. Ihm zu stillen,-sollte uns nicht versagt bleiben; länger als uns lieb war, denn plötzlich knckltte und ruckte es und das Auto blieb stehen. Die Pneumatik war gesprungen, ein Zylinder war gebrochen und die Kraft des Wagens zur Ohnmacht verurteilt. An eine Behebung des Gebrechens war nicht zu denken. Der Kraftwagen ließ uns im Stiche und wir mußten ihn im Stiche lassen. In Schwechat selbst war ein Ersatz für das Auto nicht auszutreiüen. Es bliebe also nichts übrig, als aus dieser zweiten Etappe die Weiterfahrt aufzugeben und mit der „Elektrischen", in deren Bereiche wir uns noch befanden, an den' häuslichen Herd zurückzukehren. Doch hielten wir es für geziemend, unsere Gastgeber, die k. k. Barackenverwaltung, telephonisch von unserem Ungemach zu verständigen, was nach einigen Mühseligkeiten (die öffentlichen Sprechstellen waren des Sonntags wegen gesperrt) durch die gütige Aushilfe der Paul Schisf'schenFabrik gelang. Hier wurde uns die uns besonders erfreuende Benachrichtigung zuteil, daß die k. k. Barackenverwaltung auf unsere Teilnahme nicht verzichten wolle, und daß sohin verfügt wurde, daß ein ärarisches Dienstauto uns entgegengesendet werde. Bis das Auto kam, wurde in der Schwechater Brauhauswirtschast ein kühlendes Getränk nach dem anderen kredenzt und muntere Gespräche würzten und kürzten die Wartezeit, bis das stürmische Tuten die Ankunft des ärarischen Fahrzeuges verkündete, das uns surrend über die weite Reichsstraße und ihre Pappelalleen gegen Bruck zu entführte. Ganz harmlos freilich sollte auch dieses letzte Stück der Fahrt nicht verstreichen. Plötzlich aufgezogenem, schwarzen Gewölle,. das die glühenden Sonnenstrahlen verdunkelte, entfuhren Donner und Blitze und der peitschende Regen prasselte auf das Leinendach des Autos nieder. Doch unentwegt wurde das flache Land passiert; bald wurden die ersten Häuser des Städtchens sichtbar, die Hauptstraße wurde rasch durchfahren und schon tauchte das Tor des Barackenlagers auf. Das ganze Geviert ist eingezäunt von Stacheldraht und die Einfahrt bewacht von bewehrten Soldaten. Der Platz ist belegt von hölzernen Baracken, die einen schmucken und sauberen Eindruck machen, und der weire Plan ist belebt.von — wie sage ich denn gleich — also von „Kindern Israels", Männern und Frauen, Greisen und Kindern. Das war alles bunt durcheinandergewürfelt, die Männer zumeist in ihren Kaftans und mit Schiläfenlocken, die halbwüchsigen Jungen ebenso angetan, die Frauen zwar ärmlich, aber recht reinlich gekleidet, einige Mädchen von beachtenswerter Anmut und Schönheit. Das quirlte und summte durcheinander und blieb immer beieinander wie eine hin- und herflutende Herde, die sich stets um ihren Hüter schart. Heute gab es allerdings viel zu schauen; galt es doch, die Gäste, zu empfangen, bon denen einzelne in großer Staatstracht, die Brust mit Orden geschmückt, erschienen , waren. Und dann bewegte sich der Zug zum Tempel, zur feierlichen Eröffnung des Gotteshauses, die der Samborer Rabbiner in - beredter, in schönem Deutsch gehaltener, sinnreicher und patriotischer Predigt zelebrierte. :;; i; | | Die Tempelhalle selbst macht einen fesselnden, künstlerischen Eindruck; geräumig, hoch und hell. Durch ein schönes Vorhaus gelangt man in das breite Schiff, das für Hunderte Menschen Platz bietet; darüber erhebt sich die Frauengalerie, die durch eine Balustrade halb in Holz, halb in farbigen Gläsern ausgeführt, von den Männersitzen geschieden ist. Die zierlich ornamentierte Bundeslade ist in die Stirnwand eingelassen und in der Mitte davor erhebt sich nach allen Seiten frei das Pult des Vorbeters. Eine helle, freundliche Stimmung, die durch die schöne Malerei und das zu Ehren des. Tages .geschlungene. Reisiggewinde gewinnt, ist über das Gotteshaus gelagert, dessen Bedeutung und Geltung mir darin zum Bewußtsein kam, daß es vielleicht das erste und das einzige ist, welches der Staat selbst und mit eigenen Mitteln für eine jüdische Gemeinschaft erbaut hat. Es ist eine „k. k." Synagoge im buchstäblichen Sinne des Wortes. Als der Gottesdienst beendet war, flutete wieder alles zur Besichtigung der Wohnstätten, der Arbeitsstätten, der Unterrichtsräume und zuletzt zum Spitale, Das erfreulicherweise bis auf einige wenige Betten leerstand, ein Beweis für die günstigen Salubritärsverhältnisse, die das Lager auszeichnen. Freilich, ganz idyllisch ging es nicht zu.' Einzelne Flüchtlinge begannen zu wehklagen und zu jammern, und ich mache kein Hehl daraus, es geschah in überaus schriller und ungebärdiger Form, die uns umso unbegreiflicher war, als die Beschwerden jeden sachlichen Gehaltes entbehrten. So wurde uns wenigstens von zuständiger (jüdischer) Seite versichert. Eine Frau hob schreiend ihre Röcke, um ihre bloßen Beine zu zeigen als nacktes t-oi rus delicti, daß sie bei der Schuh- und Strumpfverteilung zu kurz gekommen sei. Eine andere wehklagte, sie wäre sonst zu schmal gehalten und erging sich dabei in solchen Invektiven, daß man sie absondern mußte. Das war das Signal zu einem neuen Auftritt. Ihre Tochter, ein wilder, blonder Lockenkopf, mit Formen, die zu üppiger Schönheit sich entfaltet hatten, erlahmte nicht, das versammelte Volk zu haranguieren. Polternd fuhren ihre Fäuste, gegen die Türe des mütterlichen Arrestes, und die Mutter machte das Echo, indem sie von innen gegen die Türpfosten hämmerte. Das junge Mädchen aber rief immerzu: „Ich werde mich bei dem „Herrn Kaiser" beklagen, bis es endlich den begütigenden Worten des , herbeigeeilten Abgeordneten Dr. Ritter von Löwenstein, der in ihrem Jargon auf sie einredete und offenbar auch sonst seinen Worten einen klingenden Nachdruck

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